Die optometrischen Schläfer

Die optometrischen Schläfer

23. Januar 2013

Berufspolitik im Realitäts-Check

Die Optometrie als berufspolitische Stoßrichtung wird weiterhin kontrovers diskutiert, das zeigen unsere zahlreichen Zuschriften. Die FOCUS-Redaktion nahm dieses Thema daher auf und unterzog es einer Momentaufnahme. Sabine Otero ist eine Augenoptikerin, wie sie den Träumen der Berufspolitiker entsprungen sein könnte: Hochmotiviert, gut ausgebildet, nach eigenen Worten ausgestattet mit einem ausgeprägten Helfer-Syndrom. Wenn man sie ließe, sie würde morgen loslegen mit Anamnese, Screening, kurz: Optometrie. Und „der Volksgesundheit dienen“, um es in den Worten des ehemaligen ZVA-Präsidenten Thomas Nosch zu sagen. 

– Allein, die Volksgesundheit, sie will irgendwie nicht. 

Nachdem Otero im Sommer letzten Jahres an der HFAK ihren Abschluss zur staatlich geprüften Augenoptikerin gemacht hatte, suchte sie im Großraum Aachen, Köln, Düsseldorf eine Anstellung, in der sie Gelerntes auch anwenden kann. „Aber bereits in der Vorbereitung auf die Bewerbungen merkte ich: Es findet sich keiner, der sich irgendwie mit dieser Thematik auseinandersetzen möchte“, so Otero. 

Diese Thematik, damit ist gemeint, was während Noschs Ägide unter dem Schlagwort „Höherpositionierung“ seinen Anfang nahm und mittlerweile flächendeckend die Studien- und Lehrpläne in der Augenoptik bestimmt: Biomedizin, Pharmakologie, Pathologie. Und natürlich optometrische Untersuchungen. 

Was im Einzelnen darunter zu verstehen ist und nach welchem Rezept die Bildungsträger diese Zutaten in ihr Curriculum mischen, ist ihnen allerdings weitgehend freigestellt.

Standardisierung: Fehlanzeige

Konsens und Orientierung zugleich soll das ECOO-Diplom sein: Das European Council of Optometry and Optics hat es sich zum Ziel gemacht, „die Augengesundheit grenzüberschreitend zu fördern sowie die Ausbildung und die klinischen Standards von Augen­optikern und Optometristen europaweit zu harmonisieren“. 

Ein löbliches Ansinnen. Und ehrgeizig. 

Denn nicht nur unterscheiden sich die Berufsbilder im europä­ischen Vergleich zum Teil erheblich, auch vor der eigenen Türe besteht noch massiver Harmonisierungsbedarf, wie die ­sogenannte Wasem-Studie offenbart: 

„Eine Analyse der verschiedenen Lehrpläne im Detail zeigt ein Problem der deutschen Augenoptik/Optometrie: Es besteht eine große Vielfalt hinsichtlich Tiefe und Ausmaß der beruflichen Bildung, und die Anforderungen der Augenoptikermeisterverordnung werden häufig nur in einer unzureichenden Art und Weise erfüllt. Selbst die Bachelor-Abschlüsse der Fachhochschulen garantieren keine adäquate biomedizinische und optometrische Ausbildung.“

Benannt ist die Studie nach ihrem federführenden Autoren, Prof. Dr. Jürgen Wasem vom Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen. Er analysierte im Auftrag von ECOO die Systeme der primären Augenversorgung (primary eye care) in Großbritannien, Frankreich sowie Deutschland und gab seine Ergebnisse im Oktober 2011 bekannt. 

Demnach bieten alle drei Länder eine hohe Qualität in der Versorgung, zudem zu vergleichbaren Kosten – trotz aller Unterschiede: 

In Großbritannien bilden Optometristen die erste Anlaufstelle, wenn es ums Sehen und die Gesundheit der Augen geht. Sie absolvieren eine vierjährige Ausbildung, dürfen diagnostizieren und – bei entsprechender Fortbildung – therapieren. Eine Brille anzufertigen oder anzupassen liegt nicht in ihrem Aufgabenbereich. Dafür gibt es die sogenannten Dispensing Opticians, die einen komplett anderen Ausbildungsweg beschreiten. Das zahlenmäßige Verhältnis von Optometristen zu Dispensing Opticians liegt ungefähr bei 2:1. 

Frankreich ist der berufspolitische Gegenpol: Bis 2007 war Augenoptikern die Refraktion hier praktisch verboten. Mittlerweile ist sie ihnen gestattet, vorausgesetzt, die zuvor erfolgte augenärztliche Verordnung ist nicht älter als drei Jahre. 

Der deutsche Augenoptiker hängt irgendwo dazwischen.

Berufspolitik vs. Arbeitsmarkt

Dank Screening-Urteil sowie der jüngsten Entscheidung des Sächsischen Oberverwaltungsgerichts, die Klage der Augenärzte gegen die Fortbildung zum Optometristen (ZVA/HWK) abzuweisen, sind wir zumindest formal weiter als die Franzosen. Wie viele deutsche Augenoptiker diesen Spielraum allerdings tatsächlich nutzen, darüber lässt sich nur spekulieren. 

Sabine Otero jedenfalls fasst ihre Stellensuche so zusammen: „Viele Inhaber finden Optometrie ganz toll, aber keiner traut sich so richtig ran.“ 

Die engagierte Augenoptikerin absolvierte an der HFAK eine freiwillige Vorbereitung auf die Prüfung zur Optometristin (ZVA), legte die Prüfung dann aber aus privaten Gründen nicht ab. – War das der Grund, warum sie partout keinen Arbeitgeber fand, der ihre bereits erlernten optometrischen Fähigkeiten auch abfragte? 

Zur Beantwortung der Frage lohnt ein Blick in die Hauptstadt: An der Berliner Beuth Hochschule absolviert ein Bachelor-Student allein 980 Stunden in der Fächerkategorie Optometrische Untersuchungen/Biomedizin/Physiologische Optik. Dazu kommen 250 Stunden klinische Praktika. Wer hier sein Studium beendet, sollte problemlos eine Stelle finden, wie Sabine Otero sie gerne hätte.

FOCUS fragte daher Prof. Dr. Peter Moest, Studiengangssprecher des Fachbereichs Augenoptik/Optometrie an der Beuth-Hochschule, wie es seinen Studenten nach dem Studium ergeht: „Der Umfang, in dem diese Qualifikation vom Arbeitsmarkt abgefragt werden, ist heute bei weitem nicht so groß, wie wir uns das wünschen würden“, so seine ehrliche Bilanz. 

Am fehlenden Titel scheiterte Sabine Oteros Suche also offenbar nicht.

Vielmehr scheinen Berufspolitik und Arbeitsmarkt derzeit noch getrennte Wege zu gehen. Die Auskunft von Prof. Moest bestätigt dies, obschon er darin keine Problematik sieht: „Die Aussage, dass die Ausbildung an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes vorbei geht, verkennt die Aufgabe von Ausbildung. Ausbildung soll fit machen für die Zukunft.“ 

– Wie aber sieht die Zukunft aus?

Ein Blick in die Glaskugel 

Diese Frage stellte sich auch Bean & Company, zumindest in Bezug auf die US-amerikanische Optometrie. Die Consulting Firma sieht diese laut einer aktuellen Studie vor „großen Herausforderungen“: Zunehmende Markmacht der Filialunternehmen, Onlinehandel, Wunsch nach mehr Transparenz seitens des Kunden. 

Denn knapp die Hälfte ihres Umsatzes generieren auch die dortigen Optometristen über den Absatz von Brillen und Kontakt­linsen. Wenn sie diesen aber weiterhin stiefmütterlich behandeln, so Bean & Company, blüht ihnen unter Umständen das gleiche Schicksal wie ihren britischen oder australischen Kollegen: Denen setzte der aggressive Marktauftritt des Filialunternehmens ­Specsavers seit 2007 bzw. 2008 massiv zu und ihre Marktanteile schwanden nur so dahin.

Auf der anderen Seite, so die Studie, seien es eben die optometrischen Dienstleistungen, die eine hohe Kundenloyalität bewirken. Die ­Herausforderung bestehe für die sogenannte Independent ­Optometry nun darin, auch ein konkurrenzfähiges „Retail“-Konzept zu entwickeln, um den Kunden nicht an Großunternehmen oder Internet zu verlieren.  

Daher zur Erinnerung: 980 Stunden beschäftigen sich die Studenten der Beuth Hochschule mit Biomedizin und Optometrie, exklusive Brillenoptik, Kontaktlinsen und Low Vision. Dagegen stehen
300 Stunden in der Fächerkategorie Wirtschaft/Marketing/Fremdsprachen. 

Macht man seine Absolventen so wirklich „fit für die Zukunft“? ­Absolventen, die – wie Prof. Moest bestätigt – „in der großen Mehrheit immer noch in den Fachgeschäften“ arbeiten? 

Optometrie zu Zwecken der Kundenbindung

Was die Optometrie ihnen potenziell bietet, ist die Chance, die Kunden dauerhaft an sich zu binden. Das zeigt die Untersuchung von Bean & Company und das bestätigt auch Markus Leonhard. Für ihn ist Fortbildung ein wesentlicher Baustein zur Existenzsicherung: „Als Kunde zu erleben, dass sich der Fachmann wirklich für meine Beschwerden und Empfindungen interessiert und alle seine Kenntnisse einsetzt, um mich als Kunden weiter zu bringen – das ist ja an sich schon etwas Besonderes, was schnell zu Weiterempfehlungen führt.“ 

Leonhard absolvierte einen Master-Kurs in Aalen, nachdem er bereits einige Jahre selbständig gewesen war. Neben seiner persönlichen fachlichen Weiterentwicklung sieht er auch einen praktischen Nutzen in der Höherqualifizierung: „Es gibt bereits viele Modelle, Optometrie in die deutsche Augenoptik zu integrieren. Der Vorteil hierbei ist ein stabiles Standbein; hat man sich erst mal einen Ruf erarbeitet, läuft es wie von selbst, weil die Patienten wahrnehmen, dass es dem Optometristen eben nicht vorrangig ums Geld geht. 

Denn das ist Leonhard wichtig, Geld sollte nicht das Hauptmotiv sein. Darin scheinen sich (fast) alle einig, die sich mit der Optometrie befassen: Es zähle die Volksgesundheit, nicht die Vermehrung des eigenen Reichtums. 

Das zu hören dürfte insbesondere die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) freuen, an deren Pfründe die Optometristen offenbar nicht ran wollen. Stattdessen rechnen sie mit dem „Patienten“ als Selbstzahler und unterscheiden sich somit von ihren US-Vorbildern, die ohne die sogenannten Vision Care Plans wohl kaum existieren dürften.

Die Abrechnung mit den GKV jedenfalls sei kein moderner Ansatz, so Markus Leonhard: „Die IGeL-­Diskussion ist gerade in vollem ­Gange. Wenn selbst Augenärzte es nicht schaffen, die für sie so wichtigen und dabei so kritisch beäugten Leistungen in den GKV-Leistungskatalog zu bekommen, kann es für Augenoptiker/Optometristen nicht sinnvoll sein, das zu erwägen.“

Der Optometrist auf dem Lande

Wenn aber eine Abrechnung über die Kassen gar nicht beabsichtigt wird, welchen Sinn hat dann die Diskussion über die Substitution der augenärztlichen Versorgung, wo diese angeblich Lücken reißt? 

„Der Optometrist auf dem Land als Ersatz für den fehlenden Ophthalmologen kann auch nicht nur von Luft und Liebe leben, schon gar nicht, wenn die Preise für Brillen sinken werden oder sich die Landbevölkerung keine teuren Brillen leisten kann oder will“, bringt Prof. Dr. Peter Baumbach von der Hochschule Aalen das Problem auf den Punkt. 

Ein deutsches Modell, bei dem sich ein Optometrist über den Brillenverkauf selbst subventioniert, ist somit flächendeckend kaum vorstellbar; der beschworene Dienst an der Volksgesundheit somit höchstens in Ballungszentren realisierbar und das Argument fadenscheinig. 

Einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen könnte die Optometrie nur entfalten, wenn sie sich vom Handel emanzipierte. 

Wollte man aber den Optometristen nach angelsächsischem Vorbild schaffen, so müsste dies laut Prof. Baumbach handfeste Vorteile für das Gesundheitssystem haben: „Erst wenn diese nachgewiesen würden, könnten das medizinische System und die Tätigkeitsfelder von Ophthalmologen und Augenoptikern/Optometristen per Gesetz neu geregelt werden. Ich sehe allerdings momentan keine Verantwortlichen außerhalb der Augenoptik, die das bestehende Berufsbild in Richtung des Optometristen ändern möchten.“

– Bleibt also doch alles beim Alten? 

Wohl kaum. Die Optometrie ist nicht mehr wegzudenken, weder aus den Lehrplänen noch aus den Köpfen des Berufsnachwuchses. Ihr Wunsch nach Höherpositionierung ist nachvollziehbar, ihr Motiv ehrbar und die Optometrie vermutlich sogar ein probates Mittel im Kampf um Kunden. 

Das zeigt ein Blick nach Schleswig-Holstein.

Der Kunde bleibt König

Auch die Fachhochschule Lübeck bildet seit 2005 Bachelor in Augen­optik/Optometrie aus. Die Biomedizin spielt in diesem Studiengang eine große Rolle; in jedem der sechs Semester ist jeweils ein Modul dafür vorgesehen. Ausbildungspartner ist die Fielmann Akademie in Plön. 

Insgesamt investiert die Fielmann AG bis 2014 rund zehn Millionen Euro in den Studiengang – alles nur für den ­altruistischen Dienst am Kunden? 

Denn auch die Lehrinhalte der Meisterausbildung in Plön orientieren sich am Teil C des ECOO Europadiploms.
Prof. Dr. Hans-Jürgen Grein, Leiter Wissen­schaft und Lehre an der Fielmann Akademie, begründet dies so: „Zentraler Bestandteil der Ausbildungsphilosophie an der Fielmann Akademie Schloss Plön ist die Ausrichtung auf die Erwartungen und Bedürfnisse der Kunden. Kundenzufriedenheit ist Richtschnur unseres Handelns. Die Absolventen sollen in der Lage sein, immer mehr bieten zu können, als der Kunde erwartet.“

Wenn also selbst die Fielmann AG, deren Primärziel vermutlich nicht die „Volksgesundheit“ ist, dem Trend zu Biomedizin und Co. folgt, wird die Augenoptik wohl auch in der Fläche bald jene neue Spezies erleben, deren Stellvertreterin Sabine Otero ist: optometrische Schläfer, die nur darauf warten aktiviert zu werden. 

Wie lange sie warten müssen, darüber wird wohl der Kunde entscheiden. Das ist das Doofe an der Marktwirtschaft. 

Ein klares Jein zur Berufsspaltung

Nur eines steht laut amtierendem ZVA-Präsidenten jetzt bereits fest: Es soll „keine Spaltung des Berufes in Augenoptikermeister und Optometristen geben“, so Thomas Truckenbrod auf der Mitglieder­versammlung am 10. und 11. März 2012 in Berlin.

Wie ist es da zu deuten, was der ZVA auf http://www.optometrist-zva.com schreibt: „Kunden, die besonderen Wert auf höchste Sehqualität und eine umfangreiche optometrische Betreuung legen, sollten bei der Wahl ihres Augenoptikers verstärkt darauf achten, ob auch er oder sie schon die Prüfung zum Optometristen (ZVA) abgelegt hat.“

Impliziert diese Aussage nicht bereits eine Spaltung und bedeutet im Umkehrschluss, ist dem Kunden sein Sehen nicht so wichtig, geht er zum gewöhnlichen Augenoptiker? 

Das erinnert unfreiwillig an die alte DWS-Werbung: „Ich nehme das zweitbeste Steak und für meine Frau den zweitbesten Fisch“. 

Einige berufspolitische Akteure scheinen ergänzen zu wollen:
„Und für meine Augen den zweitbesten Augenoptiker“.

 

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Artikel aus FOCUS 06_2012

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