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Dienstag, 15. November 2005

Nur noch Show

Brillen(fassungen) und Sonnenbrillen (Wer trägt die heute eigentlich noch? Das ist ja wie Nierentische. Heute trägt man nur noch Sportbrillen!) zu verkaufen ist ein immer schwierigeres Geschäft. Das wurde gerade wieder in Paris auf der Silmo bewiesen. Aus sich heraus, also wegen des Designs, der Qualität des Materials oder der Verarbeitung, lässt sich nichts mehr verkaufen – so hat es den Anschein, lässt man den Eindruck auf sich wirken beim Wandel durch die Standgassen. Wer nicht irgendeinen völlig abgefahrenen Extremsportler nachweisen kann, der die eigene Sonnenbrille bei Ausübung seines Wahnsinns trägt, ist schon der Loser auf der ganzen Front.

Und dann siehst du sie da sitzen, die Couch Potatoes, wie sie, den Energydrink in der verkrampften Faust, auf riesige Leinwände starren und zuschauen wie sich andere Gleichaltrige um Kopf und Kragen „sportlich“ betätigen und bei ihren Abfahrtsläufen, aus dem sicheren Helikopter gefilmt, Lawinen lostreten und schneller sein müssen, um nicht verschüttet zu werden oder auf haushohen Wellen reiten und durch gefährliche Wassertunnels rasen, um nicht von diesen hunderten Tonnen Wassers zerquetscht zu werden.

Ja, das ist geil. Auch wenn man den eigenen Arsch nicht hochkriegt aus dem bequemen Sessel und sich ohne Fluppe zwischen den Fingern und die Nuckelflasche in der anderen Hand irgendwie uncool vorkommt, fühlt man mit. Und wenn du diese Brille trägst, könntest du das auch machen – sieht ja auch ganz easy aus und vor allem: cool. Wir sind Papst und Snowboarder!

Und dann siehst du sie, die frustrierten und vergrämten Grünen Witwen in Scharen Nordik Walken (besser Staksen). In voller Montur und passenden Brillen machen sie Feld und Wald unsicher und trampeln alles nieder mit ihren Knüppeln. Die SZ schrieb kürzlich, dass bald Nordik Biken als der neue ultimative Kick angesagt sein soll.

Halbnackte Kindfrauen, die nachts nur an Schnüffelstangen beim Lapdance Halt finden und den Rest des Tages im Koma liegen, schlendern über die Messe und zeigen Nasenfahrräder, die als Sonnenbrillen untauglich und als Modegag nicht gackig genug sind. Diese Dinger dürfen zwar in der Disse getragen werden, aber auf dem Weg dorthin im tiefergelegten Polo und erst recht nachts auf dem Heimweg sind sie polizeilich verboten – weil nicht tauglich und nicht zugelassen für den Straßenverkehr.

Dann wieder ist das Bemühen anderer Anbieter unübersehbar, aus dieser Schmuddelecke raus zu wollen in das andere Extrem der Welt, die der Guccis, Hermès oder Louis Vuittons. Da kann man schließlich mehr Knete abgraben. Aber das Flair und Ambiente wirken nachgemacht, weil man die über Generationen gewachsene und gediegene Geschichte dieser aristokratischen Welt nie erreichen kann. Das neureiche Moment, die fehlende tragende Philosophie sind in allen Darstellungen unübersehbar, weil es noch keine gelebte Tradition gibt, sondern nur eine aufgesetzte, und es wird auch wohl nie eine echte geben. Der erste, schnelle Eindruck blendet tatsächlich, täuscht, und bei näherem Hinsehen springen einem die Stilbrüche und das Gewollte, aber nicht Gekonnte, ins Gesicht.

Diese Anbieter wissen es selbst und haben auch ein schlechtes Gewissen, weshalb sie zwar den Nimbus der Tradition zu verkaufen suchen. Da sie erkennen, dass sie bald durchschaut sind, bieten sie ihre Ware etwas günstiger an mit dem Hinweis, Na ja, auf den ersten Blick sieht’s doch aus wie echt. Das ist die größte Frechheit.

Denn, wenn man schon mit Nachahmungen in diese Richtung schielt, dann muss man auch ganz frech die gleichen oder gar höhere Preise verlangen. Da sind mir die Chinesen lieber, weil ehrlicher. Deren Fakes kauft man bewusst als Fake. Aber der Preis ist im tiefen Keller zu suchen. Eine Lange & Söhne Automatic HAU mit Kalender und Gangreserve kostet in Peking Euro 25,-; und auf der Rückseite steht Swiss Made.

In dieser Welt leben wir? Es stimmt, der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Wenn die Kunden das heute verlangen, muss der mittelständische Augenoptiker sein Angebot darauf einstellen. Wenn er es nicht tut, machen es andere – richtig.

Ernsthaft ungesund wird es erst, wenn alle anderen Anbieter, die seit Jahrzehnten ihr Tagwerk zur Zufriedenheit aller verrichten, ihr Design der Zeit entsprechend modifizieren und weiterentwickeln, dem Augenoptiker ein verlässlicher Partner sind, nicht nur an der schnellen Mark interessiert sind, sondern auch beraten, wenn die im Sperrfeuer der Blendung und Verarschung des Publikums nicht mehr wahrgenommen werden.

Wie z.B. Charmant. Ein großes Standareal, gut besucht, aber kein Gedränge. Ein Trio – Bass, Piano und Schlagzeug – spielte Boogie Woogie, Dixie und Swing – leise, aber unüberhörbar. Eine Oase. Ich hätte Stunden dort stehen und zuhören können. Aber vielleicht hat das auch etwas mit dem Alter zu tun. Egal.

Jörg Spangemacher am 15.11.2005 um 16:55 Uhr
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