Dienstag, 14. September 2010
15.09.2010
Da nimmt man sich in den Urlaub die jüngsten Ausgaben der Konkurrenz mit, um sich in Ruhe damit zu beschäftigen, was die so alles treiben. Und als ich über den Beitrag von RA Jan Wetzel stolperte, in dem er in der August-Ausgabe der DOZ über die Hauptversammlung der Fielmann AG schrieb, war ich sehr erschrocken und fragte mich, ob ich etwas ganz Wesentliches übersehen hätte.
Ich wollte spontan mit dem Klingelbeutel los und sammeln, um in Hamburg zu retten, was zu retten ist – falls denn dort überhaupt noch was zu retten sei. Für wie dumm glaubt man beim ZVA, mittelständische Augenoptiker verkaufen zu müssen? Wandelt sich die ZVA-Geschäftsstelle vom juristischen Gefechtsstand zum Propagandaministerium?
Je nach Rechnungsart machte die Fielmann AG im vorigen Jahr zwischen 0,9525 Mrd. € und 1,11 Mrd. € Umsatz (ohne MwSt.!) bei einem Umsatzzuwachs von rund 5,3 % und einem Plus beim Absatz von Brillen mit 5,4 % auf 6,43 Mio. Stück.
Der ZVA gab auf seiner Jahrespressekonferenz ein Umsatzplus für Brillen und Kontaktlinsen der Branche von mageren 1,5 % auf 4,805 Mrd. € – inklusive MwSt. – bekannt! Die Branche verkaufte 2009 demnach 11,2 Mio. Stück Brillen. Der Umsatz der Branche ist 2009 um 71 Mio. € (brutto, inkl. MwSt.) sehr bescheiden gestiegen.
Fielmann darf wohl kein höheres Umsatzplus erwirtschaften als die mittelständischen Augenoptiker. Also wendet man den alten Statistikkniff an und rechnet die 24 neuen Filialen dagegen – und siehe da: Der Umsatz ist doch nur um 1,35 % gestiegen (und damit geringer als bei mittelständischen Augenoptikern). Und auch der Stückzahlabsatz ist nur noch um 1,48 % gestiegen.
Gewonnen: Erster Preis ein Fahrradventil. Aber – Fielmann meldet für sein Unternehmen ein Umsatzplus von 5,3 %; der ZVA meldet ein Umsatzplus von 1,35 % der Branche inklusive der Fielmann-Filialen.
Das durchschnittliche Wachstum der einzelnen mittelständischen Geschäfte hat der ZVA-Anwalt erst gar nicht versucht zu berechnen. Da hat er wohl getan, das Ergebnis wäre ein Desaster.
Und die Realität? Die Fielmann AG hat ein Umsatzplus von 50 Mio. € (netto) geschafft. Der ZVA hat 71 Mio. € (brutto) für die gesamte Branche gemeldet. – Huch, netto sind das nur 59,68 Mio. €. Bleibt für die restlichen 10.000 Fachgeschäfte (ohne Fielmann und Apollo) die Differenz von € 21 Mio. (brutto) – netto nur noch 17,65 Mio. € – übrig. Das macht je nach Darstellung pro Geschäft und Jahr also knapp 1.765 € (ohne MwSt.) Umsatzplus in 2009. Da könnt ihr so richtig stolz sein wie ihr es dem Fielmann mal gegeben habt.
Nehmen wir jetzt den geringeren Konzernumsatz der Fielmann AG und verteilen den gleichmäßig auf die 644 Filialen, dann erzielt jede Filiale durchschnittlich einen Jahresumsatz von 1,48 Mio. €. Und das, obwohl es unter den 644 Filialen die eine oder andere gibt, die kaum 500 T € Umsatz schaffen.
Dagegen ist es seit mehr als 30 Jahren eine feste Regel: 50 % aller mittelständischen Augenoptiker erwirtschaften einen Jahresumsatz von unter 250 T €, und die prozentualen Anteile jenseits der Marke von 500 T € brechen rapide zusammen je höher die Umsätze steigen. Woher nimmt der ZVA die Luft, seine Nüstern so aufzublähen?
Die Fielmann AG verkaufte über ihre Geschäfte im vorigen Jahr 6,4 Mio. Brillen – macht pro Filiale 9.938 Stück. Der ZVA meldete, die gesamte Branche habe 11,2 Mio. Stück abgesetzt – bleiben für die mittelständischen Augenoptiker noch 4,8 Mio. Brillen, also etwa 480 Brillen pro Geschäft und Jahr. Das sind statistisch knapp zwei Brillen am Tag. Und in den 4,8 Mio. Brillen sind diejenigen, die Apollo verkauft, noch gar nicht herausgerechnet. Hallo, wovon reden die beim ZVA eigentlich?
Der Gewinn der Fielmann AG ist 2009 um schlappe 0,4 % (J. Wetzel) gestiegen. Das sind immer noch nette 162,5 Mio. € vor Steuern. Das sind immerhin 5,86 % vom Umsatz. Wie viel Gewinn ein mittelständischer Augenoptiker erzielt, darüber gibt es beim ZVA keine Zahlen. Diese Umsatzrendite müssten mittelständische Augenoptiker allerdings auch erzielen, wenn sie die in ihre Pilskasse abgeflossen Beträge einrechnen würden. Und jetzt das K.O. Argument: Der Vorstand einer AG ist verpflichtet, nur testierte Ergebnisse vorzulegen. Das heißt, die Zahlen sind im Umfang und aufgrund der Testate wahr = den Tatsachen entsprechend, alles andere Betrug und würde automatisch den Staatsanwalt auf den Plan rufen.
Die Zahlen, die der ZVA veröffentlicht, sind in Arbeitsgruppen erarbeitet, hochgerechnet und geschätzt und deshalb nur bedingt nahe an der Realität. In diesen Arbeitsgruppen sitzen Fielmann-Mitarbeiter, die darauf achten, dass die ‚wirklichen’ Zahlen der Branche den Stellenwert der Fielmann AG und Apollo deutlich machen. Auf Deutsch heißt das, die ZVA-Zahlen sind frisiert, oder kennt jemand eine andere Deutung dafür? Und die letzte Frage: Für wen sollte man den Klingelbeutel denn nun rumgehen lassen?
Abschließend bleibt mir nur zu wiederholen, dass der Konzern sicherlich erhebliche Zukunftsprobleme hat. Darüber ließe sich eine spannende Story schreiben. Das ist nicht ganz so einfach, denn dazu gehören Insiderkenntnisse. Die kann Jan Wetzel in älteren Ausgaben des FOCUS nachlesen, falls es ihn interessieren sollte.
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