Die EinDollarBrille

Die EinDollarBrille

30. Juni 2014

Von dem Abenteuer, 150 Millionen Menschen mit Brillen zu versorgen

Martin Aufmuth, ein Realschullehrer aus Erlangen, erhielt im November 2013 für sein Konzept zur Herstellung der „EinDollarBrille“ den ersten Preis des „empowering people. Award“ der Siemens Stiftung. Aus der ganzen Welt waren mehr als 800 Einreichungen eingegangen, 23 wurden schließlich prämiert. Basis der EinDollarBrille ist eine von Aufmuth entwickelte tragbare Optiker-Werkstatt, die kaum größer ist als ein Kosmetik-Koffer.

Die Holzbox enthält alles, was es braucht, um die ­Menschen in Entwicklungsländern vor Ort mit einer Sehhilfe zu versorgen: Sie besteht aus einer Plastikbox mit Brillengläsern in 24 verschiedenen Stärken, Schrumpfschläuchen für den Nasenbügel sowie einer Biegevorrichtung, mit der sich ein spezieller Federstahldraht zu einer einfachen Brille formen lässt. Die Brillengläser können ohne weiteres Werkzeug in die halboffenen Brillenfassungen eingeklickt werden. Die Brillen lassen sich somit ohne Strom und rein mechanisch herstellen.

Die Idee kam Martin Aufmuth 2009 bei der Lektüre des Buches „Out of Poverty“ des Autors Paul Polak. Diese Lektüre sollte das Leben des Lehrers für Mathematik und Physik für immer verändern. Denn Polak schreibt in dem Buch, dass es Zeit sei für die Erfindung einer Brille, die sich auch Menschen in Entwicklungsländern leisten können. Immerhin müssen viele dieser Menschen von durchschnittlich einem Dollar pro Tag leben, viel dürfte eine Brille daher nicht kosten.

Ein paar Tage vergehen, da entdeckt Martin Aufmuth zufällig in einem 1-Euro-Laden Brillen – für einen Euro! Er fragt sich: „Warum können in Deutschland Brillen für so wenig Geld verkauft werden, nicht aber in der Dritten Welt?“

Aufmuth ist beim Ehrgeiz gepackt. Er sammelt während der nächsten Monate Informationen über die verschiedensten Brillentypen, experimentiert mit diversen Materialien, arbeitet nicht weniger als 1.000 Patente durch. Im April 2010 dann ist er nach vielen Versuchen am Ziel: Die erste EinDollarBrille ist fertig. Das Gestell besteht aus gebogenem Federstahldraht, die Gläser sind aus Polykarbonat. Sie lassen sich mit einem einzigen Handgriff in die Fassung einklicken. Es klingt denkbar einfach. Doch ist die Brille auch stabil?

„Ich habe die Brille auf meinen Stuhl gelegt und mich darauf gesetzt“, erzählt Martin Aufmuth. „Und sie hielt!“

Jedoch sollen die Brillen nicht nur rein funktionellen Kriterien genügen, sondern auch ästhetischen. Der Tüftler versieht sie deshalb zusätzlich mit zwei farbigen Glasperlen. Eine scheinbare Kleinigkeit, die aber Bände über die Grundhaltung des Lehrers aus Erlangen spricht: „Auch arme Menschen haben eine schöne Brille verdient“, sagt Martin Aufmuth.

Die gesamten Materialkosten für die Brille liegen bei rund einem US-Dollar. Jetzt gilt es, sie an den Mann und die Frau zu bringen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Damit die Brille vor Ort ohne Strom und Wasser hergestellt werden kann, entwickelt Aufmuth in seiner Waschküche die ersten Handbiegemaschinen. Mit ihnen im Gepäck geht es nach Afrika. Ziel der Reise: Uganda.

Nachts kommt er in Entebbe an. Als er das Flughafengebäude verlässt, schlägt ihm die tropische Luft entgegen. In zwei ­Kisten hat er drei Biegemaschinen dabei, einige Kilo Federstahldraht, Schrumpfschläuche und eben Perlen. Alles wartet nur auf seinen Einsatz, dennoch wird ihm mit einmal etwas mulmig. „Ich fragte mich plötzlich: Was mache ich hier eigentlich? Interessiert sich hier überhaupt jemand für meine ­Brillen? Ist das Konzept praxistauglich?“

Doch der Bayer hat keine Zeit lange zu zweifeln. Bereits am nächsten Tag warten fünf Trainees auf ihn, die während der nächsten zwei Wochen von Aufmuth im Umgang mit der Handbiegemaschine geschult werden sollen. Denn auch bei diesem Projekt soll das zentrale Prinzip der Entwicklungs­arbeit gelten: Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Biegemaschinen sollen die Trainees vor Ort in die Lage versetzen, sich als „fliegender Optiker“ eine eigene Existenz aufbauen. Zuerst müssen sie jedoch ausgebildet werden. Gleichzeitig warten bereits 500 Erwachsene und Kinder sehnsüchtig auf eine Brille. Sie werden von Martin Aufmuth und seinen Helfern direkt versorgt. Die Feuertaufe ist überstanden: Das System funktioniert.

Wieder zurück in Deutschland, gründet Martin Aufmuth zusammen mit sechs Kolleginnen und Kollegen den gemeinnützigen Verein „EinDollarBrille“. Eineinhalb Jahre ist das jetzt her. Mittlerweile melden sich fast täglich Organisationen aus den verschiedensten Ländern und möchten das Konzept in ihre eigene Entwicklungsarbeit integrieren. Trotzdem bleibt Martin Aufmuth ein Getriebener: „Wir sind immer auf der ­Suche nach weiteren Mitstreitern, die die Maschinen in die Welt hinaustragen und dort EinDollarBrillen-Optiker aus­bilden können“, erklärt er.

150 Millionen Menschen auf der Welt mit Brillen zu versor-gen, das sei das Ziel. ­Damit diese Vision wahr wird, ist der EinDollarBrille e.V. auf Hilfe angewiesen, sei es durch Spenden­gelder, Man-Power oder Unterstützung aus der Industrie.

„Ein Anfang ist gemacht! Ich bin inzwischen zuversichtlich: Wenn sich noch viele, viele Unterstützer finden, können wir es schaffen dieses globale Problem zu lösen.“

Jeder, der sich daran beteiligen möchte, sei hiermit herzlich dazu eingeladen.

 

Interview mit Martin Aufmuth, Erfinder der EinDollarBrille

FOCUS: Herr Aufmuth, hauptberuflich sind Sie Lehrer für Mathematik und Physik. Wie gelang Ihnen der thematische Einstieg in die augenoptischen Aspekte des Hilfsprojekts? Bekamen Sie Hilfe?

Aufmuth: Nachdem mir bewusst ­wurde, dass es sich bei den Brillen um eines der derzeit größten Probleme von Menschen in Entwicklungsländern handelt, habe ich mich sehr lange und intensiv damit beschäftigt. Bei der Entwicklung der Brillen und der Biegemaschinen gab es viele Fehlversuche, ich war jedoch überzeugt davon, dass es eine einfache Lösung geben muss. Das Projekt war nicht nur für mich völliges Neuland.

 

FOCUS: Zu Beginn des Projekts haben Sie die „fliegenden Optiker“ noch selbst ausgebildet. Wie ist der Stand heute?

Aufmuth: Wir haben inzwischen et­liche ehrenamtliche ­Trainer, die ich in Deutschland ausgebildet habe und die nun ihrerseits Trainings in den Ziel­ländern durchführen. So haben Studenten der Stu­denten­organisation Enactus diesen Sommer eigenständig zwei Trainings in Burkina Faso und in Bolivien durchgeführt. Momentan bereiten sich drei Teams auf ihren Einsatz in Äthiopien, ­Malawi und Nicaragua vor.
An dieser Stelle möchte ich Interessierte ganz herzlich einladen mitzumachen. Es ist eine unheimlich spannende Erfahrung, mit den Menschen vor Ort zu arbeiten.

 

FOCUS: Welches sind die größten Herausforderungen bei der Ausbildung?

Aufmuth: Eine Gruppe von ca. 20 meist jungen Leuten ­innerhalb von zwei Wochen zu EinDollarBrillen-Optikern auszubilden, ist an sich schon eine große Herausforderung. Ein zentrales Problem ist dabei die ­Sicherung der Qualität der produzierten Brillen. Die Trainees müssen lernen, ihre Fehler selbst zu erkennen und zu korrigieren. Am Ende steht ein qualitativ hochwertiges, technisch einwandfreies medizinisches Produkt. Auch der Umgang mit Ministerien und Behörden ist ein langwieriger Prozess. Insgesamt erhalten wir jedoch auch von den politisch Verantwort­lichen viel ­positiven Zuspruch, vor allem deshalb, weil wir kein Billigprodukt importieren, sondern Qualität im eigenen Land herstellen und zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

 

FOCUS: In welchem Maße ist der Ausgleich einer Fehlsichtigkeit vor Ort möglich? Sieht die mobile Optiker-Werkstatt auch Brillengläser zur Korrektur von Hornhautverkrümmungen vor?            

Aufmuth: Nein, die EinDollarBrille soll eine Grundversorgung der Menschen sicherstellen. Kinder sollen lesen können, was an der Tafel steht, die 50-jähjrige Näherin soll den Faden wieder in ihre Nadel einfädeln können. Wir können nicht jede Fehlsichtigkeit vollständig ausgleichen. Wir möchten möglichst vielen Menschen den Zugang zu günstigen und qualitativ hochwertigen Brillen ermöglichen, damit sie wieder am sozialen und beruflichen Leben teilnehmen können.

 

FOCUS: Wie kann die augenoptische Industrie Ihnen eventuell helfen?

Aufmuth: Bislang lassen wir unsere Linsen in China schleifen. Die Qualitätssicherung über diese Distanz ist nicht einfach. Da kann es auch mal vorkommen, dass eine Lieferung unbrauchbar ist oder nachgearbeitet werden muss. Die Anfertigung einer Spritzgussform für Linsen in unseren 24 Sehstärken (-6 bis + 6 Dioptrien in 0,5er-Schritten) ­würde den Herstellungsprozess qualitativ absichern und zusätzlich zu günstigeren Herstellungskosten führen. So eine Form können nur Spezialisten herstellen. Das wäre eine wirklich große Hilfe für uns.

 

FOCUS: Wie können deutsche Augenoptiker Sie bei Ihrem Projekt konkret und am besten unterstützen?

Aufmuth: Wir freuen uns sehr, wenn uns Augenoptiker und Augenärzte dabei helfen, schneller bekannt zu werden. ­Publicity ist für uns sehr wichtig, um Spenden für einen schnellen Aufbau des Projekts in den Zielländern zu generieren. Einige Augenoptiker und Augenärzte legen bereits unsere Flyer aus und sogar Biegemaschinen wurden schon zu Ausstellungszwecken bei uns geordert. Gerne senden wir auch eine Musterbrille zu. Die Kunden reagieren meist mit großem Interesse auf das Projekt. Und die Altbrillen können dann getrost in den Müll wandern, da die Herstellung einer EinDollarBrille erheblich günstiger ist, als eine Altbrille herzurichten und mit neuen Linsen zu versehen.

Regelmäßig bieten wir hier in Erlangen und inzwischen auch an anderen Orten Biegekurse an, bei denen interessierte Fachleute und Laien die Herstellung der Brillen lernen können, um dann oftmals selbst als Trainer in Deutschland oder auch bei Auslandseinsätzen aktiv zu werden. Dazu sind Sie alle ganz herzlich eingeladen.

 

Kontakt: .(Javascript muss aktiviert sein, um diese E-Mail-Adresse zu sehen)

EinDollarBrille e.V.

Spendenkonto: Sparkasse Erlangen

Konto: 60044415, BLZ: 76350000

Aktuelle Informationen und viele Bilder unter:

www.eindollarbrille.de

  • Die Holzbox enthält alles, was es braucht, um die ­Menschen in Entwicklungsländern vor Ort mit einer Sehhilfe zu versorgen. (Bild: Martin Aufmuth)
    Die Holzbox enthält alles, was es braucht, um die ­Menschen in Entwicklungsländern vor Ort mit einer Sehhilfe zu versorgen. (Bild: Martin Aufmuth)
  • Die eigens entwickelte Handbiegemaschine (Bild: Martin Aufmuth)
    Die eigens entwickelte Handbiegemaschine (Bild: Martin Aufmuth)
  • Mit echter Handwerkskunst zur erschwinglichen Brille für jedermann (Bild: Martin Aufmuth)
    Mit echter Handwerkskunst zur erschwinglichen Brille für jedermann (Bild: Martin Aufmuth)
  • Ohne Strom, ohne Wasser (Bild: Martin Aufmuth)
    Ohne Strom, ohne Wasser (Bild: Martin Aufmuth)
  • Die Gläser werden einfach eingeklickt. (Bild: Martin Aufmuth)
    Die Gläser werden einfach eingeklickt. (Bild: Martin Aufmuth)
  • Dank der Ausbildung können sich die Trainees vor Ort anschließend als „fliegender Optiker“ selbständig machen. (Bild: Martin Aufmuth)
    Dank der Ausbildung können sich die Trainees vor Ort anschließend als „fliegender Optiker“ selbständig machen. (Bild: Martin Aufmuth)
  • Martin Aufmuth, Erfinder der EinDollarBrille (Bild: Martin Aufmuth)
    Martin Aufmuth, Erfinder der EinDollarBrille (Bild: Martin Aufmuth)

Von Lars Wandke

Artikel aus FOCUS 12_2013

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