Donnerstag, 09. März 2000
Ungeklärtes Phänomen bei Diabetikern
Je besser der Blutzucker eingestellt ist, desto weniger Spätschäden muss ein an Diabetes Erkrankter befürchten, das ist verlässlich bestätigt. Dennoch gibt es ein rätselhaftes Phänomen, das dieses Dogma zu erschüttern scheint. Man hat nämlich beobachtet, dass sich die Netzhautschäden am Auge des Diabetikers nicht selten erheblich verschlimmern, wenn man den Blutzucker senkt und so die Stoffwechsellage verbessert.
Aus einer der größten Untersuchungen zu Spätfolgen des Diabetes sind jetzt erstmals Einzelheiten veröffentlicht worden, die diesen Verdacht bestätigen.
Die Gefahr scheint umso größer zu sein, je ausgeprägter die Senkung war, je länger der Diabetes bestand und je stärker die Retina bereits vorgeschädigt war. Allerdings gilt dies nur für einen relativ begrenzten Zeitraum von bis zu einem Jahr. Langfristig wird die Netzhaut weniger geschädigt, solange der Blutzucker gut kontrolliert wird.
Ernst Chantelau, Diabetologe an der Medizinischen Klinik für Stoffwechselkrankheiten und Ernährung, hat versucht, diese zunächst widersprüchlichen Beobachtungen zu klären ("Diabetes und Stoffwechsel", Bd. 8, S. 177). Es scheint, dass der Insulin-Like-Growth-Faktor-1 (IGF-1) der Schlüssel zur Enträtselung dieser Zusammenhänge ist. Je höher der Blutzucker ist, desto geringer ist IGF-1-Spiegel. Wird der Blutzucker normalisiert, schnellt der IGF-1 um ein Vielfaches in die Höhe, was innerhalb weniger Wochen zu einer Gefährdung des Augenlichts führen kann. Hat sich die Blutzucker-Konzentration erst stabilisiert, sind keine größeren Schwankungen des IGF-1 mehr zu befürchten. So lässt sich erklären, warum die Netzhaut langfristig doch von einer guten Einstellung profitiert.
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