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Sehen. Daten. Gesundheit.

Bild: Efstathios Efthimiadis x KI

Manchmal zeigt sich die strategische Richtung, die eine Branche einschlägt, nicht daran, was Unternehmen verkaufen. Sondern daran, wen sie dafür brauchen. An einem Punkt, an dem viele Entwicklungen gleichzeitig Fahrt aufnehmen, steht gerade die Augenoptik. Screening-Angebote halten Einzug in Betriebe. Telemedizinische Modelle versprechen, Auffälligkeiten schneller einordnen zu können. Gerätehersteller erweitern ihre Systeme um neue Mess- und Auswertungsmöglichkeiten. Künstliche Intelligenz unterstützt bei Analyse, Dokumentation und Triage. Wir haben in den vergangenen FOCUS-Ausgaben seit Jahresbeginn lückenlos darüber berichtet. 

Und auch mit smarten Brillen rückt eine Produktkategorie näher an den augenoptischen Alltag, die nicht nur modisches Accessoire, sondern zugleich Sehhilfe, Technologieplattform und Schnittstelle zum digitalen Leben sein kann.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Entwicklung führe weg vom klassischen Fachgeschäft. Wenn Daten automatisiert ausgewertet, Konsumenten direkt angesprochen und Produkte über starke Markenwelten inszeniert werden, scheint der Weg zum Endkunden kürzer zu werden. Vorbei an uns. Doch ich denke, genau hier liegt ein Missverständnis – zumindest auf einer bestimmten Ebene: Denn je komplexer die Angebote werden, desto weniger reicht ein reiner Verkaufsvorgang aus.

Ein Screening ist kein Impulskauf. Myopie-Management ist kein Produkt von der Stange. Hier steht der Gesundheitsaspekt sehr deutlich im Vordergrund. Keine Marken, keine Mode, kein Chi-Chi. Und wenn das Auge künftig stärker als Fenster zu allgemeinen Gesundheitsinformationen verstanden wird, berührt das Fragen von Verantwortung, Einordnung, Kommunikation und Vertrauen. All das lässt sich nicht beliebig direkt an den Konsumenten delegieren. Es braucht Fachleute, die messen, erklären, anpassen, begleiten und wissen, wann augenärztliche Abklärung nötig ist.

Das macht diese Entwicklung für Augenoptiker so spannend – und zugleich so anspruchsvoll. In den vergangenen Monaten war in der Branche deutlich zu sehen, wie viele Anbieter genau diese Schnittstelle besetzen. Screening-Plattformen, teleophthalmologische Modelle, KI-gestützte Auswertungen, funduskamerabasierte Angebote, OCT-gestützte Anwendungen und hybride Versorgungskonzepte richten sich ausdrücklich an augenoptische Betriebe. Sie alle eint die Idee, dass der Point of Care näher an den Alltag der Menschen rücken kann. Aber es macht auch klar: Ohne qualifizierte Betriebe vor Ort geht es nicht.

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Gerade vor diesem Hintergrund war ein kürzlich in Monaco stattgefundenes Großereignis des Branchenriesen EssilorLuxottica mehr als eine große Produkt- und Innovationsshow (ab Seite14). Das Unternehmen ist längst mehr als ein klassischer Lieferant der Branche, sondern auch ein vertikal aufgestellter Konzern mit enormem direktem Zugang zum Konsumenten. 

Die aktuellen Zahlen zeigen das deutlich: 2025 erzielte das französisch-italienische Unternehmen 28,491 Milliarden € Umsatz; davon entfielen rund 13,600 Milliarden € auf Professional Solutions und 14,891 Milliarden € auf Direct to Consumer. Kurz: Knapp die Hälfte des Geschäfts läuft über professionelle Vertriebskanäle und Partner, etwas mehr als die Hälfte direkt zum Konsumenten. 

Umso bemerkenswerter ist, dass der Konzern in Monaco nicht den Abschied vom Augenoptiker inszenierte, sondern dessen künftige Rolle betonte. Denn viele der vorgestellten Zukunftsthemen – von Myopie-Management über Wearables mit Sehstärke bis hin zu Oculomics und medizinnahen Daten – lassen sich nicht glaubwürdig allein über Markenwelt, Onlineshop oder eigene Retailflächen ausrollen. Sie brauchen Beratung, Messkompetenz und Vertrauen vor Ort. Genau hier bleibt der Augenoptiker strategisch relevant. Somit war Monaco keine Nostalgie für den Fachhandel, sondern strategische Logik.

Oculomics ist dabei vielleicht das deutlichste Beispiel. Wenn aus okulären Messdaten Hinweise auf systemische Zusammenhänge entstehen können, verändert sich die Rolle der Augenoptik noch deutlicher. Dann geht es nicht mehr nur um besseres Sehen, sondern auch um die Frage, wie Augenoptiker mit Gesundheitsinformationen umgehen, welche Datenqualität nötig ist, wo Chancen liegen und wo klare Grenzen gezogen werden müssen. Genau an dieser Stelle wird die professionelle Instanz vor Ort wichtiger. Und nicht weniger wichtig. (Siehe Interview mit Dr. Norbert Gorny, Seite18) 

Zugleich bleibt die Entwicklung ambivalent. Wer Teil großer Ökosysteme wird, profitiert von Innovation, Markenstärke und Infrastruktur. Er muss aber auch genau hinschauen, unter welchen Bedingungen er eingebunden wird. Die Zukunft des Fachhandels entscheidet sich nicht allein daran, ob große Anbieter ihn noch brauchen. Sie entscheidet sich daran, ob Augenoptiker ihre professionelle Eigenständigkeit in diesen neuen Strukturen behaupten können.

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