EUHA: Gemeinsam Zukunft gestalten
EUHA-Kongress zeigt wachsende Nähe von Hörakustik und Augenoptik
Wenn der Internationale EUHA-Kongress Mitte Oktober sein 70-jähriges Bestehen feiert, steht nicht nur ein Jubiläum im Mittelpunkt. Die Veranstaltung spiegelt den Wandel einer Branche wider, die sich längst über klassische Hörsysteme hinaus entwickelt hat. Für Katarina Sipple, Leitung Kommunikation & Events beim Bundesverband der Hörsysteme-Industrie (BVHI), ist die den Kongress begleitende internationale Industrieausstellung weit mehr als eine Fachmesse für Hörakustiker. Im Gespräch mit FOCUS beschreibt sie eine Innovationsplattform, die zunehmend auch für Augenoptiker bzw. Augenoptik/Akustik-Betriebe wichtige Impulse liefert.
Der EUHA-Kongress hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Standen früher vor allem Hörsystemhersteller und deren Produkte im Mittelpunkt, präsentiert sich die Industrieausstellung heute deutlich breiter. Digitalisierung, Softwarelösungen, Ladenbau, Marketing, Kundenmanagement, Künstliche Intelligenz und Prozessoptimierung sind inzwischen feste Bestandteile des Messeangebots.
Die Herausforderungen der Zukunft lassen sich aus der Sicht von Katarina Sipple nicht mehr allein über Produkte beantworten. „Die moderne Hörakustik ist längst nicht mehr nur eine Frage des Produkts“, sagt sie.
Vielmehr gehe es darum, Betriebe wirtschaftlich erfolgreich aufzustellen und gleichzeitig den steigenden Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden. Themen wie digitale Kundenreisen, hybride Beratungsmodelle und neue Serviceangebote würden deshalb immer stärker in den Vordergrund rücken.
Gerade darin erkennt Sipple eine wachsende Schnittmenge zur Augenoptik. Beide Branchen müssten Antworten auf vergleichbare Entwicklungen finden. Der stationäre Fachhandel stehe vor der Aufgabe, seine Beratungs- und Gesundheitskompetenz mit digitalen Werkzeugen zu verknüpfen.
KI und Vernetzung treiben die Entwicklung voran
Technologisch erlebt die Hörakustik derzeit eine Phase hoher Innovationsdynamik. Zu den wichtigsten Treibern zählt für Sipple die Künstliche Intelligenz. Moderne Hörsysteme analysieren zunehmend selbständig ihre Umgebung und passen sich automatisch an unterschiedliche Hörsituationen an.
Dabei geht es etwa um das Verstehen von Sprache in geräuschvollen Umgebungen, die Anpassung an wechselnde akustische Situationen oder die Unterstützung bei Gruppengesprächen. Daneben gewinnen sensorgestützte Systeme an Bedeutung, die Umwelt- und Bewegungsdaten in Echtzeit auswerten.
Auch die zunehmende Vernetzung von Hörsystemen verändert die Branche. Besonders viel Aufmerksamkeit erhält derzeit die Bluetooth-Technologie „Auracast“. Sie ermöglicht es, Audiosignale wie Durchsagen, Musik oder Veranstaltungsinformationen direkt auf kompatible Hörsysteme oder mobile Endgeräte zu übertragen.
Parallel dazu werden digitale Prozesse entlang der gesamten Kundenreise ausgebaut. Von der Online-Terminvereinbarung über die Anpassung bis zum Service nach dem Kauf entstehen neue Möglichkeiten, die Abläufe für Kunden und Betriebe effizienter zu gestalten.
Viele dieser Entwicklungen dürften auch Augenoptikbetrieben vertraut vorkommen. Die Digitalisierung von Beratungs- und Versorgungsprozessen beschäftigt beide Gewerke gleichermaßen.
Kombibetriebe profitieren von gemeinsamen Stärken
Besonders deutlich werden die Berührungspunkte bei den zahlreichen Unternehmen, die bereits heute Augenoptik und Hörakustik kombinieren. Nach Einschätzung des BVHI wird sich dieser Trend in den kommenden Jahren weiter verstärken.
Beide Branchen arbeiten beratungsintensiv, genießen ein hohes Maß an Kundenvertrauen und sprechen ähnliche Zielgruppen an. Hinzu kommen wirtschaftliche Vorteile durch gemeinsame Flächen, Prozesse und Verwaltungsstrukturen.
Sipple sieht darin nicht nur betriebswirtschaftliche Chancen, sondern auch eine strategische Weiterentwicklung des Fachhandels. „Die Synergien liegen auf der Hand: gemeinsame Flächen, gemeinsame Prozesse und vor allem die Möglichkeit, sich als umfassender Gesundheitsdienstleister zu positionieren“, erklärt die Kommunikationschefin des BVHI.
Zudem stünden beide Gewerke vor fast identischen Herausforderungen. Fachkräftemangel, Digitalisierung und die Frage nach der Zukunft stationärer Fachgeschäfte beschäftigen Augenoptiker und Hörakustiker gleichermaßen.
Die klassische Rolle als Produktanbieter tritt dabei zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen wird die Qualität der Beratung zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Kunden erwarten ganzheitliche Erlebnisse
Für moderne Fachgeschäfte bedeutet das einen tiefgreifenden Wandel. Kunden wünschen sich heute mehr als die reine Versorgung mit einer Brille oder einem Hörsystem. Gefragt sind persönliche Betreuung, digitale Services, einfache Abläufe und ein angenehmes Einkaufserlebnis.
Damit verändern sich auch die Anforderungen an die Betriebe. Kompetenz und Vertrauen bleiben zentrale Erfolgsfaktoren, müssen jedoch durch moderne Technologien ergänzt werden.
Aus Sicht von Sipple lohnt sich deshalb ein Blick über die eigene Branche hinaus. Viele Konzepte, die heute in der Hörakustik diskutiert werden, könnten ebenso für Augenoptiker interessant sein. Das betrifft digitale Kundenkommunikation ebenso wie moderne Ladenkonzepte oder den Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Unterstützung von Beratungs- und Arbeitsprozessen.
Vom Versorger zum Gesundheitsbegleiter
Darüber hinaus zeichnet sich ein grundlegender Wandel des Berufsbildes ab. Als Beispiel nennt Sipple den Megatrend „Longevity“, der gesundes und aktives Altern in den Mittelpunkt rückt.
Mit einer alternden Gesellschaft gewinnen Prävention, Gesundheitsvorsorge und langfristige Begleitung an Bedeutung. Hörakustiker könnten künftig stärker als Gesundheitspartner wahrgenommen werden, die Menschen über viele Jahre begleiten. Ähnliche Entwicklungen sind auch in der Augenoptik erkennbar. „Damit entwickelt sich der Hörakustiker zunehmend vom Versorger zum präventiven Gesundheitspartner“, sagt Sipple.
Für Augenoptiker ergibt sich daraus ein vertrautes Bild. Auch hier gewinnen Gesundheitsberatung, Prävention und langfristige Kundenbeziehungen an Bedeutung. Die Grenzen zwischen den einzelnen Gesundheitshandwerken werden dadurch zunehmend durchlässiger.
Das 70-jährige Jubiläum des EUHA-Kongresses steht somit nicht nur für die Geschichte einer Branche. Es verdeutlicht auch, wie eng Hörakustik und Augenoptik heute miteinander verbunden sind. Für Kombibetriebe und reine Augenoptiker könnte der Blick nach Nürnberg daher mehr sein als ein Ausflug in eine benachbarte Branche – nämlich ein Blick auf Entwicklungen, die auch den eigenen Berufsalltag künftig maßgeblich mitprägen werden.





