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Augenoptiker können ein sehr eigenartiges Völkchen sein. Meist ist nur das richtig, was aus augenoptischer Sicht richtig sein kann. Und von diesem Standpunkt aus wird die Welt geformt. Dass die Welt das anders sieht (falls es ihr überhaupt auffällt, oder ihr die ewigen Krakeeler auf den Geist gehen) interessiert nicht. Auch dass ihr Verhalten andere, die mit im Boot sitzen, tangiert und vielleicht stören könnte, interessiert schon gar nicht.
Da durfte Thomas Kochniss in Berlin während des Trendforums seine üblichen Tiraden vom Stapel lassen. Dieses Mal allerdings in einer dermaßen penetrant einseitigen Art, dass es nicht zum Aushalten war. Kein Wunder, dass draußen vor dem Vortragssaal mehr los war als drinnen. Sein Erfolg im heimischen Wetzlar, den er unzweifelhaft hat, ist nicht der Maßstab der Branche. Er ist ein Unikat – in Berlin trat er auf als Unikum, drosch längst leeres Stroh und zeigte den Trend des von der Realität längst überholten Lonely Cowboy.
Da behauptet er ohne rot zu werden, allein in einem Inhaber geführten Betrieb hätten die Kunden die Gewissheit, dass sie sach- und fachgerecht auf ihre individuellen Bedürfnisse hin versorgt werden. Allen anderen Systemen sprach er schlicht den Erfolg ab. Kann man das mit einem lauten Lachen abtun? Die Teilnehmer wirtschaftlich erfolgreicher Filialbetriebe haben sicherlich nur müde abgewinkt ob solcher Plattitüden.
Denn die Realität ist eine völlig andere, auch wenn Herr Kochniss (beim Kuchenbuffet hörte ich: Ein Mann wie ein Baum – Freunde nennen ihn Bonsai) das nicht wahr haben will. Immerhin erwirtschaften die ca. 1.200 Niederlassungen der Filialunternehmen rund 50% des Branchenumsatzes und je nach Zählweise bis zu 2/3 der Stückzahlen. Den übrigen 9.000 Betrieben bleibt der kümmerliche Rest.
Empörend auch die Feststellung, dass die optische Industrie und die Lieferanten von Brillengläsern und Brillenfassungen bloß Halbfertigfabrikate liefern, die erst durch die geniale Behandlung des Augenoptikers zu einem hochwertigen Produkt veredelt werden. So wie Kochniss das vortrug hätte es niemanden erstaunt auch noch das Adjektiv „minderwertig“ zu hören. Es ist unverschämt, so über z.B. individualisierte Gleitsichtgläser aus hoch brechenden Kunststoffen oder Brillenfassungen aus verschiedensten Kompositwerkstoffen zu sprechen. Insbesondere dann, wenn diese teuren Produkte – gerade wegen des Bruchrisikos und der weit verbreiteten Unkenntnis wie sie bearbeitet werden dürfen – vom Augenoptiker heute eben nicht mehr persönlich so genial behandelt werden.
Wissen Augenoptiker von diesen modernen Werkstoffen, wie sie entwickelt und verarbeitet werden? Interessiert es sie überhaupt? Wenn sie versuchen wollten, diese Zusammenhänge zu verstehen, dann würde die Wertigkeit der ständig besungenen genialen Behandlung des Augenoptikers einem kritischen Hinterfragen kaum noch standhalten. Es darf in diesem Zusammenhang die Frage gestellt werden, ob sich Augenoptiker ähnlich intensive Gedanken machen, um ihren Kunden eine Brille nach deren Bedürfnissen zu bauen wie sich die augenoptische Industrie in der Mehrzahl Gedanken macht, welche grundsätzlichen Bedürfnisse die Endverbraucher haben und wie diese befriedigt werden könnten.
Ein anderes Beispiel ist die Aufgeregtheit über die Worte des Spectaris-Vorsitzenden Josef May, der wenige Tage vorher anlässlich der Landesverbandstagung in Dortmund deutliche Worte der Kritik wegen der ständigen Angriffe und Prozesse des ZVA gegen die Augenärzte anbrachte. Egal, ob die Annahmen von Winfried Bahn (Optiker Gilde) zu einem Umsatzeinbruch der Branche führen oder nicht, sie beeinflussen ihn ganz bestimmt indirekt negativ. Das bekommen nicht nur die Augenoptiker zu spüren, sondern eben auch die Lieferanten und die Industrie.
Die Unsicherheit tangiert auch die Lieferantenseite. Schließlich muss auf augenoptischer Seite vielleicht nur einer der 51% existenzbedrohten Geschäfte schließen. Für den Inhaber und seine Familie ganz bestimmt ein fürchterliches Erleben. Im Falle der Zulieferer und der Industrie könnte es dagegen schnell ein paar hundert Mitarbeiter treffen. Oder erfolgversprechende Produktverbesserungen und Neuentwicklungen müssten aufgeschoben werden, weil die Budgets für Forschung und Entwicklung eingefroren werden.
In Dortmund hat May den anwesenden mittelständischen Augenoptikern die Treue der augenoptischen Industrie versichert. Wie lange wird das so bleiben? Schon Mitte der 80er Jahre habe ich in einem mehrteiligen Beitrag beschrieben, warum z.B. alle dem Handwerk und mittelständischen Einzelhandel treu ergebenen deutschen Industrien vom Markt gefegt wurden.
Die Treueschwüre des Mittelstands, nur die guten und sehr teuren Artikel aus deutscher Herstellung zu kaufen, waren Meineide. Stimmt schon, hinzu kamen gravierende Fehler und Entwicklungen wurden einfach verschlafen wie z.B. die Spiegelreflexkamera. Während die Industrie (Foto und Radio/Fernsehen) Großvertriebsformen mit ihren Markenprodukten aber vereinbarungsgemäß viel zu lange nicht belieferte, verhielten sich die Akteure dieser Branchen wenig loyal. Der Mittelstand kaufte die billigeren Importwaren und verkaufte sie zu ähnlichen Preisen wie deutsche Markenartikel.
Was machen Augenoptiker heute in der Mehrzahl eigentlich anders?
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»»» Sturm im Wasserglas
««« Luxus
Was wohl bei allen Optikern in Vergessenheit geraten ist: Wir handeln mit Produkten, die keiner will! Unsere Verbände, die Industrie und selbst wir haben es in den letzten 20 Jahren nicht geschafft, die Brille begehrenswert zu machen (mal abgesehen von den 80igern, als die Brillen farbig wurden) - sie ist und bleibt die lästige Krücke, die viel Geld kostet.
Dabei möchte ich mich aber auch noch ganz herzlich bei der Optikergeneration bedanken, die zwischen 1982-1995 unsere Kunden erst auf das heutige Preisniveau gebracht haben. Wenn man heute fast einen Kredit aufnehmen muss, um eine vernünftige Brille zu bekommen, dann darf es doch auch keinen wundern, dass die Filialisten mehr und mehr Marktanteile bekommen. In diesem Sinne wünsche ich Herrn Kochniss und allen anderen Unikaten ein gesundes Selbstbewußtsein, Verzeihung ich meinte: ein gesundes neues Jahr.
Herzlichst
Martin Koberg