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Die Brille als Gadget – oder: Vergiss den Fachhandel!

Bild: FOCUS/AI

Smarte Brillen gelten noch immer als Nischenprodukt. Doch aktuelle Marktdaten aus den USA zeigen: Das Interesse daran wächst rasant – und das Geschäft findet längst nicht mehr dort statt, wo Brillen eigentlich traditionell zu Hause sind. Bei uns. Diese Marktveränderung stellt die ­Augenoptik vor eine strategische Frage: Wer macht zukünftig das Geschäft damit?

Noch vor wenigen Jahren waren smarte Brillen vor allem eines: Eine technologische Spielerei. Prototypen, Pilotprojekte, kurze­ Hypes und ein großer Reinfall (Google Glasses). Heute zeigt sich ein komplett anderes Bild. Aktuelle Marktdaten aus den USA belegen, dass Smart Glasses zwar weiterhin eine Nische sind – zugleich aber an der Schwelle zum Massenmarkt stehen. Laut einer Umfrage des Branchenverbands The Vision Council besitzen 14% der befragten US-Verbraucher bereits eine smarte Brille, 42% planen den Kauf innerhalb eines Jahres. Für ein vergleichsweise junges Produkt ist das bemerkenswert. 

Doch nicht nur das Wachstumstempo ist relevant. Entscheidend ist, wo dieses Wachstum stattfindet – und wer davon profitiert. Die US-Studie zeigt außerdem klar: Verbraucher kaufen Smart Glasses vor allem im Elektronikfachhandel und über Online-Plattformen. Der augenoptische Fachhandel spielt in den bevorzugten Vertriebskanälen bislang eine untergeordnete Rolle. Selbst dann nicht, wenn die Produkte Brillengläser mit individueller Sehstärke enthalten.

Diese Verschiebung ist kein Zufall. Smart Glasses werden von den meisten Verbrauchern nicht als medizinisches oder optisches Produkt wahrgenommen, sondern als gut vernetztes elektronisches Konsumgut. Telefonieren, Musik hören, Fotos aufnehmen, KI-gestützte Assistenz, Navigation oder Übersetzung – die Brille wird zum Interface. Sie steht damit funktional näher am Smartphone oder an Wearables als an der klassischen Sehhilfe – auch wenn sie Korrektionsgläser beinhaltet. 

Das zeigt sich auch bei den bekanntesten Marken im Markt. Brillen beispielsweise von Meta oder Amazon sind weniger über augenoptische Kompetenz positioniert als über Reichweite, Plattformökonomie und Lifestyle. Sichtbarkeit entsteht über Social Media wie YouTube, TikTok oder Instagram – weniger über Beratungsgespräche im Fachgeschäft. Der Markt wird hier inszeniert, nicht erklärt.

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Für die Augenoptik ist das eine unbequeme Erkenntnis. Denn während Design, Technologie und Vertrieb zunehmend von branchenfremden Akteuren bestimmt werden, bleiben zentrale optische Anforderungen bestehen. Passform, Tragekomfort und Haltbarkeit zählen neben Akkulaufzeit laut der Studie für 94% der Verbraucher zu den wichtigsten Kaufkriterien. Genau hier liegt traditionell die Stärke des Fachhandels. Doch diese Kompetenz wird derzeit kaum abgefragt. Wer sich für Smart Glasses interessiert, kann sie direkt beim Hersteller auf der Website kaufen. 

Gleichzeitig deutet sich bereits die nächste Entwicklungs­stufe an. VR- und MR-Brillen sind zwar noch stärker in Nischen verankert, vor allem im Gaming-Umfeld. Doch auch diese Nische wächst. Anders als beim klassischen Gaming über die Konsole oder den PC ist das visuelle System hier vollständig involviert – mit direktem Einfluss auf Sehkomfort, visuelle Belastung und langfristige Sehleistung. Auch hier entstehen Märkte, die das Sehen betreffen, ohne aus der Augenoptik heraus gedacht zu werden.

Smart Glasses stehen damit sinnbildlich für eine größere Verschiebung. Die Brille ist nicht länger nur Sehhilfe. Sie wird vor allem zum elektronischen Gebrauchsgegenstand – mit ein bisschen lästiger Sehstärke. Für die Augenoptik stellt sich deshalb weniger die Frage, ob Smart Glasses relevant sind. Es geht darum, ob sie künftig Zuschauer eines Marktes bleibt, der in ihr eigenes Kerngeschäft greift – oder ob sie beginnt, diesen Markt aktiv mitzugestalten.

In dieser Ausgabe werfen wir in unserem Schwerpunkt einen Blick darauf. Mit einer kompakten Übersicht aktueller Smart-Glasses-Modelle aus hauptsächlich Europa (Seite 32) und einem Interview mit The Vision Council zu der jüngsten Studie in diesem Gebiet. Außerdem: Die elektronisch (zu-)schaltbare Addition im Test.

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