Mörder + Designer: Udo Proksch †

29. Juni 2001

Er war Brillendesigner, Wiener Hofbäcker und Gangster

Udo Proksch starb am Mittwoch im Alter von 67 Jahren als Österreichs berühmtester Gefängnisinsasse nach 10 Jahren Haft. Der ursprüngliche Schweinehirt avancierte unter Wilhelm Anger durch seinen Erfindergeist zwischen Genialität und Groteske zu einem wichtigen Impulsgeber im Brillendesign. Auf ihn gehen die Porschebrillen zurück.

Über eine Dekade Glamourstücke des JetSets und aller, die sich dazu gehörig fühlen wollten. Nach dem Ausscheiden machte er noch Furore mit der eigenen Kollektion Serge Kirchofer, mit deren Verschwinden wegen Unregelmäßigkeiten auch einige mittelständische Fassungshersteller in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten.



Später, als Inhaber der Wiener Hofbäckerei Demel, schaffte er es, so ziemlich die gesamte Führungsriege der österreichischen SPÖ in seinem „Club45“ für seine Projekte einzulullen. Um die Mitgliedschaft schlug sich die „links Rechtshälfte“ Österreichs. Bei seinem abstrusesten Coup verhinderten diese Politiker die kriminalistische Aufarbeitung von Versicherungsbetrug, Mord und versuchtem Mord:



Udo Proksch schloss mit der Fa. Zapata und einer in Hongkong ansässigen North Pacific Trading einen Vertrag zur Lieferung einer Uranerzaufbereitungsanlage. Die Maschinen im Werte von 32 Mio. Schweizer Franken wurden bei der Bundesländer Versicherung AG im Jahre 1976 versichert und sollen von Österreich nach Chioggia/Italien gegangen sein, wo sie auf den Frachter Lucona verladen wurden, der schließlich am 23. Jänner 1977 im Indischen Ozean nach einer schweren Explosion samt 6 Matrosen versank.



Versicherungsansprüche von Zapata/Proksch riefen nicht nur bei der Bundesländer Versicherung Bedenken hervor. Kaum waren die ersten Recherchen der Polizei Salzburg erstickt, wanderte die heikle Akte zur Kriminalabteilung Niederösterreich. Nach einem halben Jahr intensiver Ermittlungsarbeit unter konkretisierte sich der Betrugsverdacht und führte schließlich zu ersten Hausdurchsuchungen bei Udo Proksch und seinem Geschäftspartner Hans Peter Daimler.



Selbst in der k.u.k. Hofbäckerei Demel waren nach 10 Jahren noch Unterlagen zu finden, die nach jahrelanger Kleinarbeit die Wahrheit ans Tageslicht brachten. Proksch hatte als Lebenskünstler mit beeindruckender Überzeugungsgabe Zugang in die höchsten Kreise der Politik und der Wiener Gesellschaft gefunden, was sich für ihn eine zeitlang als sehr nützlich erweisen sollte.



Der Clou an der Sache war, dass es nie eine solche Aufbereitungsanlage gegeben hat. Altes Bergwerksgerät wurde zum Schrottpreis gekauft, entrostet und lackiert, um als „Technologie Transfer XP 19“ nach Hongkong an eine Firma zu gehen, die nur aus einem alten Fernschreibanschluss bestand. Der Versicherung vorgelegten Pläne waren nichts anderes als Nachzeichnungen aus sowjetischen Montanistik-Handbücher. Die angeblichen Erzmühlen hätten nie Platz auf einem ÖBB Wagon gefunden.



1985 wurden Udo Proksch und Hans Peter Daimler verhaftet und insgesamt 53 Mal vernommen. Dank der guten Beziehungen waren beide aber wieder schnell auf freiem Fuß. Im Oktober 1986 wurden sie erneut verhaftet. Aus dem Justizministerium kam der markige Satz: „Die Suppe ist noch zu dünn!“ Nach ihrer neuerlichen Freilassung flüchteten beide ins Ausland.



Auf Grund des öffentlichen Interesses kam es zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der schließlich zum Rücktritt des damaligen Innenministers Dr. Blecha und NR-Präsidenten Dr. Gratz führte. Auf den Philippinen unterzog sich Proksch einer Gesichtsoperation und reiste am 2. Oktober 1989 unter falschem Namen nach Österreich ein, wo er prompt auf dem Schwechater Flughafen verhaftet wurde. Die Verteidigung von Proksch stellte im Verfahren einen Beweisantrag zur Suche nach der untergegangenen Lucona. Was niemand für möglich hielt trat schließlich doch ein: Tauchroboter fanden das gesprengte Schiff und lieferten beweiskräftige Fotos. Udo Proksch wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Versicherungsbetrugs, sechsfachen Mordes und sechsfachen versuchtsen Mordes (der Besatzung des Schiffes) verurteilt; das Verfahren gegen Hans Peter Daimler in Deutschland ist noch nicht rechtskräftig abgeschlossen.

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