Montag, 15. November 1999
Wie aus einer Verlobung eine Ehe wird
Ende August wurden einige Verträge unterzeichnet, die für die augenoptische Branche weltweit neue Aspekte bringen werden. Ein junges und bisher unbekanntes israelisches Unternehmen schickte sich nach einem fulminanten Börsenstart in Brüssel an, zwei Unternehmen aus dem Rodenstock-Konzern zu kaufen. Welche Bedeutung hat das für den Augenoptiker? Aber zunächst ist die Frage an Frieder C.
Löhrer die spannendste, die Jörg Spangemacher stellte: Wer ist Pro-Laser und welchen Hintergrund hat dieses Unternehmen?
Löhrer: Pro-Laser ist ein Unternehmen, das sich ursprünglich in Israel befunden hat, in einem Ort namens Rosh-Ha'ayin. Es ist gegründet worden im Umfeld der Hochschulen und Emigranten, insbesondere einem sibirischen Mathematiker, Dr. Peter Vokhmin. Der hat sehr intensiv an mathematischer und physikalischer Bildverarbeitungssoftware und Beleuchtungssystemen gearbeitet.
FOCUS: Wo liegt dieser Ort?
Löhrer: Rosh-Ha'ayin liegt ungefähr 15 km östlich von Tel Aviv. Dort hat man sich niedergelassen, hat begonnen zu entwickeln, auch mit Fördergeldern des Staates Israel. Das Ergebnis sind Produkte, die die Bildverarbeitung in höchster Qualität von optischen Geräten erlauben.
Das Ganze wurde von der Firma Maberly Investments Ltd. und ihrem Hauptgeschäftsführer Meir Elkis gefördert, die dafür ein Aktienpaket über 60 % des Unternehmens bekommen hat. Dr. Peter Vokhmin besitzt 18,5 % der Anteile. Der Rest wird von anderen Anlegern gehalten (siehe Tabelle). Das Unternehmen Pro-Laser wurde dann im Dezember 1998 in einen sogenannten IPO in Brüssel an die Börse gebracht. Dabei wurden da etwa 650.000 Aktien an rund 600 Investoren verkauft.
FOCUS: Was ist denn ein IPO?
Löhrer: IPO ist die Abkürzung für Initial Public Offering, also das Angebot für den ersten Börsengang. Diese 650.000 Aktien sind damals verkauft worden zu einem Ausgabepreis von 330,00 belgischen Franc, das entspricht ungefähr 16,50 DM. Dieses Initial Public Offering war außergewöhnlich erfolgreich. Die Zeichnungsfrist wurde gar nicht genutzt, die Aktien waren viel schneller verkauft.
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Auf welcher Basis kauft man Aktien? Das hat etwas mit dem Gefühl zu tun, was man einem solchen Unternehmen zutraut. Und was man dem Unternehmen zutraut, das erfährt man aus dem sogenannten Prospekt. Dieser Verkaufsprospekt, ein dickes Buch für das Unternehmen Pro-Laser, zeigt sehr attraktiv auf, welche Möglichkeiten mit den Produkten um diese Bildverarbeitung möglich sind, mit sehr interessanten Chancen für alle Beteiligten.
Dieses Prospectus hat offensichtlich den Nerv der Investoren getroffen. Im Frühjahr dieses Jahres wurde die Aktie dann in einem ersten großen Schwung nach oben getrieben auf fast das Doppelte ihres Ausgabewertes. Was an Mitteln aus dem ersten Börsengang generiert wurde, ist im Wesentlichen aufgewandt worden für weitere Entwicklungen, aber auch als ein erster Schritt hin zu strategischen Allianzen und für zukünftige Akquisitionen.
Wir, die Firma Weco, hatten mit der Firma Pro-Laser Gespräche geführt über die mögliche Vermarktung deren Produkte, z.B. des Verifiers. Der Verifier macht aus dem altbekannten Scheitelbrechwertmesser ein High-Tech-Gerät mit bisher unbekannten Möglichkeiten der Kontrolle und Visualisierung von Brillengläsern.
FOCUS: Nun war aber der Verifier, der auf der Mido zu sehen war, doch bloß ein „Schaumuster”.
Löhrer: Das ist richtig. Der Verifier wird gerade gemeinsam mit den Technikern in Israel und von Weco zur Marktreife gebracht. Die technischen Schritte sind in Ordnung. Die Funktionsfähigkeit ist nachgewiesen, was jetzt zu erbringen ist, sind einfach Modifikationen zur Serienproduktion.
FOCUS: Sie sagten gerade, diese Geräte sind in Amerika schon verkauft worden?
Löhrer: Der Verifier wird noch nicht verkauft. Bisher wurde nur der Hawkeye, Falkenauge, und der Lensspector verkauft.
FOCUS: Was macht der Hawkeye und wo wird er eingesetzt?
Löhrer: Der Hawkeye ist das Industrieprodukt für die Kontrolle der industriellen Serienfertigung von Brillengläsern. Aus ihm wurde das Großserienprodukt Verifier für den Augenoptiker entwickelt.
FOCUS: Wie entwickelt sich aus einer Vertriebsvereinbarung eine Übernahme gleich zweier Firmen?
Löhrer: Ich würde das vergleichen mit der Frage: Wie entwickelt sich aus einer Verlobung eine Ehe? Den ersten Kontakt bekamen wir auf der Silmo 1998, angestoßen durch unseren kanadischen Verkaufsleiter. So traf ich Ronnie Jaegermann. Er ist der Chief Executive Officer, der CEO, auf deutsch der Vorsitzende des Vorstands einer Aktiengesellschaft. Innerhalb der ersten fünf Minuten unseres Gespräches stellten wir fest, dass wir die gleiche Schule in Aachen besucht hatten. Das hat einfach eine menschliche Brücke gebaut.
Wir haben festgestellt, das Produkt ist interessant, hat aber doch zwei, drei Schwächen, wobei wir als Weco einen erheblichen Beitrag zur Verbesserung leisten können: Einmal, ein Produkt serienreif zu machen, zweitens das Produkt zu produzieren und drittens das Produkt weltweit zu vermarkten. Dazu haben wir die Kanäle. Und dieses Stärken des Einzelnen könnten wir zusammenbringen zu beider Nutzen, das war die Idee im Oktober 1998.
Es ging also zunächst nur um die Vertriebsvereinbarung. Als die im März fast unterschriftsreif war, fragte Ronnie Jaegermann, wenn wir es schon so gut miteinander können, könnte es nicht sein, dass wir auch mehr miteinander machen können? Diese weiter gehende Anfrage fiel auf sehr, sehr fruchtbaren Boden, sowohl bei der Firma Pro-Laser als auch bei der Firma Rodenstock. Ich glaube, dass diese Kombination auch sehr, sehr vielversprechend ist, in langer Sicht.
FOCUS: Wer ist der Ronnie Jaegermann?
Löhrer: Er ist der Schwiegersohn von Meir Elkis, ein junger, dynamischer Unternehmer, dem man den Titel geben müsste: der Bill Gates der optischen Industrie. Der schaut sich diese Welt wirklich sehr kreativ, unternehmerisch an und gestaltet auch was Neues.
In den Gesprächen über die Übernahme von Weco durch Pro-Laser kamen wir bald an dem Punkt an, dass Weco ein Maschinenhersteller ist und dass die Software und Hardware von Pro-Laser eine Schnittstelle zwischen Maschinen und Instrumenten (augenoptische Werkstatt und Refraktion) bilden könnte. Von da an war es nur noch ein kleiner Schritt zu der Überlegung, die G. Rodenstock Instrumente GmbH (Grig) auch zu kaufen. Dazu ist es mit der Vertragsunterzeichnung am 31. August auch gekommen.
FOCUS: Der Verkauf beider Rodenstock-Tochtergesellschaften wurde mit einer rückwirkenden Klausel zum 1. Januar dieses Jahres unterzeichnet.
Löhrer: Der Augenoptiker wird sich fragen, welche Auswirkungen dieser Deal für ihn haben wird. Grundsätzlich gilt: Beide Produktgruppen und -philosophien bleiben erhalten. Beide Firmen werden am Standort Düsseldorf zusammengeführt. Unter der Flagge Weco werden drei Produktmarken repräsentiert: Weco, Rodenstock Instrumente und Pro-Laser.
FOCUS: Der Name Rodenstock Instrumente bleibt also erhalten?
Löhrer: Ja, als Produktmarke. Der Service, der Vertrieb und das Marketing für alle drei Produktgruppen werden zentral aus Düsseldorf organisiert. Wir bieten also alle Komponenten für die Werkstatt, für die Refraktion aus einer Hand, aber zukünftig auch noch die Software, mit der man alle Geräte, Instrumente und Maschinen verknüpfen und steuern kann.
Das bedeutet für den Augenoptiker in Zukunft die Lösung aus einem Guss. Zusätzlich werden Komponenten aus dem Hause Pro-Laser AG hinzukommen, die dem Augenoptiker zusätzlichen Nutzen stiften können. Interessant ist z.B. die Möglichkeit, Gläser sichtbar zu machen. Man kann also ein topografisches Gebirge eines Brillenglases aufzeigen, das dem Augenoptiker ermöglicht, dem Kunden unterschiedliche Qualitäten von Gläsern sichtbar zu machen.
FOCUS: Wie kommt ein sibirischer Mathematiker auf die Idee, sich mit bildverarbeitenden Programmen zu befassen, die auf ein Brillenglas anzuwenden sind?
Löhrer: Ich glaube, das hat mit einer ganz einfachen Erscheinung zu tun. Das optische Gewerbe ist ein Gewerbe, das sich seit gut 100 Jahren wenig verändert hat. Bei solchen Gegebenheiten ist die Chance für Veränderung sehr groß durch Veränderung von Prozessen, Denkweisen und Strukturen. Zunächst hat Dr. Vokhmin daran sicher nicht gedacht. Wenn man aber dann in einem Umfeld mit Themen wie Linse, optische Brechung arbeitet, bietet sich die Hinwendung zum Brillenglas sehr schnell an.
FOCUS: Liegt es an der Betriebsblindheit, dass erst jemand von außen kommen muss, um grundsätzlich neue Ideen in ein Unternehmens- und Geschäftsfeld wie das der Augenoptik zu bringen?
Löhrer: Man könnte das so formulieren. Um uns herum gibt es eine Reihe von Investoren, die mehr Bewusstsein und Mut zum Risiko haben, andere Wege zu gehen, als die Branche selbst. Allgemein gesprochen wird die gesamte Branche zukünftig den Gedanken intensivieren müssen, nicht was muss ich machen, sondern was muss ich anders machen. Das ist die eigentliche Stärke der Pro-Laser-Organisation, die sich immer die Frage stellt, wie kann man das anders lösen?
FOCUS: Welche Überlegung stand hinter der Entscheidung , die beiden Firmen Weco und Grig aus dem Rodenstock-Konzern zu entlassen?
Löhrer: Das Unternehmen Rodenstock hat sich einer sehr, sehr wichtigen Neuorientierung unterworfen, der Konzentration auf die Brille. Rodenstock will kein Systemanbieter mehr sein, bei dem man alles um das Produkt Brille bekommen kann. Statt dessen will Rodenstock in Zukunft seine Kompetenz allein auf das Produkt Brille konzentrieren, also Fassung und Gläser.
FOCUS: Über den Kaufpreis haben Sie sicherlich Stillschweigen vereinbart wie es in solchen Fällen üblich ist.
Löhrer: Es wird so sein, dass die Rodenstock-Gruppe an Pro-Laser beteiligt ist, mit einem Aktienpaket. Über die Menge wird Stillschweigen vereinbart.
FOCUS: Aber über diese Dinge kann man in einer Aktiengesellschaft doch gar kein Stillschweigen halten. Schließlich ist eine AG zur Veröffentlichung aller Vorgänge verpflichtet, die den Aktienkurs beeinträchtigen können.
Löhrer: Bis zur nächsten Bilanz kann man das schon. Gemäß dem Vertrag erhält Rodenstock ein Aufsichtsratsmandat. Das zeigt die Verbundenheit beider Unternehmen.
FOCUS: Ihre Kunden scheinen vereinzelt Probleme damit zu haben, dass die neuen Gesellschafter Israelis sind. Warum, wäre denen ein amerikanischer Investor lieber?
Löhrer: Weco ist auf alle Fälle ein echter Düsseldorfer Jong und wird es auch bleiben. Im Gegenteil, hier wird alles konzentriert. Es ist vorgesehen, im ersten Halbjahr 2000 mit dieser Weco Pro-Laser in Frankfurt an die Börse zu gehen. Damit wird es ein richtig deutsches Unternehmen, das aber auftritt als Global Player for the Eyecare.
FOCUS: In der Pressemeldung über den Verkauf stand, Rodenstock wolle sich von Unternehmensteilen trennen, die nicht zum Kerngeschäft - Brillenfassungen und Brillengläser - gehören. Andererseits schreibt man, man habe eine Allianz geschmiedet. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen?
Löhrer: Die Allianz besteht darin, dass bekannte Aktivitäten zwischen Rodenstock und Weco oder Rodenstock Instrumente nicht aufgegeben werden. Das betrifft z.B. den Vertrieb im Ausland, der weiterhin über die Niederlassungen von Rodenstock abgewickelt wird. Auch das Bonusprogramm für die Augenoptiker wird für alle Produktgruppen erhalten bleiben und weiterhin gepflegt.
FOCUS: Und wie sieht die Zukunft aus: Was passiert mit der Grig? Werden die Büros in Ottobrunn bei München geschlossen und was geschieht mit den Mitarbeitern?
Löhrer: Wahrscheinlich per Ende März wird der Standort Ottobrunn geschlossen sein. Die Ansprechpartner für unsere Kunden werden die gleichen bleiben, denn es zeichnet sich ab, dass die meisten Kunden bezogenen Mitarbeiter bereit sind, nach Düsseldorf zu kommen. Durch diesen Zusammenschluss ergeben sich natürlich eine Reihe von Synergien bei den Kosten und in der Verwaltung. Aber das ist nicht unbedingt das erste Ziel.
Denn, wenn ich Instrumente entwickle, dann denke ich in Instrumenten und wenn ich Maschinen entwickle, dann denke ich in Maschinen. Aber keiner von beiden kommt auf die Idee, eine Instrumenten ähnliche Maschine oder ein Maschinen ähnliches Instrument zu erdenken. Wir sind davon überzeugt, dass der Markt in Zukunft ein wesentlich stärkeres Zusammenwachsen beider Bereiche des Vorne und Hinten beim Augenoptiker geben wird.
Das heißt: Wenn ich eine Fassung mit dem Tracer abgetastet habe, dann ist das ein Schritt. Wenn ich die PD messe, dann ist das ein zweiter Schritt. Blocke ich das Glas zum Schleifen auf, dann ist das ein dritter Schritt. Diese drei Schritte müsste man doch zu einem zusammenführen könne. Wenn das gelingt, ergibt dies eine perfekte Lösung, mit der auch noch die Fehlermöglichkeiten gesenkt weren.
FOCUS: Ist der Standort mitten im Düsseldorfer Stadtteil Eller dafür noch ausreichend?
Löhrer: Das ist eine gute Frage.
FOCUS: Also, was Sie gerade konzipiert haben, und wenn ich mich hier umgucke, dann müssen Sie raus zum Flughafen.
Löhrer: Der Standort in Eller bleibt zunächst. Wir sind gerade dabei, die Anzahl zusätzlicher Arbeitsplätze zu quantifizieren. Es ist denkbar, dass wir hier am Standort in erheblichem Maße Baumaßnahmen in Angriff nehmen werden. Oder aber wir suchen uns vielleicht einen anderen Standort im direkten Düsseldorfer Umfeld, auf dem wir noch expandieren können.
FOCUS: Welche neuen Produkte wird es geben und wann?
Löhrer: Also, das wichtige neue Produkt für den Augenoptiker wird sicherlich der Verifier sein. Damit kann der Augenoptiker oder Augenarzt die Oberfläche von Kontaktlinsen oder Brillengläsern vermessen und die Topografie sichtbar machen. Vielleicht ist er auch mit einem Blockingsystem kombinierbar. Auf der Silmo in Paris wollen wir ihn jedenfalls vorstellen.
Wir haben sehr große Wachstumspläne aus Deutschland heraus für uns als Global Player. Das Unternehmen wird in diesem Jahr DM 100 Mio. Umsatz machen, im nächsten Jahr sind DM 120 Mio. angestrebt, im Jahr 2001 DM 160 Mio. und im Jahr 2002 DM 200 Mio. Diese Wachstumsziele sind mit sehr vielen Detailplänen hinterlegt und sind erzielbar; natürlich mit sehr viel Engagement, mit sehr viel Mühe und Liebe.
FOCUS: Sie sind jetzt knapp eineinhalb Jahre als Geschäftsführer bei Weco. Als Sie sich dazu entschlossen haben, hier an die Jägerstraße zu kommen, konnten Sie in etwa erahnen, dass es so eine Entwicklung geben wird, so rasend schnell?
Löhrer: Dass es eine solche Entwicklung geben könnte war sicherlich zu dem Zeitpunkt nicht zu erwarten, als ich mich für das Unternehmen Weco entschieden hatte.
FOCUS: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.
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