FOCUS Umfrage: Lernen digital

FOCUS Umfrage: Lernen digital

24. April 2020

Home Learning für Studierende an der Ernst-Abbe-Hochschule

Nicht nur Eltern und Lehrer können derzeit erfahren, was es bedeutet aus dem Stand heraus Lerninhalte auf anderen Wegen als durch den direkten Kontakt im Klassenraum zu vermitteln. E-Learning, Webinare, Videokonferenzen – mit einem Schlag wird die Nation ins digitale Zeitalter katapultiert. Während Lehrer an den normalen Schulen damit durchaus Schwierigkeiten haben, sind unsere Weiterbildungseinrichtungen für Augenoptik und Optometrie gut vorbereitet. Wir haben bei einigen Schulen nachgefragt. Heute: Ernst-Abbe-Hochschule, Jena. Professor Dr. Stephan Degle und Professor Wolfgang Sickenberger beantworten unsere Fragen.

 

FOCUS: Wie organisiert sich nun der Studiengang Augenoptik in der Ernst-Abbe-Hochschule?

Sickenberger+Degle: Die Ernst-Abbe-Hochschule in Jena hat bereits sehr früh einen Krisenstab eingerichtet, um die aktuellen Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, diskutieren, bewerten und natürlich umzusetzen. Zunächst wurde der Starttermin des Sommersemesters vom 6. April um einen Monat auf aktuell den 4. Mai verlegt. Ferner wurden die E-Learning-Bereiche sehr stark ausgebaut und entsprechend personell untersetzt. Die Ernst-Abbe-Hochschule und das Land Thüringen haben verschiedene Expertengruppen gebildet, um die Weiterführung der Hochschulausbildung sicherzustellen. Im Fachgebiet AOOVS (Augenoptik/Optometrie/Ophthalmotechnologie und Vision Science) erarbeiten wir für unsere verschiedenen Vollzeit- und berufsbegleitenden Studiengänge zahlreiche Lösungen, wie z.B. die Anpassung der Lehrinhalte über geeignete E-Learning-Plattformen oder als Intensiv-Blockveranstaltungen, die zum späteren Zeitpunkt gehalten werden können.

Organisatorische Belange sind über unsere Mitarbeiter der Hochschule weitgehend abgedeckt, wenn auch viele „remote“ im Homeoffice arbeiten. So sind beispielsweise die Arbeitsfähigkeit der Dekanate und der verschiedenen Ämter der EAH Jena über einen Notbetrieb sichergestellt.

FOCUS: Wie werden Inhalte an Studierende weitergegeben?

Sickenberger: Wir haben über die vergangenen Jahre kontinuierlich an E-Learning und ­Distance Learning-Programmen gearbeitet und konnten wertvolle Erfahrungen damit sammeln. Bereits 2009 konnten einige unserer Bachelormodule auf E-Learning umgestellt werden. Vor allem in Fächern wie BWL, Mathematik, Statistik oder Wissenschaftliches Arbeiten bieten wir seit mehr als zehn Jahren Lehrinhalte überwiegend digital an. Es zeigte sich aber auch, dass E-Learning- Inhalte kombiniert mit Präsenzphasen den größtmöglichen Nutzen bringen und das Lernergebnis verbessern. Diese sogenannten „Blended Learning“ Programme haben wir inzwischen in einigen unserer Studiengänge, wie z.B. in unserem berufsbegleitenden Bachelor Optometrie, aber auch in berufsbegleitenden Masterstudiengängen wie Klinische Optometrie und Health Care Management, seit einigen Jahren etabliert. An einem Ausbau dieser Angebote wird kontinuierlich gearbeitet.

FOCUS: Wie kann man nun Praxis vermitteln – oder ruht dieser Bereich erst einmal?

Sickenberger: Die Praxisvermittlung ist sicherlich die größte Herausforderung und wird nach unserer Einschätzung auch nur über Präsenzveranstaltungen möglich sein. Unsere Studiengänge haben einen Praxisanteil über 50%, mit vielen Praktika in kleinen Gruppen und an Patienten. Diese Kompetenzen kann man aus unserer Sicht nicht bzw. kaum über andere Formate vermitteln. Dennoch arbeiten wir aktuell an einigen Projekten, wie z.B. dem „Digitalen fallbezogenen Lernen“, bei dem wir versuchen z.B. Kasuistiken über Online- Trainings unseren Studenten zugänglich zu machen. Im Bereich Kontaktlinse bietet die Internationale Vereinigung von Kontaktlinsenausbildern (IACLE) sehr gute Lerninhalte an. Wir bzw. unsere KL-Dozenten sind dort Mitglieder und können die vielfältigen Trainingsangebote an unsere Studierenden weitergeben. Es gibt beispielsweise ein Distance Learning- Modul zur Kontaktlinsenanpassung, aber auch Skripte, KL-Fallbeispiele, Spaltlampenbilder sowie die entsprechenden Fragen dazu. Diese Inhalte sind natürlich nicht auf die spezifischen Lehrpläne der KL-Ausbildung in Deutschland abgestimmt, aber es gibt einige Module, die sehr gut integrierbar sind, auch wenn die meisten Inhalte nicht in deutscher Sprache angeboten werden.

Abgestimmt auf die Lerninhalte der EAH Jena konnte Kollege Degle im letzten Jahr eine hochschulweite Ausschreibung zum Thema Digitalisierung für unser Fachgebiet AOOVS gewinnen. Unser Digitalisierungsteam arbeitet seit ca. einem Jahr an der Umsetzung verschiedener Digitalisierungsprojekte für unsere Studiengänge.  

FOCUS: Welche Inhalte und Ziele verfolgt das Digitalisierungsprojekt an der EAH Jena?

Degle: Ein Schwerpunkt liegt auf der Digitalisierung von Vorlesungen, um diese ergänzend zu Präsenzvorlesungen im Selbststudium vor- und nachzubereiten. Weiterhin werden Einführungen von Praktika oder wiederkehrende Routinen der Optometrie als Videosequenzen erstellt. Neben der Verbesserung der Lehre hat das Projekt auch das Ziel, dass Studierende Kompetenztests im Self-Assessment durchführen können. Auch wurden bereits verschiedene Instrumente der digitalen Kommunikation erprobt und erfolgreich umgesetzt. Aktuell stehen wir natürlich vor einer völlig neuen Situation, plötzlich ein Maximum an Inhalten zu digitalisieren, um den Präsenzbetrieb weitgehend zu ersetzen. Hierzu haben wir im Projekt schnell „umgeswitcht“ und uns den neuen Herausforderungen angenommen.

FOCUS: Wie sind die Reaktionen der Studierenden?

Degle: Eine durch den Einsatz digitaler Medien gestützte Lehre ist heute nahezu obligatorisch und wird von vielen Studierenden gefordert. Auch E-Learning-Content wird zunächst einmal von vielen begrüßt und positiv bewertet. Allerdings stehen die Studierenden bei E-Learning auch vor der Herausforderung eines neuen Selbstmanagements und einer Selbstdisziplin, wenn sie nicht zu Präsenz und Aufmerksamkeit „gezwungen“ sind. Insgesamt begrüßen viele einen Mix aus analogem und digitalem Lernen, am besten so, dass dieser individuell variiert werden kann. Es hat sich allerdings gezeigt, dass digitale Lehre auch in höchster Qualität in der Wissensvermittlung nicht an Präsenzlehre herankommt.
Reaktionen auf die neue Situation in der Corona-Krise sind unterschiedlich und meines Erachtens noch nicht bewertbar. Es wird darauf ankommen, wie lange auf Präsenz verzichtet werden muss und wie viel Content remote vermittelt werden kann und muss.

FOCUS: Wie können Leistungen überprüft werden?

Degle: Es gibt heute zahlreiche Möglichkeiten, Prüfungen auch online durchzuführen. Dabei unterstützen die einschlägigen Content-Management-Systeme wie Moodle o.ä. stark.  Die Prüfungsarten verändern sich dadurch natürlich, da Wissen nicht mehr wie bei mündlichen oder schriftlichen Präsenzprüfungen abgefragt werden kann. Digitale Kompetenznachweise können z.B. durch Online-Multiple-Choice-Tests in Realtime, schriftliche Belegarbeiten oder Vorstellungen per Video-Live-Schaltung erfolgen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt, aber leichter wird es wahrscheinlich nicht, weder für die Prüfer noch für die Studierenden ;-).

 

  • Professor Wolfgang Sickenberger: „Die Praxisvermittlung ist sicherlich die größte Herausforderung und wird nach unserer Einschätzung auch nur über Präsenzveranstaltungen möglich sein.“
    Professor Wolfgang Sickenberger: „Die Praxisvermittlung ist sicherlich die größte Herausforderung und wird nach unserer Einschätzung auch nur über Präsenzveranstaltungen möglich sein.“
  • Professor Dr. Stephan Degle: „Es gibt heute zahlreiche Möglichkeiten Prüfungen auch online durchzuführen.“
    Professor Dr. Stephan Degle: „Es gibt heute zahlreiche Möglichkeiten Prüfungen auch online durchzuführen.“

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