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Mittwoch, 15. April 2009

Wenn’s dem Esel zu wohl wird …

15.04.2009

Wenn’s dem Esel zu wohl wird … dann geht er aufs Eis. So oder ähnlich kann man den Versuch werten, die Mido an die Fashionweek anzukoppeln. In Zeiten vor der Weltwirtschaftskrise mag das richtig gedacht sein, denn vor 2007 war das derzeitige weltweite Chaos nicht abzusehen. Damals schwamm man noch in der Euphorie des „Alles ist machbar, alles ist bezahlbar“.
Das aber ist längst Historie. Und bei der Abschlussbesprechung nach der Mido machte wohl kaum jemand der Beteiligten und der Veranstalter ein glückliches Gesicht. Der Siegeszug ist abrupt gestoppt. Die Mido musste ganz ans Ende des Geländes umziehen, weil die anderen drei Messen wahrscheinlich wichtiger waren und die älteren Rechte haben.
Die Besucher fehlten, Aussteller fehlten, die Anzahl der Standbesatzungen war eingedampft . Sieht man vom Sonntag mal ab, passen die offiziell genannten und die gefühlten Besucherzahlen nicht zusammen. Der Rückgang der Besucher muss drastischer ausgefallen sein als zugegeben. Auch die großen und zahlreichen Ruheräume zwischen den Ständen war der Beobachter bisher auf der Mido nicht gewohnt.
Wie schon früher kommentiert würfelt die Entscheidung, diese Messe zwei Monate nach vorne zu verlegen, den gesamten weltweiten und bisher fein austarierten Messezirkus der Branche durcheinander. Und das bekamen die Verantwortlichen deutlich zu spüren, sie schadeten sich selbst: Nur knapp sechs Wochen lagen zwischen opti und Mido. Die SIOF in Shanghai endete am Wochenende vor der Mido, drei Wochen später sollte sich die Branche schon wieder in New York treffen, und nach eine Woche weiter in Birmingham zur Optrafair? Und von den Messen in Moskau und Dubai will ich gar nicht erst reden. Da haben die Besucher richtig gerechnet, denn die Neuigkeiten kann man unter diesen Bedingungen auch während der heimischen Messe vor der eigenen Haustür sehen und vielleicht kaufen.
Viel schlimmer aus der Sicht des Beobachters war ein eklatanter Marketingfehler: Der Terminwechsel wurde nicht kommuniziert. Eine provisorische und hektisch eingerichtete Pressekonferenz im vorigen Jahr in New York in einer Ecke der Eingangshalle zur Vision Expo East hätte nur ein leiser Auftakt zu einer branchenweiten PR-Kampagne sein dürfen. Stattdessen aber – nichts.
Schließlich kann man nur jeden beglückwünschen, der sich entschieden hatte, nicht zur Mido zu fahren. Denn nach offizieller Angabe erwartete die Hotellerie von Mailand für dieses Mammutevent 300.000 Besucher (Betten). Die zu erwartende Knappheit der Bettenkapazität wollten sich die Hoteliers natürlich vergolden lassen mit Aufschlägen bis 300%.
Wer nicht bereit war, das zu bezahlen, musste Hotels bis an die Schweizer Grenze suchen und bis zu 60 Kilometer weit fahren. Dabei durfte man Staus auf den Autobahnen in einer Größenordnung und entsprechender Zeitverzögerung durchleben, die man nur aus Erzählungen aus China kennt. Auch eine Fahrt mit der U-Bahn von und zur Messe erinnerte an Filme von der Rushhour in Tokio, wo es eigens sogenannte Stopfer gibt, die die Menschen in die völlig überfüllte Züge pressen.
Ob die Entscheidung klug war, wird man erst nach ein paar Jahren im Rückblick wirklich beurteilen können. Eins aber kann jetzt schon konstatiert werden: Der Boom der High Fashion für Brillenfassungen und Sonnenbrillen jedenfalls ist auf absehbare Zeit vorbei. Dieser Boom und seine durch nichts anderes als aus dem Boom gerechtfertigten und völlig überzogenen Preise war nur möglich, solange eine kleine, zahlenmäßig aber nicht zu verachtende Klientel an Bankschmarotzern nicht wusste, wie und wo sie ihr Geld noch ausgeben konnte.
Die waren bereit, für jeden sinnlosen Schnickschnack jeden irrwitzigen Preis zu zahlen, solange nur irgendein Pseudolable dran pappte. Und viel zu viele Augenoptiker glaubten auf diesen Zug springen zu müssen, selbst wenn ihre eigene Marge wegen der Herstellerdiktate nicht einmal kostendeckend ist. Zumal nur der Preis dieser Produkte edel war – die Produktqualität selbst war meist Standard. Denn wie 80% aller Brillenfassungen kamen auch sie aus China, von denselben Produktionsstraßen wie alle anderen Standfassungen auch.
Das scheint nun vorbei zu sein. Die Klientel mit Geld ohne Limit ist ausgestorben. Deren Geld ist genauso schnell verronnen, wie es gewonnen wurde. Und die italienische Fassungsindustrie muss Kurzarbeit anmelden. Safilo hat sich trotz des Booms von den Kämpfen der Familienclans um die Vorherrschaft des Konzerns finanziell nicht erholt und braucht heute einen Investor, um zu überleben.
Es ist an der Zeit, dass Korrektionsfassungen zwar in einem Design nah am Zeitgeschmack gebaut werden. Sie sind aber keine Fashionartikel, die im Rahmen einer Fashionshow präsentiert werden müssen. Fashion ist nett, aber wegen eines Fashionnamens kauft sich niemand eine neue Brille. Die kauft er, wenn der Verbraucher eine neue braucht. Ist ein Fashionname dran, schön, dann ist der Verkauf einfacher und schneller. Mehr nicht.
Die Industrie, wir alle, müssen uns daran gewöhnen: Wir sind über einen Zeitraum von fast 20 Jahren im Sog der virtuellen Geldvermehrung mitgeschwommen und haben für unsere Verhältnisse gut gelebt. Die kommende Ruhe sollten wir nutzen, das Unnötige abzustoßen und dort neu anzufangen, wo wir mit dem aufziehenden Boom losgestürzt sind.

Jörg Spangemacher am 15.04.2009 um 08:03 Uhr
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