GLP-1-Medikamente: Klagen wegen möglicher Sehnerv-Risiken
Studien und Behörden prüfen Zusammenhang mit NAION
GLP-1-Rezeptoragonisten wie Ozempic oder Wegovy haben die Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas in den vergangenen Jahren stark verändert. Doch insbesondere für den Wirkstoff Semaglutid verdichten sich Hinweise auf eine seltene, aber schwerwiegende mögliche Nebenwirkung am Auge: die nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION).
In den USA sind inzwischen zudem Klagen aufgetreten, in denen Hersteller beschuldigt werden, nicht ausreichend vor dem Risiko eines plötzlichen Sehverlusts gewarnt zu haben.
Wenn die Durchblutung des Sehnervs gestört wird
NAION entsteht durch eine Durchblutungsstörung des Sehnervenkopfes. Typisch sind ein plötzlich auftretender, schmerzloser und meist einseitiger Sehverlust. Die Erkrankung zählt zu den häufigsten Ursachen einer akuten Sehnervschädigung bei Menschen über 50 Jahren.
Für Semaglutid hat der Sicherheitsausschuss PRAC der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA inzwischen einen kausalen Zusammenhang mit NAION anerkannt. Die Nebenwirkung wird als „sehr selten“ eingestuft und kann bis zu einen von 10.000 Behandelten betreffen. Betroffen sind die Präparate Ozempic, Wegovy und Rybelsus.
Was große Studien über das Risiko zeigen
Mehrere epidemiologische Untersuchungen stützen den Verdacht. Eine dänisch-norwegische Registerstudie mit mehr als 61.000 Semaglutid-Anwendern mit Typ-2-Diabetes ermittelte gegenüber SGLT-2-Hemmern ein etwa 2,8-fach erhöhtes relatives NAION-Risiko.
Das absolute Risiko blieb jedoch niedrig. Die Forscher berechneten rund 1,4 zusätzliche Fälle pro 10.000 Personenjahre. Auch weitere Untersuchungen fanden Hinweise auf einen Zusammenhang, teilweise allerdings mit geringeren Risikozunahmen.
Klagen in den USA rücken das Thema in den Fokus
Weniger klar ist die Datenlage beim Wirkstoff Tirzepatid, der in Mounjaro und Zepbound eingesetzt wird. Zwar fand eine große US-Kohortenstudie bei Semaglutid und Tirzepatid insgesamt ein erhöhtes NAION-Risiko gegenüber anderen Diabetesmedikamenten, für einen belastbaren Vergleich beider Wirkstoffe reichten die Fallzahlen jedoch nicht aus.
Parallel dazu laufen in den USA Schadenersatzklagen gegen Hersteller von GLP-1- und anderen Inkretin-Medikamenten. Novo Nordisk weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet die Klagen als unbegründet. Eli Lilly betont, Sicherheitsdaten aus klinischen Studien und der Anwendung nach der Markteinführung fortlaufend zu überprüfen.
Quellen: European Medicines Agency (EMA), Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC): PRAC concludes eye condition NAION is a very rare side effect of semaglutide medicines Ozempic, Rybelsus and Wegovy, Juni 2025; Simonsen E. et al.: Use of semaglutide and risk of non-arteritic anterior ischemic optic neuropathy: A Danish-Norwegian cohort study, Diabetes, Obesity and Metabolism, 2025; Wang L. et al.: Semaglutide or Tirzepatide and Optic Nerve and Visual Pathway Disorders in Type 2 Diabetes, JAMA Network Open, 2025.


