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Mittwoch, 13. Januar 2010

Marktwirtschaft

08.01.2010

Vor ca. 15 Jahren startete Essilor eine Strategie, die in der internationalen, optischen Industrie mit immer größerer Sorge betrachtet wird: Bildlich gesprochen wird jedes Unternehmen, das nicht bis drei auf den Bäumen ist, gekauft. In jüngerer Zeit gilt das auch für die Randbereiche der ophthalmic optics wie dieser Industriezweig international genannt wird. Das ist für den mittelständischen Augenoptiker kaum von Belang, vielleicht auch nur von generellem Interesse, und es steht jedem Unternehmen frei, ebenso zu erfahren, wenn es über die liquiden Mittel verfügt. Das ist Marktwirtschaft.

Diese Einleitung dreht sich um eine Übernahme in Amerika, über die unsere FOCUS-NetNews am 18. Dezember berichteten und deren Bedeutung wohl nur den wenigsten bewusst ist. Deren Begründung sollten sich mittelständische Augenoptiker aber doch durch den Kopf gehen lassen und einmal grundsätzlich auf ihr eigenes Geschäft reflektieren. Die Millionen Dollar, um die es in dieser Übernahme der im Nasdaq gelisteten FGX International Holdings Limited (FGXI) geht, sind hier uninteressant. Produkte von FGXI werden in mehr als 68.000 Discountmärkten, Drogerien, Tankstellen, Kaufhäusern und augenoptischen Fachgeschäften in den USA und Kanada verkauft.
So what, denken Sie vielleicht. FGXI ist in den USA und Kanada der absolute Marktführer bei Fertiglesebrillen, und bei Sonnenbrillen im VK unter 30 US$. Und zusätzlich besitzt dieses Unternehmen eine Vielzahl in den Staaten renommierter Marken. Diese Märkte möchte Essilor durchdringen.
Was heißt das grundsätzlich? Der Markt für Rezeptgläser und individualisierte Brillen ist limitiert. Er wächst weltweit nicht in dem Umfang, den alle erwartet hatten. Die älter werdende Bevölkerung kauft global nicht die Mengen von Mehrstärkenbrillen, die kalkulatorisch und statistisch erwartet werden. 1.000 € und mehr für eine Gleitsichtbrille sind für die Mehrheit der Bevölkerung einfach unbezahlbar.
Und warum muss man sich mit Mitte Vierzig eine Gleitsichtbrille kaufen, wenn man sie doch nur zum Lesen braucht, aber den ganzen Tag tragen soll? Denn in die Ferne können die meisten ohne Brille bestens sehen – in deren Verständnis. Wer jetzt mit der Brillenstudie kommt, laut der fast 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine Brille trägt, der ist in eine Interpretationsfalle gerannt. Fast 60 Prozent der Bevölkerung besitzen eine Brille oder Sonnenbrille – sie haben sie nicht ständig in Gebrauch – sie besitzen sie nur!
Nur etwas mehr als 20 Prozent tragen tatsächlich regelmäßig oder ständig eine Brille. Dieser Prozentsatz müsste also seit Jahren gestiegen sein und im Verlauf der kommenden Jahre schneller größer werden. Tut er aber nicht!
Zunächst steigt er nicht, weil die Bevölkerung die Ready Readers (Fertiglesebrillen) nicht als Brille wahrnimmt – ist ja nur eine bessere Lupe. Und der andere Grund: Warum soll man so viel Geld ausgeben für eine Lesebrille, mit der man nicht wirklich so unendlich viel besser lesen kann als mit einer für unter10 €? Darauf hat niemand in der Branche eine kundenfreundliche und kunden-verständliche Antwort. Gibt es eine solche Antwort überhaupt?
Fazit: Der Anteil der älteren Bevölkerung, deren Mitglieder eine Leseunterstützung benötigen, wächst. Sie kaufen diese aber nicht beim Augenoptiker, sondern dort, wo sie sie gerade angeboten bekommen und wo sie sie dann just for fun kaufen. Sich beim Fachmann für Gutes Sehen umzuschauen, auf diese Idee kommen sie nicht einmal im Traum.
Ich erlebe es fast täglich mit meiner Frau. Sie ist von einem der profi liertesten Optometristen binokular bis zum sinnvollen Anschlag korrigiert, verfügt über drei (für Kundenkreise sündhaft teure) Brillen. Sie trägt sie aber nicht außer zum Autofahren. Stattdessen fl iegen bei uns zuhause und ihrem Büro Ready Readers rum. Mit ihrer Freundin zusammen überbieten sie sich gegenseitig darin, wer die verrückteste oder kleinste irgendwo gefunden hat. Meine Frau will einfach keine Brille ständig tragen. Punkt.
Wenn wir zum Anfang dieses Kommentars zurückkommen, schließt sich der Kreis. Hubert Sagniers, der Präsident von Essilor Amerika sagte nach dem Deal mit FGXI: „Die Nachfrage nach Brillen ohne individuelle Refraktionswerte steigt unübersehbar. Trotzdem passt unser Angebot von hochwertigen Korrektionsgläsern bestens in den Markt, es wird sogar durch die demographischen Veränderungen gefördert. Diese Übernahme folgt der Linie von Essilor solche Ressourcen zu beschaffen, die wir benötigen, um die weltweit unterschiedlichsten Segmente des Brillenmarktes zufrieden stellend bedienen zu können. Und zusätzlich werden mit dieser Übernahme unsere Geschäftsgrundlage verstärkt und gleichzeitig unsere Wachstumschancen vergrößert.“
Warum sehen mittelständische Augenoptiker das nicht genau so oder so ähnlich? Angepasst natürlich auf ihre örtliche Marktsituation.

.(Javascript muss aktiviert sein, um diese Mail-Adresse zu sehen) am 13.01.2010 um 14:03 Uhr
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Kommentare:



Guter Artikel, soweit es sich um die Fertigbrille für reine Alterssichtige dreht.

Dabei übersieht die Branche aber, welches Potential bei der Fernkorrektur liegt. Würde bei jedem Autounfall neben dem Drogen- und Alkoholtest auch ein Visustest unter den Bedingungen zum Zeitpunkt des Unfalls gemacht werden, ginge es den qualifizierten Augenoptikern besser.

Dann hätten die weiblichen Myopen mit 1-2 Dioptrien ohne Korrektur und Handy am Ohr bestimmt schnell mal eine paar Punkte in Flensburg und so mancher selbstbewusst männliche Senior mit seinen +1,5 in der Ferne nächtens “ohne”  erwischt, auch.

Aber solange man im TV bei Politik, Redaktion und Promis nur die Druckstreifen der Brillenbügel sieht und nicht das Objekt im Gesicht, taugt die Lobby der Augenoptiker nichts. Das Problem ist eben hausgemacht!

Was stand mal in einer Menrad-Broschüre sinngemäß? “Wer keine Brille in der Öffentlichkeit trägt, belügt uns auch woanders”

MfG
Hermann Schulze

Hermann Schulze am 14.01.2010 um 10:19 Uhr
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