Medizin: Ziele verfehlt – Gesetz kontraproduktiv

12. Februar 2019

TSVG bringt längere Wartezeiten und schlechtere Versorgung für die Patienten

Es soll ein „Gesetz für schnellere Termine und bessere Versorgung“ werden, plant Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit. Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands befürchtet, dass das Gesetz beide Ziele verfehlen wird.

„Facharztgruppen der grundversorgenden und wohnortnahen Versorgung (z.B. konservativ tätige Augenärzte, Frauenärzte, HNO-Ärzte) müssen mindestens fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunde anbieten (ohne vorherige Terminvereinbarung)“, sieht das Terminservice und Versorgungsgesetz (TSVG) vor. „Diese Regelung wird die Wartezeiten nicht verkürzen, sondern sie insbesondere für die vielen chronisch Kranken, die in Augenarztpraxen betreut werden, verlängern“, erwartet Prof. Dr. Bernd Bertram, der erste Vorsitzende des BVA.

 Seit vielen Jahren hat sich in augenärztlichen Praxen eine Mischform aus Termin- und offener Sprechstunde bewährt.

„Wenn Augenarztpraxen nun fünf Stunden pro Woche eine offene Sprechstunde anbieten müssen, stellt das einen erheblichen Eingriff in die Praxisorganisation dar“, kritisiert Prof. Dr. Bernd Bertram. Die überwiegende Zahl der Augenärzte bietet ohnehin schon weit mehr als die künftig vorgeschriebenen 25 Stunden pro Woche an, in denen die Praxis Sprechstunden abhält. Eine Ausweitung der Sprechstundenzeiten ist daher nicht möglich. Die neue, offene Sprechstunde geht dann zu Lasten der Terminsprechstunde. In einer offenen Sprechstunde lässt sich aber nicht garantieren, dass für jeden Patienten genau der spezialisierte Ansprechpartner oder das in seinem Fall benötigte Untersuchungsgerät verfügbar ist. Für die planbaren Termine wiederum stehen pro Woche nun fünf Stunden weniger zur Verfügung, so dass sich die Wartezeiten auf einen Termin für die Patienten verlängern.

Besonders unsinnig ist die finanzielle Förderung der Betreuung von sogenannten Neupatienten, das heißt Patienten, die seit mindestens vier Jahren nicht mehr in dieser Augenarztpraxis waren. Dies sind meist Patienten mit einfachen Augenentzündungen, mit Fremdkörpern im Auge oder Patienten, die zum Ausschluss von Augenkrankheiten kommen. Warum es dafür bevorzugt Termine und eine spezielle finanzielle Förderung geben soll zu Lasten der Menschen mit schweren Augenkrankheiten, die eine aufwendigere Versorgung benötigen, ist nicht nachvollziehbar.

Ein weiterer Kritikpunkt richtet sich gegen die Absicht des TSVG, dass Augenärzte in rein konservativ tätige Augenärzte und operativ tätige Augenärzte aufgeteilt werden sollen. „Der BVA lehnt diese Unterteilung strikt ab“, betont Prof. Bertram. Laut TSVG darf künftig der „Operateur“ frei wählen, wie er die Sprechstunde gestaltet, der „Nicht-Operateur“ muss eine offene Sprechstunde anbieten.

Schließlich kritisiert Bertram den Plan, Termine vermehrt ohne direkte Abklärung mit der Praxis über die Terminservicestellen, über Krankenkassen oder eine App zu vergeben, da hier im Vorfeld vieles ungeklärt bleibt.

„Das TSVG wird weder eine bessere Versorgung möglich machen, noch wird es erreichen, dass Patienten rascher einen Termin bekommen“, erwartet Prof. Bertram. Damit die augenmedizinische Versorgung angesichts eines steigenden Bedarfs flächendeckend verbessert werden kann, gilt es, die vertragsärztliche Tätigkeit von bürokratischem Ballast zu befreien und die Arbeit in der Augenarztpraxis für Ärztinnen und Ärzte attraktiv zu machen.

 

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