Arme Kinder sehen schlechter

11. August 2017

Stiftung Auge fordert Prävention

Armut im Kindesalter kann eine gesunde Entwicklung des Sehvermögens gefährden. Das belegen Studien und die Ergebnisse von Schuleingangsuntersuchungen. So leiden Kinder aus sozial benachteiligten Familien häufiger an Sehschwäche oder schielenden Augen und fallen beim Sehtest öfter durch als Kinder aus wohlhabenderen Familien. Die Stiftung Auge fordert in diesem Zusammenhang mehr Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen. „Entscheidend ist, dass die am Entwicklungsprozess des Kindes unmittelbar beteiligten Personen wie Eltern, Lehrer oder Erzieher über mögliche Anzeichen von Augenerkrankungen bei Kindern aufgeklärt sind“, so Professor Dr. med. Frank G. Holz, Vorsitzender der Stiftung Auge. Bei einem Sehscreening von vier- bis fünfjährigen Kindern in Schottland haben rund 60 Prozent der Kinder aus Familien mit mittlerem und hohem Sozialstatus den Sehtest bestanden, während es bei Kindern aus benachteiligten Familien nur rund die Hälfte waren. 80 Prozent der Kinder, die beim Test durchfielen, bestanden den Sehtest aufgrund einer zu geringen Sehschärfe nicht. Bei 13 Prozent wurde frühkindliches Schielen als Grund fesgestellt. „Gerade für die Entwicklung des Sehvermögens ist es wichtig, Fehlsichtigkeiten bei Kindern so früh wie möglich auszugleichen. Daher sollten mindestens die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt wahrgenommen werden“, sagt Professor Dr. med. Christian Ohrloff, Mediensprecher der Stiftung Auge. Kinderärzte untersuchen den Sehsinn im Rahmen ihrer Möglichkeiten bei den Vorsorgeuntersuchungen U5, U8 und U9. Die Stiftung Auge rät, bei Anzeichen wie Schielen, verfärbten Pupillen oder tränenden Augen jedoch in jedem Fall direkt einen Augenarzt aufzusuchen. „Bei älteren Kindern sollten auch andere Veränderungen wie häufiges Stolpern, Orientierungsschwierigkeiten oder das dichte Heranhalten von Büchern augenärztlich abgeklärt werden“, so Ohrloff weiter. Wie sehr Armut die gesundheitliche Entwicklung beeinflusst, belegen auch Schuleingangsuntersuchungen an 4802 Kindern, die zwischen 2010 und 2013 in Mülheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen eingeschult wurden. Die Autoren definierten Armut hier über den Bezug von Arbeitslosengeld II. Im Ergebnis zeigte die Studie, dass 25 Prozent der armen Kinder Probleme mit der sogenannten Visuomotorik hatten, also der Fähigkeit, das Sehen mit den eigenen Bewegungen zu koordinieren - bei Kindern aus besseren Verhältnissen lag der Anteil lediglich bei 11 Prozent. Darüber hinaus ergab die Untersuchung, dass arme Kinder seltener an der Früherkennungsuntersuchung U8 teilnehmen und weniger in Sportvereinen aktiv sind. Während rund drei Viertel der aus besser gestellten Verhältnissen stammenden Kinder regelmäßig Sport im Verein treiben, sind es bei den Kindern mit Sozialgeldbezug nicht ganz die Hälfte. Beide Faktoren – körperliche Bewegung sowie Vorsorgeuntersuchungen in den ersten Monaten und Lebensjahren – haben direkten Einfluss auf die Sehfähigkeit. So kann Aktivität in einem Sportverein nachweislich das Risiko etwa für eine auffällige Visuomotorik senken. Zudem bilden sich wichtige Fähigkeiten wie Hören und Sehen bereits in der frühen Kindheit aus. „Entwicklungsrückstände können im weiteren Lebensverlauf oft nur unter erheblichen Anstrengungen wieder aufgeholt werden“, erklärt Holz, der die Universitäts-Augenklinik in Bonn leitet. „Es ist daher wichtig, soziale Benachteiligungen durch präventive Maßnahmen auszugleichen“, betont Holz. „Eltern, aber auch Betreuungskräfte und Lehrer müssen frühzeitig für notwendige Vorsorgeuntersuchungen und mögliche Anzeichen von Augenerkrankungen sensibilisiert werden“, sagt der Vorsitzende der Stiftung Auge.

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