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Brennpunkt: Koexistenz

Bild: Efstathios Efthimiadis x KI

Es waren einmal eine Fassung und ein Paar Brillengläser – geschliffen und sorgfältig zusammengefügt von den Händen eines Augenoptikers, ergaben sie das perfekte, zeitlose Produkt. Eines, das ohne Batterien auskommt. Eines, das keine Sensoren, Mikrofone oder Kameras hat – und das selbst im tiefsten Dschungel ohne Netz funktioniert.

Es war einmal … Denn die Augenoptik entwickelt sich rasant weiter. Die Richtung ist klar: digital, vernetzt, smart – das sind die Stichworte für die Brillen, die Produktionsstätten und den Verkauf der Zukunft. Vielleicht hängt auch bei Ihnen bereits eine smarte Brille an der Wand oder Sie denken über die Einführung KI-gestützter Diagnostik nach? (Mehr zum Thema Screening lesen hier.)

Zwar spielen smarte Brillen laut dem Marktforschungsinstitut GfK (einem Unternehmen der NIQ) im stationären Handel ­aktuell noch keine bedeutende Rolle – doch es geht um mehr.

Tech-Giganten haben den Markt „Brille“ für sich entdeckt. ­Diverse Start-ups weltweit tüfteln daran, wie sich die Augenoptik revolutionieren lässt. Die Themen sind vielfältig: KI-gestützte ­Diagnostik, smarte Kontaktlinsen, die Chancen der Telemedizin oder die Autofokusbrille. Ist das teilweise nur Utopie?­

Wenn es nach dem Mitbegründer des finnischen Start-ups IXI geht: nein.  „Wir sind nicht weit weg von dem Punkt, an dem wir die Dioptrienzahl einer Brille per Smartphone-App einstellen können“, verkündet Niko Eiden im Interview (FOKUS 09/2025). „Und sobald wir diesen Punkt erreichen, wird das alles verändern! Dann wird Autofokus zum Mainstream – egal, wer das Problem löst.“ Davon ist der Gründer überzeugt.

Vor wenigen Monaten veröffentlichte Spectaris eine Studie der FutureManagementGroup, die in Kooperation mit dem Branchenverband entstanden ist.  „Die Augenoptik zählt zu den wichtigsten Zukunftsbranchen der deutschen Wirtschaft“, lautet ein Fazit der Studie. Im Branchenranking der zehn Industrien mit dem größten Zukunftspotenzial wurde die Branche Optik und Photonik – wozu auch die Augenoptik zählt – auf Platz sechs eingeordnet. Gründe für diese Einordnung sind u. a. Technologien wie Screening mithilfe von KI, adaptive Sehhilfen, smarte Brillen oder auch die Chancen des 3D-Drucks. Auch der demografische Wandel floss in die Wertung ein. Solche Zukunftsszenarien stehen im krassen Gegensatz zum Bild vom traditionellen Beruf des Augenoptikers. Wie passt das zusammen? 

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Ich persönlich bin überzeugt, dass einige dieser technischen Entwicklungen unsere Welt für immer verändern werden. Ich bin jedoch ebenso überzeugt, dass sich jedes neue Produkt im realen Leben bewähren muss – sei es eine smarte Brille, ein automatischer Sehtest, die KI beim Screening oder die neueste Maschine beim Glashersteller. Nicht jedes disruptive Start-up schafft letztendlich den Durchbruch. Nicht jede neue Idee wird von den Kunden akzeptiert.

Heute sehen wir noch deutlich die Grenzen des technisch Möglichen. Reine Online-Händler haben es in der Augenoptik  schwerer als in anderen Branchen. Zu groß ist die Abhängigkeit von der gut durchgeführten subjektiven Refraktion und der Messung korrekter Zentrierdaten vor Ort – insbesondere bei Gleitsichtbrillen. Selbst Amazon Optics, das kürzlich auf dem deutschen Markt gestartet ist, hat (noch) keine Antwort darauf. Spannend bleibt, was geschieht, wenn irgendwann tatsächlich eine vollwertige Refraktion aus der Ferne am Bildschirm durchgeführt werden kann. Spätestens seit Tech-Giganten den ­Brillenmarkt ins Visier genommen haben, wird die Augenoptik langfristig sicher nicht das bleiben, was sie einmal war.

Ich gehe dennoch davon aus, dass wir uns keine Gedanken machen müssen, wie wir unsere smarten Brillen beim Zelten laden – oder ob Kunden in zehn Jahren noch Gleitsichtbrillen kaufen werden. Stichwort: Koexistenz.  Denn wer wüsste besser als wir, dass eine Brille sowieso nie ausreicht? Neben einer Gleitsichtbrille braucht es eine Sonnenbrille und eine Lesebrille. Hinzu kommen die Bildschirmarbeitsplatzbrille, Kontaktlinsen für den Sport, eine zweite Lesebrille neben dem Bett – und wie wäre es eigentlich mal mit einer Fahrradbrille? Ob das alles in einer smarten Brille ersetzt werden kann? Vermutlich nicht, aber bis dahin erweitert die Technologie immerhin unseren Horizont.

In zehn Jahren werden wir vielleicht Autofokusbrille und Gleitsichtbrille im Gepäck haben. Und neben dem Schleifautomaten steht in der Werkstatt vielleicht auch bald ganz selbstverständlich ein 3D-Drucker für Brillenfassungen. Und wer weiß: Vielleicht schätzen wir am Ende unsere bewährten Gleitsichtbrillen am meisten, die weder Strom noch Sensoren benötigen. Einfach aufsetzen und loslegen – Digital Detox für die Augen, quasi.

Es waren einmal eine Gleitsichtbrille und eine smarte Brille, und sie lebten glücklich und zufrieden gemeinsam bis an ihr Lebensende.

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