Wenn zwei sich streiten

Wenn zwei sich streiten

14. Juli 2014

Sachverständige im Augenoptikerhandwerk

Jeder kennt sie, keiner mag sie: Kundenreklama­tionen. Häufig werden sie vom Augen­optiker kulant geregelt. Beharren allerdings beide Parteien auf ihrem Recht, landet die Sache mitunter vor Gericht. Weil Richter aber wenig verstehen von Zentrierwerten, Toleranzen & Co, ziehen sie Gutachter zu Rate. Doch wie wird man überhaupt Sachverständiger im Augenoptikerhandwerk? Und was erwartet einen in dieser Funktion – nicht zuletzt von den Kollegen, deren Arbeit vor dritter Instanz plötzlich zur Debatte steht?

Gutachter ist keine geschützte Berufsbezeichnung, Sachverständiger ebenso wenig. Wer mag, kann morgen ein entsprechendes Schild an seine Ladentür kleben und abwarten, was passiert. Vielleicht meldet sich ein Brillenträger, der sich woanders mangelhaft versorgt fühlt, vielleicht die Wettbewerbszentrale. Um zu wissen, wie man als Sachverständiger richtig auftritt, lassen sich Seminare ­besuchen. An der Akademie des Handwerks beispielsweise, auf Schloss Raesfeld.

Ein Augenoptikermeister aus Rheinland-Pfalz hat genau das gemacht. Er besuchte Seminare in Raesfeld und klebte sich danach ein Schild an die Tür. Er war weder „öffentlich bestellt“ noch „vereidigt“. Und siehe da, tatsächlich meldete sich auch bald schon die Wettbewerbszentrale. Allerdings wollte sie kein Gutachten, nicht seinen Sachverstand. Sie wollte, dass er das Schild an der Tür wieder abmacht.

Ein „richtiger Sachverständiger“ hatte sich offenbar beschwert. Der „freie“ Sachverständige, der mittlerweile im ­Ruhestand ist, nahm das Schild also ab. Heute auf diese Episode angesprochen, sagt er: „Ein richtiger Sachverständiger wäre ich eh nie geworden, weil ich nicht in der ­Innung war.“

Was aber meint in diesem Zusammenhang überhaupt das Wort „richtig“? Und was hat die Innung damit zu tun?

Die Sachkundeprüfung

Die Kurse, wie sie beispielsweise auf Schloss Raesfeld angeboten werden, sind nur ein Teil der Ausbildung zum Sachverständigen. Zumindest, wenn dieser von der Handwerks­kammer öffentlich bestellt und vereidigt werden will. Als solcher wird er von der Justiz für Gutachten konsultiert, kann aber auch Unternehmen und Endverbraucher im Zusammenhang mit handwerklichen Leistungen außergerichtlich ­beraten.

Der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige muss also wissen, wie ein Gutachten zu verfassen und strukturieren ist und wie er es vor Gericht verbal verteidigt. Die Bandbreite der Seminare reicht daher vom rechtskundlichen Grundseminar bis hin zu Rhetorikschulungen. Zwei Grundseminare sind obligat, der Rest ist optional. Thematisch befassen sich die beiden verbindlichen Grund­seminare unter anderem mit Inhalten wie:

  • Ausarbeitung und Aufbau eines Gutachtens
  • Grundzüge der Zivilprozessordnung
  • das Verhältnis des Sachverständigen zum Gericht
  • Regeln und Richtlinien für die Sachverständigentätigkeit
  • Sachverständigenvergütung
  • Situationsbeispiele und Verhaltensempfehlungen
  • die Haftung des Sachverständigen
  • die privatgutachterliche Tätigkeit

Bevor man diese sogenannten gewerkeübergreifenden ­Seminare aber besuchen kann und darin geprüft wird, gilt es zuerst noch eine andere Hürde zu nehmen. So müssen Augen­optiker, die sich für die vereidigte Sachverständigentätigkeit interessieren, zunächst Kontakt mit ihrer zuständigen Handwerkskammer aufnehmen. Die Kammer sendet dem Interessenten dann die Bewerbungsunterlagen zu und prüft das Vorliegen der allgemeinen Bestellungsvoraussetzungen. Denn ein „richtiger“ Sachverständiger kann grundsätzlich nur werden, wer

a) einen eigenen Handwerksbetrieb unterhält und

b) besondere Sachkunde aufweist.

Wurden die beiden Grundseminare sowie die Sachkunde­prüfung bestanden, obliegt es dann der Handwerkskammer, den Sachverständigen zu bestellen und zu vereidigen. Nur sie kann diese hoheitliche Aufgabe wahrnehmen. Der Berufs­verband, in unseren Fall der ZVA, ist somit nur Erfüllungsgehilfe, da er die fachliche Eignung des Anwärters prüft – sich also um b) kümmert.

Manche sagen, es würde daher auf dem Weg zum Sachverständigen durchaus helfen, c) in der Innung zu sein.

Unsaubere Verquickung

„Klüngeltrüppchen“ nennt das der bereits erwähnte Kollege aus Rheinland-Pfalz, der sich das Schild an die Tür klebte und es dann wieder abnahm. Und tatsächlich gibt es unter den rund 70 Sachverständigen für das Augenoptikerhandwerk „überproportional viele Innungsmitglieder“, wie auch ZVA-Geschäftsführer Dr. Jan Wetzel bestätigt. „Das mag möglicherweise auch an dem für Innungsmitglieder kostenlosen Fortbildungsseminar liegen.“ Dr. Wetzel sitzt selbst in der Prüfungskommission, gemeinsam mit Wolfgang Hirt und Christian Müller, beide selbst langjährige öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige. Zu dritt prüfen sie die Anwärter im Auftrag der Handwerkskammern auf ihre fachliche Eignung. Diese Sachkundeprüfung setzt sich aus drei Teilen zusammen:

  1. Erstellung eines Probegutachtens (vier Wochen Bearbeitungszeit)
  2. schriftliche Prüfung (Multiple Choice sowie offene Fragen)        
  3. mündliche Prüfung (verbale Verteidigung des verfassten Probegutachtens in einer simulierten Gerichtsverhandlung)

Zuvor erfolgt in Knechtsteden ebenfalls ein Vorbereitungskurs. Die Kosten für Kurs und Prüfung betragen rund 800 Euro. Am Ende erklärt die Kommission den Anwärter entweder für „geeignet“ oder für „zur Zeit nicht geeignet“.

Von sechs Prüflingen fällt durchschnittlich einer durch, ­darunter durchaus auch mal ein Obermeister. Wenn so etwas eintritt, liegt vor allem für die Betroffenen schnell der Verdacht nahe, dass nicht die eigene Sachkunde, sondern ein politischer Grund maßgeblich sei für das Prüfungsergebnis. Vielleicht um im jeweiligen Handwerkskammerbezirk die ­Monopolstellung eines bereits bestellten Sachverständigen nicht zu gefährden.

Für ZVA-Geschäftsführer Dr. Jan Wetzel ist dieser Vorwurf jedoch haltlos. Eher sei das Gegenteil der Fall und der Verband vielmehr bemüht, möglichst viele Sachverständige pro Bezirk bereithalten zu können, schon um Interessenkonflikte zu ­vermeiden. „Es ist nicht immer sauber, wenn ein Sachverständiger zum Beispiel auch Ehrenamtsträger ist, da aufgrund des Amtes manchmal der Verdacht der Befangenheit bestehen kann“, sagt Dr. Wetzel.

Dennoch drängt sich diese Konstellation natürlich unweigerlich auf, da Ehrenamtsträger oft solche werden, die sich ohne­hin bereits überdurchschnittlich für den Berufsstand engagieren. Die Sachverständigentätigkeit ist dann häufig nichts anderes als die Fortsetzung dieses Engagements mit anderen Mitteln – so wie beispielsweise im Falle von Elfriede Cäsar aus Düren. Sie ist sowohl Mitglied des Vorstands des Augen­optiker- und Optometristenverbands NRW sowie auch öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige der Handwerkskammer Aachen.

Wer mit ihr spricht, begreift jedoch schnell, dass es kaum ­ökonomische Motive gewesen sein dürften, die sie zu dieser Fortbildung veranlassten: „Wirtschaftlich lohnt sich die Sachverständigentätigkeit nicht. Müsste ich davon leben, wäre ich längst verhungert.“

„Sie sind doch die Schlichtungsstelle!“

Zwei bis drei Gerichtsgutachten erstellt Elfriede Cäsar im Durchschnitt pro Jahr. Der Zeitaufwand ist dabei oft immens. Zunächst erhält ein Sachverständiger vom Gericht die Akten, muss diese sichten und entscheiden, ob er oder sie überhaupt für diesen Fall geeignet ist. Handelt es sich beim Gegenstand des Rechtsstreits um eine Brille, wird diese angefordert. Zudem muss oftmals ein Ortstermin vereinbart werden. Der betroffene Kunde kommt also zu Elfriede Cäsar nach Düren, um dort in ihrem Geschäft von ihr augenoptisch vermessen zu werden. Eingeladen werden alle Beteiligten, auch der beklagte Kollege sowie sein Anwalt. „Meistens kommt aber nur der Kläger“, so Cäsar.

Häufig gehe es um vermeintlich fehlerhafte Augenglasbestimmungen oder Bohrbrillen, die auseinanderbrachen, weil sie angeblich bereits mit Mängeln an den Kunden übergeben wurden. Wobei das Wort „mangelhaft“ im Vokabular des Sachverständigen nichts zu suchen hat, wie ZVA-Geschäftsführer Dr. Jan Wetzel erklärt. Dieses Urteil obliegt allein dem Richter. „Sachverständige müssen sich enthalten hinsichtlich der Mangelhaftigkeit einer Ware. Sie stellen nur fest, ob unüblich oder nicht normgerecht gearbeitet wurde.“ Daraufhin wird das Gutachten angefertigt, für welches der oder die Sachverständige natürlich ein Honorar erhält.

Ganz unentgeltlich dagegen geschieht, was Elfriede Cäsar
als „Telefonseelsorge“ bezeichnet. Denn vereidigte Sach­verständige sind auch in Verzeichnissen von Verbraucher­zentralen gelistet. Und das bedeutet Anrufe von Leuten, die einfach nur mal eine zweite Meinung einholen wollen. „Sie sind doch die Schlichtungsstelle!“, erklärte ein Anrufer ihr einst erwartungsvoll. Cäsar musste ihm klarmachen, dass es so ­etwas nicht gibt. – In der Zeit, die solche Telefonate kosten, kann man auch Brillen verkaufen. Ist die Sachverständigentätigkeit also am Ende gar ein Verlustgeschäft?

Nicht unbedingt.

Die außergerichtliche Beratung

Ein Feld, das lukrativ sein kann und vielleicht deshalb auch regelmäßig zum Austragungsort kleinerer bis größerer ­Scharmützel wird, ist die außergerichtliche Beratung von ­„Kostenträgern im Gesundheitswesen“, kurz: Krankenkassen. Diese beauftragen einen Sachverständigen, wenn beispielsweise die Versorgung eines Keratokonus mit Kontaktlinsen erforderlich ist. Der Anpasser erstellt zu diesem Zweck einen Kostenvoranschlag, den die jeweilige Krankenkasse prüfen lässt – von dem Sachverständigen ihres Vertrauens.

Dass dieses Vertrauen dem Gutachter nicht zwangsläufig auch von dem betroffenen Anpasser entgegengebracht wird, zeigt dabei ein Fall, der es mittlerweile bis vor das Landgericht ­Konstanz geschafft hat. Vereinfacht gesagt geht es dabei um Folgendes: Ein Augenoptiker soll sich gegenüber einem Kranken­kassenmitarbeiter abschätzig über die Arbeitsweise eines bestimmten öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen geäußert haben. Der Sachverständige erfuhr davon und ließ dem Augenoptiker schließlich über seinen Anwalt eine strafbewerte Unterlassungserklärung zukommen, die offenbar aber ergebnislos blieb. Denn jetzt kümmert sich das Landgericht Konstanz um die beiden.

Der Streit ist stellvertretend für eine regelrechte Konfliktlinie: Auf der einen Seite steht eine Gruppe von Kontaktlinsen­anpassern, die sich ungerecht behandelt fühlt; auf der ­anderen Seite ein Gutachter im Auftrage der Krankenkassen, der den Anpassern häufig unwirtschaftliche Überversor­gungen attestiert.

Derartige Kostenvoranschlagsbewertungen sind allerdings nicht die typische Aufgabe eines öffentlich bestellten Sachverständigen, wie Elfriede Cäsar betont. „Sie werden nur von wenigen Kollegen durchgeführt, und die daraus entstehenden Streitigkeiten betreffen somit vor allem Personen, die möglicherweise auch ohne diese Tätigkeit keinem Konflikt aus dem Weg gehen!“

Die Personen, von denen sie spricht, werden nun vermutlich mit Spannung nach Konstanz gucken. Manchmal sind eben höhere Instanzen gefragt. Wenn zwei sich streiten.

 

Eine Liste aller öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen findet sich im Internet unter: www.gfwh.de/sachverstand-bund/start.htm

 

Von Lars Wandke

Artikel aus FOCUS 2014_05

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