Von Schwaben nach Rio

Von Schwaben nach Rio

23. Januar 2013

Frank Haass, Hersteller von Brillengläsern

Wenn Frank Haass morgens das Haus zur Arbeit verlässt, führt ihn sein Weg nicht selten zum Flughafen. Seine Kunden verteilen sich auf einer Fläche, die rund 24 mal so groß ist wie Deutschland. Er lebt und arbeitet in Brasilien. Der Augenoptiker hat einen ungewöhnlichen Berufsweg eingeschlagen. Der gebürtige Schwabe ist heute Produzent von hochwertigen Brillengläsern.

„An den Tagen, an denen ich in meine Firma fahre, führt mich ein gutes Stück des Weges an der Copa Cabana entlang“, sagt Frank Haass. „Es ist immer wieder ein fantastischer Blick.“ Die gut 600m² seiner Firmenräume liegen in einem Industriegebiet und etwas außerhalb der City – dort sind die Mieten günstiger. Er ist Brillenglashersteller und lizensierter Anbieter von Zeiss-Brillengläsern. Er fährt montags und freitags in die Firma und an den anderen Arbeitstagen besucht er seine Kunden. Somit kommt er auf ca. 80-90 Flüge im Jahr. Alleine die Größe des Landes lässt eigentlich nur Flugreisen zu. Frank Haass hat so schon viel vom Land außerhalb der großen Ballungszentren gesehen und ist immer noch begeistert. „Es hatte mir damals 1999, als ich hier ankam, sofort gefallen, allerdings ist mir erst im Laufe der Zeit klar geworden, dass ich hier nicht mehr weggehen möchte“, so Frank Haass.

Auslandserfahrung hat er reichlich, nicht nur als Reisender. Er arbeitete Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre zweieinhalb Jahre in Namibia. Im folgenden Studium zum Diplom-Ingenieur der Augenoptik in Aalen absolvierte er sein Praxissemester in Äthiopien und in Malawi und auch während der Diplomarbeit reiste er neun Monate durch Afrika. In seinem ersten Job nach dem Studium war er ebenfalls viel unterwegs. Als Regional Sales Manager für Sola betreute er einige Länder in Osteuropa. „Aber das Wetter war nicht mein Ding – wenn man längere Zeit in Afrika war, erscheint einem Osteuropa nicht sehr attraktiv.“ Der Zufall führte ihn mit einem Verantwortlichen bei Zeiss zusammen, der für Brasilien jemanden suchte, der ein Lab, also eine Glasschleiferei für das Unternehmen führt. „Ich hab sofort beschlossen mir das anzuschauen“, sagte der Unternehmer.

Einstieg in die Welt der Brillenglasherstellung

Er stieg ein und arbeitete mit einem Mitarbeiterstamm von rund 45 Leuten. Das Unternehmen lief gut. Bis die allgemeine Wirtschaftslage und der fallende Währungskurs die Marge für Zeiss schmälerten. Das Lab sollte geschlossen werden. Frank Haass beschloss, das Unternehmen unter eigener Regie und mit eigenem Risiko weiterzuführen, und kaufte kurzerhand das Unternehmen selbst. Er hatte Glück: Der Währungskurs änderte sich wieder zu seinen Gunsten. „Ich hatte in meinem Businessplan mit weniger als der Hälfte gerechnet um rentabel zu arbeiten. Nun konnte ich mit dem Doppeltem rechnen, das war natürlich eine perfekte Ausgangsituation!“, erinnert er sich. Nun begann man sich auch in Aalen wieder für den brasilianischen Markt zu interessieren und so konnte er später das Unternehmen gewinnbringend verkaufen.

Er schlug danach eine ganz andere Richtung ein: Er vertrieb ­Wöhlk-Kontaktlinsen mit dem Lizenznamen Zeiss und weitete das Geschäft auch weit über die Landesgrenzen aus, beispielsweise nach Chile und Uruguay. Parallel dazu stieg er auch in den Verkauf von Brillenfassungen ein und wurde zum Anbieter verschiedener europäischer Top-Marken in Südamerika. „Doch mir fehlte das Geschäft mit Brillengläsern und ich wusste ja, wie es geht. So beschloss ich wieder zurück zu meinen Wurzeln zu gehen und ein Lab zu eröf­fnen“, berichtet er heute.

Zurück zu den (Glas-)Wurzeln:

„Ich habe mir Anfang des Jahres eine Freiform-Maschine von Schneider zugelegt und eine zweite ist bereits bestellt. Das ganze habe ich mit einer Satisloh Entspiegelungsanlage ergänzt. Ich kann somit die modernsten Brillengläser herstellen“, erzählt Frank Haass. 1,5er-Kunststoffgläser kommen dabei nicht vor. „Wir fertigen nur 1,6er, 1,67er und 1,74er Brillengläser und davon nur das Beste! Mein Ziel ist es damit nur die Top-Anbieter in der Augenoptik zu versorgen“, so der erfolgreiche Unternehmer weiter. Das sind rund 250 der besten Augenoptiker, verteilt im ganzen Land.

In Brasilien gibt es ca. 25.000 Augenoptiker und 11.000 Augenärzte. Es gibt jedoch einen grundlegenden Unterschied zur Augenoptik in Deutschland: „Hier ist ein Augenoptiker lediglich ein sogenannter Dispenser. Er darf ausschließlich Brillen nach einem Rezept des Augenarztes anfertigen. Selbst die Optometrie ist praktisch nicht existent. Alles läuft hier über den Augenarzt“, so Frank Haass. Für den Diplom-Ingenieur ist das eine schwer zu akzeptierende Situation. Zumal er der einzige seiner Art in ganz Brasilien ist. Er gibt daher von Zeit zu Zeit ehrenamtliche Kurse an Schulen in Sao ­Paulo oder Rio. Die Ausbildung zum Augenoptiker verläuft dort in Kursen von 15 Monaten an Abendschulen. Viele fragen ihn auch, ob er Kurse oder Vorträge zur Glastechnologie geben kann. Er berichtet dann über verschiedene Designs bei Progressionsflächen und gibt sein Wissen zur Freiform-Technologie oder Entspiegelungen weiter.

In seinem Unternehmen hatten Studenten und Diplomanden aus Deutschland in der Vergangenheit immer wieder die Möglichkeit Erfahrungen in der Glasfertigung zu sammeln. „Es scheitert jedoch manchmal an der Sprachbarriere“, sagt er. „Es ist hier absolut wichtig, dass man portugiesisch spricht oder auch spanisch. Ich selbst habe in nur sechs Monaten portugiesisch gelernt.“

Würde er es wieder so machen, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte? „Ja, absolut! Die Flugreisen sind zwar ein wenig anstrengend, aber ich habe auf der anderen Seite einen fantastischen Ausgleich hier.“ Alleine die Nähe zum Strand, die umwerfende Natur und das Super-Wetter bieten dem ambitionierten Sportler alles, was man sich nur wünschen kann.

  • Die Mannschaft im Jahr 2004
    Die Mannschaft im Jahr 2004
  • Die eigenen Produkte sind immer dabei. Hier werden gerade Kontaktlinsen eingesetzt, die er bis vor kurzem vertrieb.
    Die eigenen Produkte sind immer dabei. Hier werden gerade Kontaktlinsen eingesetzt, die er bis vor kurzem vertrieb.
  • Die Travessia in Rio: ein Schwimm-Marathon von 26 km im Meer. Frank Haass hat bereits neun Mal daran teilgenommen.
    Die Travessia in Rio: ein Schwimm-Marathon von 26 km im Meer. Frank Haass hat bereits neun Mal daran teilgenommen.
  • „Wir fertigen nur 1,6er, 1,67er und  1,74er Brillengläser und davon nur das Beste!“
    „Wir fertigen nur 1,6er, 1,67er und 1,74er Brillengläser und davon nur das Beste!“

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Artikel aus FOCUS 12_2012

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Kommentare

  1. Dietmar Hildebrand
    13.02.2013 um 23:18 Uhr

    Great article. Really enjoyed the reading of it.
    Life seems to be really hard in Brazil :)

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