Anzeige
Menicon (Banner)

Handwerk: Am Puls der Zeit

Bild: flordigitalartist/stock.adobe.com

Ich bin mir sicher, wer heute eine Ausbildung zum Augenoptiker beginnt, kommt ganz schön schnell ins Staunen. Was man in den modern gestalteten Geschäften und während der von Hightech unterstützten Refraktion und optischen Anpassung einer Brille nämlich nicht sieht, ist das Handwerk, das dahintersteht.

Und dann kommen die Auszubildenden aus genau diesen schicken Läden in die Werkstätten und sehen, wie sich alles zusammenfügt – wie aus zwei Gläsern und einer Fassung im Handumdrehen eine fertige Brille wird. Vermutlich bestau­nen sie dabei einen hochmodernen Schleifautomaten, vielleicht sogar eine Fräse, und ehe sie sich versehen, kommen sie auf dem Boden der Tatsachen an. Denn was lernen Auszubil­dende in der Werkstatt zuerst? Genau, das Bröckeln.

Danach geht es an den Handschleifstein und wenn die Flachfacette sitzt, wird natürlich mit größter Sorgfalt die Spitzfacette in Angriff genommen. Und weil der Handschliff im Alltag eines Augenoptikers so eine immense Bedeutung hat, ist er natürlich auch prüfungsrelevant. Sicher sollte jeder Auszubildende mal ein Glas von Hand geschliffen haben und eine Brille von Grund auf selbst gebaut haben – einfach schon um ein Gefühl für die Materie zu bekommen. Aber wenn man davon ausgeht, dass Prüfungsthemen auf den Arbeitsalltag abzielen, dann muss man annehmen, dass wenigstens die halbe Republik ihre Gläser von Hand einschleift. Was Unsinn ist. Mal abgesehen davon, dass in vielen Betrieben gar keine Werkstatt vorhanden ist, hat man auch schlicht und ergreifend gar nicht die Zeit, um alle Brillen von Hand zu bearbeiten. Ich sage an dieser Stelle bewusst nicht, dass die Präzision fehlt, denn ich bin mir sicher, dass es noch echte Werkstattoptiker gibt, die das perfekt beherrschen – und dieses Können glücklicherweise an ihre Azubis weitergeben.

Natürlich müssen die handwerklichen Grundlagen des Berufes vermittelt werden, aber Prüfungsinhalte sollten so gestaltet sein, dass sie den tatsächlichen Aufgaben im Alltag entsprechen. Sonst ist es ein bisschen so, als ob man die Fahrschule auf dem Pferdekarren macht – nicht direkt schlecht, aber eben schon ziemlich altertümlich.

Und während wir die wertvolle Ausbildungszeit mit Tätigkeiten aus dem Mittelalter füllen, versäumen wir das moderne Handwerk zu unterrichten. Denn was nützt heutzutage ein Geselle, der zwar den Handschliff hervorragend beherrscht und auch seine Nietstifte in Perfektion feilen kann, aber leider mit den Möglichkeiten eines modernen Schleifautomaten komplett überfordert ist? Die Geräte haben heute locker den Wert eines Kleinwagens und viele Funktionen – deshalb kann man es sich am Ende einfach nicht leisten, dass jemand daran arbeitet, der nicht das volle Potenzial ausschöpfen kann.

Anzeige
Essilor (Banner)

Wann und wie verändere ich die Facettenlage? Wann ist es sinnvoll, eine Minifacette zu nutzen? Oder wie und warum schleife ich nach Fassungskurve? Es sind schon die einfachsten Dinge, die viel zu wenig Beachtung bekommen.

Meiner Meinung nach denken wir beim Thema Augenoptik der Zukunft viel zu sehr an Optometrie und den gesundheitlichen Aspekt unseres Berufes und vergessen dabei zu oft unsere Wurzeln. Wir können noch so viele Messungen, Screening­-Teste und Refraktionen auf 0,01 dpt genau durchführen – irgendwann kommt der Moment, in dem die Brillengläser in die Fassung eingepasst werden müssen, und genau dann ist es wichtig, Mitarbeiter zu haben, die sicher wissen, was sie tun.

Werkstattbruch ist nicht nur ärgerlich, sondern vor allem sinnlos teuer. Und unsere Kunden haben es verdient, dass die Brille nicht nur hochwertig verkauft, sondern auch hochwertig verarbeitet wird. Die Mittel sind da – vielleicht schaffen wir es, dieses moderne, neue Handwerk auch in die Schulen, die Lehrwerkstätten und die überbetrieblichen Ausbildungsstätten zu bringen und den Beruf des Augenoptikers nicht nur im Laden, sondern eben auch in der Werkstatt in die Neuzeit zu hieven.

In dieser FOCUS-Ausgabe widmen wir uns dem Handwerk.

Anzeige
Menicon (Banner)

Ähnliche Beiträge

  • 40 Jahre

    FOCUS-Chefredakteurin Silke Sage schreibt im Brennpunkt der Jubiläumsausgabe des unabhängigen Fachmagazins für die Augenoptik über „40 Jahre“.

  • Mitreiten? Beobachten? Abwarten? 

    Manchmal rollen Wellen lange, beinahe lautlos auf uns zu, ziehen sich wieder zurück – und schlagen erst später mit voller Kraft auf. Betrachtet man, was sich derzeit in der Augenoptik bewegt, wirkt es so, als stünde die Branche genau auf einer solchen Welle. Rund 20 Jahre nach der Freiformrevolution erleben wir zwar keine einzelne große Zäsur, aber dafür einen Umbruch auf vielen Ebenen gleichzeitig.

  • Das deutsche Gesundheitswesen

    Die neue Regierung ist gewählt, ein Grund darüber nachzudenken, was uns die Gesundheitsreform der vergangenen Jahre gebracht hat und noch bringen wird. Vor über 40 Jahren großherzig angekündigt, wurde zuletzt wieder viel daran herumgedoktert, vom Gesundheitsminister teure Diagnostik betrieben, aber eine vernünftige Therapie für das Gesundheitswesen kam dennoch bis heute nicht zustande. Für den Patienten…

  • Wegscheide

    Es gibt diese Momente, wo sich der Weg auftut, und zwei Optionen anbietet. Das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlägt. Die Opti Mitte Januar kann als solch ein (Groß-)Ereignis für die augenoptische Branche betrachtet werden. 

  • Kinder verändern ­unsere Leben

    Es ist das Thema dieser Zeit: Nachhaltigkeit. Viele Augenoptiker haben sich in den vergangenen Jahren auf die Versorgung von fehlsichtigen Kindern spezialisiert. Dahinter steckt bereits ein gewisses nachhaltiges Denken. Denn junge Kunden werden einmal groß und, vor allem auch durch die starke Nutzung ihrer mobilen Handys und ­Tablets möglicherweise auch zu Kunden im Myopie-­Management.

  • Die Brille als Gadget – oder: Vergiss den Fachhandel!

    Smarte Brillen gelten noch immer als Nischenprodukt. Doch aktuelle Marktdaten aus den USA zeigen: Das Interesse daran wächst rasant – und das Geschäft findet längst nicht mehr dort statt, wo Brillen eigentlich traditionell zu Hause sind. Bei uns. Diese Marktveränderung stellt die Augenoptik vor eine strategische Frage: Wer macht zukünftig das Geschäft damit?