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Freitag, 14. März 2008

Shijiazhuang

15.03.2008

Das liest sich nicht nur chinesisch, das ist es auch. So heißt eine Stadt in der Provinz, 350 Kilometer südlich von Peking. Diese Stadt in der Provinz Hebei (jetzt als Verwaltungsgebiet ähnlich unserer Bundesländer gemeint) hat immerhin acht Mio. Einwohner – und eine Fachhochschule mit insgesamt 8.000 Studenten, von denen 461 in das Studienfach Augenoptik eingeschrieben sind.
Aber jetzt sitze ich auf dem Rückweg nach Hause über Peking in einem Hotel in QinDao – dem früheren Tsing Tao. Das ist einer der beiden Gründe für diesen ungewohnten Kommentar, der eigentlich eine kurze Reisebeschreibung ist. Der andere ist, er muss vor Redaktionsschluss in Ratingen sein und ich war zu lange weg.
Diese Stadt wurde 1897 von deutschem Militär des Kaiserreiches annektiert und kolonialisiert. Dadurch zerbrach letztlich das Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Wegen der deutschtypischen Überheblichkeit bei der Landnahme kam es zu Unruhen, die später als der Boxeraufstand in die Geschichtsbücher Eingang fand.
Im Herbst vorigen Jahres wurde ich angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte diese FH zu besuchen, weil die Abteilungsleiter und der Rektor Kontakt zu Deutschland aufnehmen wollten. Sie seien überzeugt, dass die deutsche Augenoptik führend in der Welt sei und sie von dem Wissen partizipieren wollten. Da ich von Natur aus ein neugieriger und abenteuerlustiger Mensch bin und mich regelmäßig in China aufhalte, sagte ich einen Besuch im Februar zu, ohne wirklich zu wissen, auf was ich mich damit einlassen würde.
Was immer man sich unter einer FH in China vorstellt, ist grundverkehrt. Aber auf das, was mich erwartete, war ich nicht vorbereitet: Ein moderner Schulkomplex mit wenige Jahre alten Gebäuden. Das Internat für ausländische Studenten wird sogar erst in der ersten Märzwoche zum ersten Mal bezogen. Die Vorlesungsräume entsprechen dem äußeren Bild.
Der Präsident des Bethune Medical Colleges, Prof. Zhao Ying, und der Abteilungsleiter des Studienganges Augenoptik, Prof. Zhao Dongsheng, stellten nach der Begrüßungszeremonie ihre Schule mit einer PowerPoint-Präsentation vor. Die Sprachbarriere wurde mit Hilfe von zwei Dolmetschern überwunden, wobei Dr. Sun Zhicheng, der in Deutschland studiert hatte und nun eine Beraterfunktion an der FH ausübt, den deutschen Part übernahm. Mit anderen Worten, es war Chinesisch-Deutsch-Englisches Kauderwelsch. Aber es funktionierte. Die Augenoptik-Abteilung wurde erst 2004 eröffnet. Neben dem Abteilungsleiter lehren drei weitere Professoren, fünf assoziierte Professoren, fünf weitere Fachlehrer und noch fünf Assistenten.
Die Ausbildung in Shijiazhuang dauert zwei Jahre an der Schule. Die Studienanfänger haben Abitur oder eine ähnliche Qualifikation, aber keine Erfahrung mit der Augenoptik. In den zur Verfügung stehenden 2.400 Unterrichtsstunden bekommen sie die gesamte Materie eingebläut inklusive Ausschlussdiagnose. Die Arbeit in der Werkstatt wird nur gestreift.
Die Präsentation erlaubte mir schon einen Eindruck von der Ausstattung. Bei der Besichtigung der Labors aber konnte ich Instrumente und Maschinen für die Werkstatt in einem Umfang sehen, da würde sich manche deutsche Fachschule oder FH die Finger lecken. Natürlich gab es kein einziges deutsches Instrument zu sehen, weil einfach zu teuer. Trotzdem wird deutsche Technologie gesucht – und sie würde gekauft, wüsste man wie und wo.
Schließlich gibt es genügend eigene Hersteller, die alle Bedürfnisse eines Augenoptikers oder Optometristen befriedigen – so fehlen deutsche Produkte nicht wirklich. Und wer weiß schon in Deutschland, wo seine Spaltlampe tatsächlich herkommt, die er neu und günstig beschafft hat. Besonderheiten kommen aus Japan, und dann zumeist von Nidek oder Topcon.
Es gibt sechs Refraktions- und acht Kontaktlinsen-Anpassplätze, und alle entsprechen dem Niveau, das auch an unseren Schulen üblich ist. Auch das Lager an Apasssätzen braucht sich wirklich nicht zu verstecken.
Schließlich bat ich darum, einen Blick in die chinesischen Lehrbücher werfen zu dürfen. Verständlicherweise konnte ich nichts lesen. Aber der Strahlengang durch ein Fernrohr, oder ein Sturm’sches Konoid sieht hier genauso aus wie bei uns, genauso wie das auch für den Tränenfilm bei Blaulicht und Fluoreszein unter einer Kontaktlinse gilt. Die Beschreibung vom Einbläuen, die ich oben genannt hatte, trifft tatsächlich zu.
Natürlich wollte das Lehrerkollegium einen Bericht über Deutschland: Wie funktioniert unser Ausbildungssystem? Wie funktioniert der Markt, welche Industrie gibt es und wie groß ist sie? Da flogen die Bleistifte nur so übers Papier, um nur bloß kein Detail von dem zu verpassen, was ich berichten konnte. Wir vereinbarten zunächst, dass FOCUS und MAFO ein Mitglied des Lehrerkollegiums zu uns einladen werden und mit ihm oder ihr eine Rundreise zu einigen Schulen, Industrieunternehmen und Augenoptikern machen werden. Und im September, wenn ich wieder nach Peking zur Messe fliege, werde ich ein paar Tage anhängen, und dann wollen wir weiter darüber nachdenken, welche Form der Kooperation sich anbietet und wie sie umgesetzt werden soll.

Jörg Spangemacher am 14.03.2008 um 12:36 Uhr
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