www.euro-focus.de  »  Brennpunkt  »  Was will der Kunde?
Montag, 15. Oktober 2007

Was will der Kunde?

15.10.2007

Ein Bekannter schickte mir vor längerer Zeit einen Text, der irgendwo und irgendwann einmal veröffentlicht worden sein muss. Er beschreibt, wie schwierig die Kommunikation zwischen dem Käufer und einem Augenoptiker sein muss, wenn es um die Beratung beim Verkauf einer Brillenfassung geht. Der eine scheint sich nicht erklären zu können, und der andere versteht ihn nicht. Und beide wollen etwas anderes, weshalb sie nicht zusammenkommen können:

Ich habe seit einem halben Jahr eine Brille, und der einzige Mensch, der mir gesagt hat, dass ich damit aussehe wie ein Idiot, ist mein Bruder. „Hallo Bruderherz“, sagte er, „lange nicht gesehen. Du siehst mit der Brille übrigens aus wie ein Idiot.“ Das waren seine Worte bei der Begrüßung letzte Woche. Er ist nicht immer höflich, aber immer ehrlich zu mir gewesen. Ich weiß das zu schätzen.

Dabei hatte ich mich beraten lassen. Ich hätte ein typisches Kleine-Brille-Gesicht, sagte die Augenoptikerin – runde Kopfform, niedrige Stirn, eng zusammenstehende Augen. Wenn ich mal einem Schimpansen eine Brille kaufen muss, weiß ich jetzt Bescheid.

Die Optikerin zeigte mir das Modell, das ich für mich Heiner Müller nannte, sie aber Dior 3000 irgendwas Deluxe. An der Seite hing an einem Faden ein kleines Papierschild, auf dem mit geübter Schrift eine Produktnummer und „513 Euro“ stand. Ich mag keine Geschäfte, bei denen die Preise mit der Hand auf kleine Schilder geschrieben werden. In solchen Geschäften haben die Verkäufer Zeit und Muße, solche Dinge zu tun, weil sie keine Kunden bedienen müssen. Mich macht das misstrauisch. Ich mag Etikettiermaschinen. Außerdem habe ich mich an Preise gewöhnt, die mit Neun aufhören.

„Haben Sie eine ähnliche, die nicht von einem französischen Designer ist?“ Ich fand das eine nette Art, ihr mitzuteilen, dass sie eine Vollmeise habe, mir so ein teures Ding zu zeigen.

„Natürlich. Wir haben Gucci da“, sagte die Optikerin, „der hat wunderbare Modelle. Gucci ist aus Italien“. Die kapiert es nicht.

„Haben Sie vielleicht eine Brille, die weniger als umgerechnet tausend Mark kostet?“ „Oh“, sagte die Verkäuferin, „natürlich, wir haben hier noch ein preiswertes, aber sehr trendiges Modell.“

Trendig ist ein schlimmes Wort, Quelle-Deutsch. Es ist so verkaufsfördernd wie topaktuell. In schlechten Frauenzeitschriften steht es in Artikeln, die Machen-Sie-mehr-aus-Ihrem-Typ heißen. Ich wollte aber nicht mehr aus meinem Typ machen. Ich wollte bloß gut sehen! Nie mehr in der letzten Kinoreihe bei „Pulp Fiction“ Uma Thurman mit John Travolta in dieser Tanzszene verwechseln, das wär’s.

„Gefällt sie Ihnen?“, fragte die Optikerin. Konnte ich so nicht sagen. Ich nahm das Gestell in die Hand und suchte das Schildchen. 219 Euro. Wenigstens eine Neun, dachte ich. „Hornoptik“, sagte die Verkäuferin. „Mein Vater hatte mal einen Kamm, der sah genauso aus“, sagte ich. „Wir haben die auch in anderen Farben, etwas peppiger.“

Wie kommt die darauf, dass ich etwas Peppiges in meinem Gesicht haben möchte? Ich wollte etwas Dezentes, eher dunkel, eher konservativ. Ich schaute mir das Gestell an. Es war langweilig, zuverlässig, brav, eine Opel-Brille. Meine Brille. „Was ist falsch an ihr?“, fragte ich meinen Bruder. „Alles“, sagte er. „Was genau“, fragte ich.

„Ich glaube, es ist dein Gesicht. Du bist der einzige Mensch auf der Welt, den eine Brille dümmer aussehen lässt. Warum lässt du dich nicht mal kompetent beraten?“

Jörg Spangemacher am 15.10.2007 um 11:38 Uhr
Permalink | Artikel empfehlen

Kommentare:


Kommentieren:

Anonyme Kommentare werden nicht veröffentlicht! Die Redaktion behält sich vor Kommentare nicht zu veröffentlichen, deren Autor nicht klar erkennbar ist oder denen keine reale Email-Adresse zugrunde liegt. Angegebene Email-Adressen werden stichprobenartig geprüft.

Name:

Email:

URL:

Persönliche Angaben speichern.

Benachrichtigung bei Folgekommentaren

»»» Luxus
««« „Judas“