Donnerstag, 15. Dezember 2011
15.12.2011
Als die Fluten in Thailand Mitte Oktober Bangkok erreichten, traf das Hochwasser natürlich auch die internationalen und lokalen Hersteller von Brillengläsern und die der Veredler, die dort produzieren. Die Produktion aller Werke musste eingestellt werden, auch der Werke, die höher liegen bzw. schnell genug fast wasserdichte Schutzwälle errichten konnten.
Die standen dann zwar nicht unter Wasser, waren aber von der Logistik abgeschnitten. Die Produktion war eingeschränkt, weil die Mitarbeiter nicht mehr sicher an ihre Arbeitsplätze gelangen konnten und die Zulieferer die Werke nicht mehr erreichen bzw. fertige Produkte nicht mehr ausgeliefert werden konnten. Das Wasser stand in einigen Teilen der Industrie¬gebiete schließlich bis zu zwei Metern hoch. Seit Anfang ¬Dezember entspannt sich die Lage wieder.
Ein Werk hat diese Jahrhundertflut ganz massiv getroffen. Der Konzern hatte in den vergangenen Jahren die Produktion von FreeForm-Gläsern von vier Standorten in ein Werk zusammengeführt. Seither kamen praktisch 90% aller dieser Gläser aus Ayutthaya. Dieser Ausfall der Produktion betraf auch die Augenoptiker in Deutschland.
Während einerseits die Produktion der elf eigenen Werke in Europa hochgefahren wurde zu drei Schichten an sieben Tagen pro Woche, schrieb man die Kunden an und bat um Verständnis für die Verzögerung in der Lieferung von Rezept¬gläsern. Schließlich braucht es eine Weile bis das alles organisiert ist und die Produktion rund läuft sowie neue ¬Vertriebswege geschaffen werden konnten.
Nun brauchen Mitbewerber ganz sicher nicht in heuchlerisches Bedauern ausbrechen. Es reicht doch, wenn man selbst mit einem blauen Auge davongekommen ist oder einfach nur Glück gehabt hat. Befremden löste aber ein Brief aus, den Mitbewerber an die Augenoptiker-Kunden des Havaristen verschickten, um daraus Kapital schlagen zu wollen, indem sie ihre adhoc-Lieferbereitschaft herausstellten.
Ein Brief ist ein Brief. Wirklich ekelig haben sich in der Folge einige Außendienstler geriert, indem sie Kunden des havarierten Lieferanten abzuziehen versuchten; das hat es in dieser Branche trotz allem unerbittlichen Wettbewerb bisher nicht gegeben. Haben wir inzwischen alle Moral und Anstand verloren? Schließlich boomt die Branche in Europa und besonders in Deutschland wie lange nicht mehr.
Es ist gut und gerne 15 Jahre her, dass ein großer deutscher Hersteller von Brillengläsern über endlos lang empfundende Monate Probleme mit den Entspiegelungsschichten hatte, als eine neue Technologie mit neuen Materialien zum Aufdampfen eingeführt werden sollte. Ein technisches Problem, das im Labor zwar bestens funktionierte, aber in der Serienproduktion einfach nicht in den Griff zu bekommen war. Natürlich mussten die Augenoptiker ausweichen und ihre Gläser in dieser Zeit bei anderen Lieferanten bestellen.
Ein mittelständischer Hersteller stand vor der Entscheidung eine dritte Arbeitsschicht einzuführen, um dem Auftragsstau Herr zu werden. Die Geschäftsleitung entschied sich dagegen, bald darauf brachen die Bestellungen ab und die Augenoptiker wandten sich wieder ihrem angestammten Lieferanten zu, denn die technischen Probleme waren behoben.
In dieser Zeit hielten alle Hersteller den Atem an und schauten gebannt nach Süden, denn alle hatten Angst, selbst ein solches Problem zu bekommen. Schließlich standen sie ebenfalls vor der Umstellung. Niemand weidete sich im Unglück des anderen und versuchte Kunden abzuwerben. Stattdessen schickten sie Stoßgebete zum Schutzpatron gegen Feuer und Stürme: „Heiliger St. Florian, schütz unser Haus, steck andere an.“
Heute sind die beiden weltweit marktbeherrschenden deutschen Maschinenbauer die lachenden Dritten. Welchen Schaden das Hochwasser in Thailand angerichtet hat, selbst in den Produktionen, in denen das Wasser nur eine Handbreit hoch stand, lässt sich zur Stunde nur erahnen. Niemand weiß wie viele Schlangen und anderes Getier es sich in den Maschinen und Anlagen gemütlich gemacht haben und wie sich die hohe Luftfeuchtigkeit und der Schlamm auf die empfindlichen Vakuumanlagen ausgewirkt hat.
Der Schaden für alle, ohne Ausnahme, ist immens, Fachleute sprechen von einem Investitionsbedarf von ca.
€ 20 Mio. Servicetechniker werden über Wochen hart zu arbeiten haben, um die Anlagen wieder in Stand zu setzen, die gerettet werden konnten.
Als im Mai 2008 der Nachbarstaat Birma nach dem Tropensturm Nargis im Wasser versank, nahmen wir dieses nationale Unglück zur Kenntnis und versuchten auch zu helfen. Dieses Mal aber bekamen wir die Abhängigkeit von weit entfernten nationalen Katastrophen zu spüren. Aber ohne diese globalen Produktionsstandorte würden die heute technischen Höchstleistungen in der ¬Brillenglastechnologie nicht ¬finanzierbar sein.
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