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Nachhaltigkeit in der Augenoptik

A person is holding a green pen
Bild: cc / stock.adobe

Ein Interview mit Sylvi Claußnitzer von Spectaris

Wie nachhaltig ist die augenoptische Branche heute wirklich? Wir wollten mehr darüber erfahren und haben mit Sylvi Claußnitzer von Spectaris gesprochen. Seit Anfang des Jahres ist sie dort für Regulatory Affairs und Nachhaltigkeit verantwortlich. In unserem Interview haben wir über nachhaltige Strategien, erfolgreiche Projekte und aktuelle Hindernisse auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit gesprochen.

FOCUS: Was ist Ihr erster Eindruck von der optischen Industrie in Bezug auf Nachhaltigkeit?

Claußnitzer: Mein erster Eindruck von der optischen Industrie ist sehr komplex. Die deutsche optische Industrie befindet sich in einem Strukturwandel, der durch Konsolidierung, Fachkräftemangel und technologische Innovationen gekennzeichnet ist. Trotz dieser Herausforderungen bleibt sie wirtschaftlich robust und wächst stark.

Die Branche umfasst eine breite Palette von Produkten, die jeweils spezifische Anforderungen an die Herstellung und die Lieferketten stellen. Ein Beispiel dafür ist die Herstellung von Brillengläsern, die besonders wasser-, energie- und abfallintensiv ist. Viele Unternehmen übernehmen in diesem Bereich konkrete Verantwortung: Sie haben in eine abfallarme Fertigung mit geschlossenen Kreisläufen und Wasserrecycling investiert und achten auf eine energieeffiziente Produktion sowie den verantwortungsvollen und effizienten Einsatz von Chemikalien.

Zur optischen Industrie gehören sowohl globale Konzerne als auch mittelständische, inhabergeführte Unternehmen. Diese Vielfalt prägt den Ansatz zur Nachhaltigkeit: Große Unternehmen arbeiten mit international koordinierten Programmen und klar messbaren Zielen zur Reduzierung von Energie, Wasser und Abfall. Kleinere Akteure hingegen konzentrieren sich auf flexible und praktische Lösungen wie die Verwendung nachwachsender Rohstoffe und regionale Lieferketten. So entsteht ein Branchenprofil, in dem langfristige strategische Planung und sofort umsetzbare Ideen neben­einander bestehen oder sich ergänzen.

Ein Bereich, in dem beispielsweise Verbesserungsbedarf besteht, ist die ganzheitliche Integration nachhaltiger Prozesse in die gesamte Wertschöpfungskette.

Infografik: Nachhaltige Strategien in der Augenheilkunde

Viele Unternehmen der optischen Industrie verfolgen ehrgeizige CO₂-Neutralitätsziele und setzen umfangreiche eigene Maßnahmen um, wie z.B. die Steigerung der Energie- und Wassereffizienz, die Nutzung erneuerbarer Energien, die eigene Stromerzeugung aus nachhaltigen Quellen sowie die Rückgewinnung von Wärme und die Reduzierung von Abfall.

Der 3D-Druck trägt zur Ressourceneffizienz und zum Recyclingmanagement bei. Er wird für Fassungen und einige Komponenten in der Produktion eingesetzt. Die additive Fertigung reduziert die Abfallmenge und Rückstände können recycelt und für weitere Produktionszyklen wiederverwendet werden. Außerdem sind bei diesem Verfahren die kürzeren Produktionszeiten und die Möglichkeit, lokale Rückstände oder nachwachsende Rohstoffe als Ausgangs­materialien zu verwenden, zu nennen.

Die Industrie entwickelt zunehmend Closed-Loop-Konzepte, bei denen Produktionsabfälle wie Kunststoffrückstände oder Schleifspäne zurückgewonnen und wiederverwendet werden. Dies minimiert Transportwege und reduziert den ökologischen Fußabdruck.

In der Brillenglasproduktion ist es üblich, das Abwasser sorgfältig zu behandeln. Einige moderne Aufbereitungssysteme ermöglichen es, einen großen Teil des Wassers zu recyceln. Die Systeme filtern Schleifabfälle, chemische Rückstände und andere Verunreinigungen heraus, sodass das Wasser im Kreislauf gehalten und wiederverwendet werden kann.

Mehrere Hersteller verwenden bereits deutlich dünnere Rohlinge bei der Herstellung von Brillen­gläsern. Diese Rohlinge tragen wesentlich dazu bei, den Materialabfall bei der Produktion zu reduzieren. Dadurch wird nicht nur der Rohstoffverbrauch gesenkt, sondern auch die Menge an Restabfällen minimiert, was einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung leistet.

Chemikalienmanagement ist ein wichtiger Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie und basiert auf der Einhaltung der europäischen REACH-Verordnung entlang der gesamten Lieferkette. Es umfasst sowohl Produktionschemikalien als auch Endprodukte wie Brillengläser, Brillenfassungen und Kontaktlinsen. Effizienzsteigerungen werden durch präzise Dosierung, längere Nutzung und Aufbereitung von Bädern sowie Filter- und Recyclingsysteme erzielt. Digitale Überwachung hilft, Überdosierungen und Verluste zu vermeiden, die der Umwelt zugutekommt und Kosten senkt.

FOCUS: Haben Sie Beispiele für Nachhaltigkeitsstrategien, die in der Branche bereits erfolgreich umgesetzt wurden?

Claußnitzer: Als Verband ist es uns wichtig, neutral zu bleiben und keine einzelnen Mitgliedsunternehmen herauszugreifen. Es ist jedoch erfreulich zu sehen, dass sich einige Unternehmen bereits offiziell als klimaneutral deklariert haben. Dies basiert nur zu einem geringen Teil auf Kompensationsmechanismen; der weitaus größere Anteil resultiert aus eigenen Maßnahmen zur Verbesserung der Ressourceneffizienz. Mit anderen Worten: Die Klimaneutralität basiert nicht in erster Linie auf „gekauften” Kompensationsmaßnahmen, sondern auf konkreten Veränderungen im eigenen Betrieb, die eine nachhaltige Wirkung haben.

Es gibt auch Strategien für Kreislaufwirtschaft, Wassermanagement, verantwortungsvollen Umgang mit Chemikalien und vieles mehr (Details siehe Infografik).

Ein gutes Beispiel für ein neues Recyclingkonzept wird derzeit in Deutschland etabliert. Es betrifft die PMMA-Demogläser in Brillenfassungen. Augenoptiker können diese nun in speziellen Sammelbehältern sammeln. Diese werden dann über ein Rücknahmesystem abgeholt und zu spezialisierten Recyclingunternehmen gebracht, die das Material nach Sorten sortieren und recyceln. Dank der Zusammenarbeit zwischen Logistikdienstleistern und Recyclingexperten wird der Aufwand für die Augenoptiker auf ein Minimum reduziert und der ökologische Nutzen maximiert.

Aber es gibt auch andere innovative Ansätze von außerhalb. Zum Beispiel die Minimierung von Mikroplastik im Abwasser durch neuartige Filtersysteme wie das Wasserfiltersystem TideKlar, das Schleifrückstände aus dem Kühlwasser filtert, trocknet und zur weiteren Verwertung weiterleitet. Dadurch wird die Umweltbelastung durch Mikroplastik deutlich reduziert und das Wasser kann im Produktionsprozess wiederverwendet werden.

FOCUS: Welche Rolle spielen nachhaltige Lieferketten?

Claußnitzer: Nachhaltige Lieferketten und Transparenz sind in der optischen Industrie zunehmend gefragt, da gesetzliche Anforderungen, ein wachsendes Umweltbewusstsein der Verbraucher und die Erwartungen der Geschäftspartner den Markt verändern.

Ein wichtiger Treiber ist der Trickle-down-Effekt: Neue europäische Nachhaltigkeitsberichtspflichten, wie beispielsweise die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), verlangen von großen Unternehmen, detailliert über die ökologischen und sozialen Aspekte ihrer Lieferketten zu berichten. Diese Anforderungen werden automatisch an die Lieferanten weitergegeben – und betreffen damit auch ­viele kleine und mittlere Unternehmen, die selbst nicht direkt der Berichtspflicht unterliegen.

Für unsere Branche bedeutet dies, dass Lieferketten transparenter gestaltet, Risiken systematisch bewertet und Nachhaltigkeitsaspekte konsequent dokumentiert werden müssen. Gleichzeitig bietet es Chancen: Unternehmen, die ihre Daten im Griff haben und Nachhaltigkeit glaubwürdig nachweisen können, stärken das Vertrauen ihrer Kunden, sichern ihre ­internationale Wettbewerbsfähigkeit und positionieren sich langfristig erfolgreich am Markt.

Damit wird deutlich, dass Nachhaltigkeit in Lieferketten nicht nur eine regulatorische Anforderung ist, sondern zunehmend zu einem strategischen Erfolgsfaktor in der optischen Industrie wird.

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FOCUS: Die EU verfolgt auch Strategien wie die Green Claims Directive, um Greenwashing zu unterbinden. Was sollten Unternehmen darüber wissen?

Claußnitzer: Die geplante Green Claims Directive (GCD) der EU zielt darauf ab, Greenwashing zu verhindern, indem allgemeine Aussagen wie „nachhaltig“, „umweltfreundlich“ oder „klimaneutral“ nur dann erlaubt sind, wenn sie wissenschaftlich fundiert und transparent nachgewiesen werden können – beispielsweise durch Lebenszyklusanalysen oder Zertifikate. Die Diskussion um die Green Claims Directive (GCD) der EU zeigt deutlich, dass auch die optische Industrie zunehmend unter Druck steht, glaubwürdige und überprüfbare Nachhaltigkeitsinformationen bereitzustellen.

Ausnahmen sind für kleine Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern und weniger als zwei Millionen Euro Umsatz vorgesehen, aber in der Optikbranche besteht dennoch die Sorge, dass der bürokratische Aufwand vor allem kleinere Unternehmen treffen wird und die Wettbewerbsnachteile die Vorteile überwiegen werden. Befürworter betonen hingegen, dass einheitliche Regeln notwendig sind, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und eine glaubwürdige Nachhaltigkeitskommunikation zu gewährleisten. Dies könnte auch der Optikbranche bei ihrer transparenten Kommunikation mit den Kunden helfen.

Sylvi Claußnitzer. Foto: Spectaris

Sylvi Claußnitzer ist Leiterin Regulatory Affairs Umwelt und Nachhaltigkeit beim Industrieverband Spectaris. Sie hat einen Abschluss in technischem Umweltschutz. Vor ihrer aktuellen Position war sie Geschäftsführerin der German RETech Partnership, Leiterin der Umweltabteilung beim Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) und Projektmanagerin für Chemikalienpolitik beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Zu ihren Fachgebieten gehören Nachhaltigkeit, Umweltpolitik, Chemikalienpolitik.

FOCUS: Was ist derzeit die größte Hürde für eine nachhaltigere Produktion in der optischen Industrie?

Claußnitzer: Die Branche leidet unter massiven finanziellen Belastungen durch Inflation, hohe Rohstoff- und Energiekosten sowie die Folgen globaler Krisen. Diese Faktoren verbrauchen erhebliche Ressourcen, die sonst in nachhaltige Innovationen investiert werden könnten. Gleichzeitig verursacht der Fachkräftemangel Personalengpässe: Es fehlt an qualifiziertem Personal, um neue Prozesse einzuführen, bestehende Strukturen anzupassen oder technische Lösungen konsequent umzusetzen.

Hinzu kommt eine wachsende regulatorische und bürokratische Belastung. Neue Gesetze im Bereich Nachhaltigkeit und Lieferkettenmanagement erfordern detaillierte Nachweise, Dokumentationen und Berichte. Für kleinere Unternehmen ohne spezialisierte Rechts- oder Nachhaltigkeitsabteilungen bedeutet dies oft einen immensen Arbeitsaufwand, der wertvolle Zeit und Ressourcen bindet. Gleichzeitig verfügen viele Unternehmen nicht über die technische Ausstattung oder das erforderliche Fachwissen, um komplexe Maßnahmen wie Lebenszyklusanalysen, CO₂-Bilanzen oder moderne Recyclingverfahren umzusetzen. Ein weiteres Hindernis ist die derzeitige Konsumzurückhaltung.

FOCUS: Was bedeutet das? 

Claußnitzer: In dieser Situation bleibt der finanzielle Spielraum begrenzt, und selbst wenn Unternehmen nachhaltig handeln wollen, fehlt ihnen oft die wirtschaftliche Grundlage dafür. Förderprogramme könnten hier helfen, doch viele Unternehmen empfinden die Angebote als zu bürokratisch, schwer zugänglich oder nicht ausreichend auf die Bedürfnisse der Branche zugeschnitten. Hinzu kommt der Wettbewerbsdruck durch größere Unternehmen, die dank ihrer umfangreichen Strukturen schneller auf Nachhaltigkeitsanforderungen reagieren können und damit Vorteile auf dem Markt haben.

Das Ergebnis: Nachhaltigkeit wird oft von akuten Überlebensfragen im Tagesgeschäft überschattet. Unternehmer sind gezwungen, sich auf kurzfristige Stabilität zu konzentrieren, während langfristige Strategien auf der Strecke bleiben.

Wer trotz aller Hürden die Augen offenhält für nachhaltige Projekte, kann mittelfristig greifbare Vorteile erzielen. Selbst kleine, praktische Schritte – wie die Umstellung auf Ökostrom, Investitionen in energieeffiziente Maschinen oder die Optimierung des Wasser- und Chemikalienmanagements – führen nicht nur zu ökologischen Verbesserungen, sondern oft auch zu Kosteneinsparungen.

Langfristig eröffnet nachhaltiges Handeln klare Chancen: Wer Innovationen gezielt nutzt, baut Vertrauen bei den Kunden auf, stärkt seine Wettbewerbsfähigkeit und erhöht die eigene Widerstandsfähigkeit in Krisenzeiten. Die größte Herausforderung liegt daher weniger im fehlenden Willen, sondern in den komplexen Rahmenbedingungen – und genau hier sind Politik, Förderinstitutionen und Verbände gefordert, verlässliche Strukturen und Unterstützung zu schaffen.

FOCUS: Welches Nachhaltigkeitsziel möchten Sie persönlich in zehn Jahren erreicht sehen?

Claußnitzer: In zehn Jahren wünsche ich mir eine optische Industrie, die unter klaren und fairen Regeln wettbewerbsfähig bleibt, ihre Energie in echte Innovationen und nachhaltige Produkte investiert und damit zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg, soziale Verantwortung und Umweltschutz untrennbar miteinander verbunden sind. Der Schlüssel dazu ist gemeinsames Handeln – entlang der gesamten Wertschöpfungskette und innerhalb der Branche – mit noch mehr Pionieren, die mutig vorangehen, und mehr vernetzten Akteuren, die Nachhaltigkeit aktiv gestalten.

FOCUS: Vielen Dank für das Interview.

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