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Test: Addition per Knopfdruck

Bilder: Silke Sage

Elektronisch schaltbare Brillengläser: Wie gut funktioniert die Morrow-Brille?

Elektronisch schaltbare Brillengläser gehören zu den spannendsten Entwicklungen der modernen Optik. Die Morrow-Brille nutzt Flüssigkristalle, um per Knopfdruck die Addition zu erhöhen – ein Ansatz, der klassische Gleitsichtlösungen ergänzen oder ferner sogar einmal ersetzen könnte. Doch wie alltagstauglich ist diese Technologie wirklich? Wir haben die elektronische Brille mehrere Tage im praktischen Einsatz getestet, sie getragen, geladen, umgeschaltet und mit gängigen Fassungen bzw. Gleitsicht verglichen. Im folgenden Test zeigen wir, wie sich die Morrow im Alltag schlägt – von Verarbeitung und Gewicht bis zu Bedienung, optischer Leistung und Komfort.

Die Brille, die wir hier vorstellen, verfolgt einen besonderen Anspruch: Sie soll den Wunsch vieler Presbyoper erfüllen – eine Addition, die sich bei Bedarf einfach per Knopfdruck aktivieren lässt. Damit zielt sie auf ein Problem, das klassische Gleitsichtgläser bis heute begleitet. Deren optische Kompromisse wie begrenzte Sehfelder und Abbildungsfehler möchte das System umgehen. Stattdessen kombiniert das aktuelle Morrow-Modell einen großen, weit nutzbaren Fernbereich mit einem deutlich ­definierten Nahfeld, das nur dann zugeschaltet wird, wenn es wirklich benötigt wird. In dieser Form versteht sich die Brille als eine Art Hybrid: ein mild-progressives Grunddesign, erweitert um eine elektronische „Nah-Boost“-Technologie, die die Grenzen konventioneller Mehrstärkenoptik neu auslotet. Ende 2024 haben wir die Firma in Belgien besucht und uns die Herstellung zeigen lassen (FOCUS 2025_01).

Elektronisch adaptive Brillengläser sind kein völlig neuer Ansatz, bereits 2005 wurde eine Firma gegründet, die auf dem Gebiet der elektronisch veränderbaren Optiken vor allem zwischen 2010 und 2015 aktiv war. Die Entstehung und Entwicklung hatte FOCUS und MAFO damals eng begleitet. Und heute? Neben Morrow arbeiten weltweit einige wenige ­Firmen an schaltbaren Optiken, z.B. Deep Optics in Israel oder Mitsui/TouchFocus in Japan. Doch bisher blieb die Technik ein Nischenthema. Die Frage, die sich stellt: Können solche Konzepte die Brillenglasbranche wirklich verändern – oder bleiben sie Speziallösungen für technikaffine Nutzer?

Erster Eindruck

Wir haben Mitte des Jahres 2025 eine Brille der Firma Morrow in die Redaktion bestellt. Die Brille erreichte uns gut verpackt in einem stabilen Karton samt repräsentativer Innenbox. ­Alles war sauber platziert: Die Brille lag in einem Etui, ein Brillenputztuch dazu, und auch das Ladekabel hatte seinen festen Platz. Die Brille ist in 1 Stunde vollständig aufgeladen und lässt sich anschließend 10 Stunden im Dauerbetrieb mit aktivierter Addition nutzen.

Da das Modell aus 3D-gedrucktem Material besteht, stellte sich zu Beginn die Frage der Anpassbarkeit. Laut Hersteller genüge ein vorsichtiges, aber beherztes Biegen der Bügelenden – eine Erwärmung sei nicht nötig. Im Test bestätigte sich das: Mit etwas Geduld und mehreren kleinen Korrekturen ließ sich die Form stabil einstellen und der Sitz schließlich gut optimieren. Auch die Nasenpads sind verstellbar, sodass sich die Passform und die Höhe problemlos anpassen lässt.

Beim Aufsetzen wirkt die Brille zunächst etwas schwerer als die üblichen Gleitsichtbrillen in entsprechender Stärke. Nach der individuellen Anpassung trägt sie sich jedoch angenehm und nach kurzer Zeit fällt das leicht erhöhte Gewicht kaum auf. Die Kunststoff­gläser sind genau genommen eigentlich je eine Sandwichlinse in der die Liquid Crystal (LC)-Folie integriert ist. Die Flächen sind entspiegelt, sodass der Ersteindruck einer „normalen“ Fassung absolut gegeben ist.

Die Optik 

Beim Sehen zeigt sich allerdings ein grundsätzlicher Unterschied zur Gleitsichtbrille: Bei der vorliegenden Brille gibt es nur einen minimalen fließenden Zwischenbereich. Die zuschaltbare Addition liegt ausschließlich im unteren Glasbereich – funktional ähnlich einem Nahteil. Für Alltagssituationen wie Lesen oder kurze Naharbeiten ist das praktikabel. Wer jedoch gewohnt ist, doch mal schnell am PC in die Zwischenzone einer Gleitsicht zu wechseln (weil die Officebrille nicht am Platz liegt), merkt, dass man hier den Kopf deutlich stärker anheben muss, um den Nahbereich zu erreichen.

Auffällig ist, wie dezent die Technologie integriert ist: Im Gesicht des Trägers, in der Hand betrachtet oder vor hellem Hintergrund erscheint die Brille nahezu wie ein konventionelles Modell. Erst gegen das Licht – insbesondere vor dunkler Fläche – wird das LC-Nahfeld sichtbar: ein abgegrenzter halbmondförmiger Bereich, durchzogen von feinen Punkten und Linien.

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Hier zeigt sich auch die bislang einzige wahrnehmbare Beeinträchtigung: Das Nahfeld wirkt leicht „milchig“, sowohl im aktivierten als auch im deaktivierten Zustand. Die Kontraste erscheinen etwas reduziert – vermutlich eine Folge der feinen Strukturen, an denen sich Licht bricht. Nach gewisser Tragezeit gewöhnt man sich daran; beim direkten Wechsel von einer hochwertigen Gleitsichtbrille auf die Morrow fällt der Effekt jedoch deutlich auf. 

Die Brille lässt sich für viele Sehaufgaben mit der geringen Addition nutzen, die integriert ist. In unserem Fall sind die Werte R und L sph +0,25 dpt Add: 1,0 dpt. Beim Lesen wird der Taster am rechten Bügel betätigt und die Addition von 1,0 dpt kommt hinzu und addiert sich so zu 2,0 dpt. Nicht ruckartig, sondern weich-fließend. 

Der Trick: Hierzu wird für einen Teil des Sandwich-Glases ein Progressivglas mit leichter Addition verwendet. Durch die zusätzliche Addition der LC-Folie summiert sich der Wert. Die Abbildungsfehler bleiben dadurch gering, so wie bei niedrigen Additionen in Progressivgläsern üblich. Ein kleines LED-Licht an der Innenseite des rechten Bügels signalisiert mit kurzem grünem Leuchten, dass die Addition aktiviert ist. Beim erneuten Druck auf den Taster erscheint kurz ein rotes Licht und zeigt somit an: Die Addition ist ausgeschaltet. 

Die Brillenfassung 

Das aktuelle Modell gibt es in vier verschiedenen Formen und jeweils in den Farben Night (black), Pacific Blue, Ecru and Bordeaux. Optisch ähnelt sie anderen 3D-gedruckten ­Fassungen, allerdings mit etwas kräftigeren Bügeln, da hier neben der Technik auch der Taster am rechten Bügel und zudem die Ladekontakte für das Akku untergebracht sind. Das Material ist Polyamid 12 von Materialize. Rund 40 Gramm wiegt die Brille, immer noch leicht, wenn man bedenkt, wie viel Technik drin steckt. 

Der Preis ist mit rund 1.200 € durchaus mit einer hochwertigen Gleitsichtbrille vergleichbar. Wer die Brille in Deutschland erwerben möchte, muss sich noch etwas gedulden. Zurzeit ist sie nur in Belgien, Portugal und Frankreich erhältlich und zwar ausschließlich bei Augenoptikern. 

Für Anfang Januar hat das belgische Unternehmen ein ­Update angekündigt. Die Morrow-Brille geht dann in ihre vierte Generation. Neben der Reduzierung des Gewichts soll vor allem die optische Abbildungsqualität noch mal deutlich verbessert werden. Der Anbieter hat in eigenen Studien und Kundenbefragungen dies als das wichtigste Merkmal für ein Update erkannt.   

Die Brillenfassung und auch die Brillengläser enthalten empfindliche Elektronik. Die Brille sollte keinesfalls unter fließendem Wasser oder gar im Ultraschallbad gereinigt werden. Das mitgelieferte Mikrofasertuch oder ein anderes hochwertiges Mikrofasertuch für Brillengläser soll ausschließlich zur Reinigung genutzt werden. Auch sollte dabei nicht zu heftig vorgegangen werden – ein Aspekt, der für Augenoptiker  selbstverständlich ist, jedoch gegenüber Verbrauchern klar kommuniziert werden muss.

Die Brille ist ein Stück hochentwickelte Technik, die jetzt schon zeigt, was machbar ist. Sie hat sich mit den vorliegenden auf die Autorin abgestimmten Brillenglaswerten als alltagtauglich gezeigt. Am PC jedoch wäre sie aufgrund von Stärken und ihres Glas-Aufbaus nicht gut geeignet. Eine besonders spannende Variante wäre eine Sonnenbrille mit stärkerer Addition (an letzterem wird aktuell bereits getüftelt). Außerdem wird an der Möglichkeit gearbeitet, die gesamte Brillenglasfläche als elektronisch zuschaltbare Option zu erweitern. Wir bleiben dran.

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