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Warten war gestern …

Fotos: Christian Knobloch

Das Konzept der mobilen Augenoptik von Christian Knobloch

Viele haben beim Gedanken eines mobilen Augenoptikers ein ganz spezielles Bild vor Augen, das geprägt ist von Hausbesuchen von Kranken und Senioren. Dass das mit der Gegenwart nichts mehr zu tun hat, zeigt unser Gespräch mit einem Augenoptiker, der sich seinen Traum von beruflicher Freiheit und glücklichen Kunden erfüllt hat. Außerdem haben bei ihm antiquierte Sehprobentafeln und PD-Maßstab ausgedient und Hightech ist in den Refraktionskoffer eingezogen.

Wenn wir den Alltag eines Augenoptikers einmal ganz genau unter die Lupe nehmen, dann sieht der doch zumeist wie folgt aus: Der Kunde betritt das Geschäft, wir fragen nach den Wünschen und dann geht das Arbeiten los – egal ob Reparatur, neue Brille oder Führerscheinsehtest. Wenn man zu den Glücklichen gehört, bei denen der Kundenstrom stark an der Kapazitätsgrenze kratzt, dann ist das zwar stressig, aber ausgesprochen ­gewinnbringend und effizient. Langeweile kommt dabei ­natürlich keine auf, aber zugegeben – ein bisschen Arbeit bleibt trotzdem liegen. Das Ersatzteil müsste doch noch ­bestellt werden, zwei Reparaturen stehen schon seit zwei Tagen an – und wenn wir ehrlich sind, könnte man auch mal wieder die Mustergläser putzen. Doch das ist längst nicht überall so. Wenn wir das Alltagsszenario eines Durchschnittsbetriebes einmal ganz nüchtern betrachten, wird eigentlich den ganzen Tag darauf gewartet, dass ein Kunde zur Tür reinkommt und gearbeitet werden kann. Doch es geht auch ganz anders und Christian Knobloch zeigt uns wie. 

Das Vorurteil

Hausbesuche, schon wenn man dieses Wort hört, steigt einem unwillkürlich der ganz eigene Geruch von Pflegeheimen und älteren Menschen in die Nase. Hausbesuche, die macht man doch nur, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht oder? Wir rechnen mit schwerkranken, bettlägerischen Kunden und einem schwachen Visus. Möglicherweise ist es genau diese Vorstellung, die Hausbesuche zu so einem heiklen Thema macht. Entweder man liebt sie oder man ist nicht dafür gemacht. Aber ist das wirklich so?

Der Kundenstamm

Einer, der es wissen muss, ist Christian Knobloch. Er hat sich 2014 als mobiler Augenoptiker selbständig gemacht. Natürlich kennt auch er diese Kunden, allerdings machen sie nur einen kleinen Bruchteil seines Kundenstammes aus. Tatsächlich fährt er zu Kunden aller Altersklassen und vom Kleinkind bis zum Hochbetagten ist alles mit dabei. Manchmal hat es auch keine körperlichen Gründe, die den Weg zum Augen­optiker unmöglich machen – manchmal sind es einfach die Umstände. Eine dabei völlig unterschätzte Kundengruppe sind, laut Christian Knobloch, junge Mütter. Diese sind zwar superfit, allerdings sehr eingeschränkt, was das „Zeit haben“ betrifft. Also wird der Beratungstermin ganz einfach in die Zeit des Mittagsschläfchens des Nachwuchses gelegt, und schon kommen alle stressfrei ans Ziel.

Man könnte sagen: Ja eine Brillenparty ist nichts für schwache Nerven, aber wenn man daran Spaß hat, dann erledigt sich die Beratungsarbeit fast von allein … und man muss nur noch die Aufträge schreiben.

Vor Ort, nah dran

Als Augenoptiker ist es unsere Aufgabe, das Leben unserer Kunden zu verbessern indem wir passende Brillen anfertigen. Doch wo können wir die Gewohnheiten besser einschätzen als direkt vor Ort? Im Geschäft versuchen wir ständig, die Gebrauchssituation im Alltag nachzustellen – egal ob am PC oder bei der Handarbeit. Das gelingt mal besser, mal schlechter und jeder, der schon einmal mit Kunden über die klassischen 80 cm Bildschirmentfernung philosophiert hat, weiß, warum das auch manchmal in die Hose gehen muss. Mit diesem Stress ist schlagartig Schluss, sobald man direkt vor Ort ist. Ein außergewöhnlicher Computerarbeitsplatz? Eine sehr kurze Entfernung zum Fernseher oder ein verwinkeltes Hobbyzimmer, in dem genäht oder gewerkelt wird? Alles gar kein Problem! Wenn man den Kunden wirklich in Aktion sieht, ist schnell nachgemessen und passgenau refraktioniert. Ehrlicherweise müsste man eigentlich zugeben, dass es nur so möglich ist, den wirklichen Bedarf eines Kunden zu ermitteln und entsprechend zielgenau zu beraten.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Mal abgesehen von Hobbys, Homeoffice und Co. gibt es noch ein ganz anderes Aufgabenfeld für einen mobilen ­Augenoptiker. Die Versorgung von Firmen mit Arbeitsschutzbrillen. Es ist doch viel einfacher, wenn der Augenoptiker ­direkt vor Ort ist, die Mitarbeiter refraktioniert und die entsprechende Brille anpasst – als wenn die halbe Belegschaft häppchenweise zum Augenoptiker tingelt. Und ja, der Termin ist zeitaufwändig, dabei kommen aber auch viele Aufträge auf einmal zustande. Und das in regelmäßigen Abständen. Wenn man es geschickt anstellt, versorgt man sogar mehrere Firmen und sichert sich damit nicht nur immer wiederkehrende Aufträge, sondern kann sogar den einen oder anderen Angestellten auch privat als Kunden gewinnen.

Hausbesuch im Partymodus

Wer denkt, dass Tupperpartys ein Relikt der 90er Jahre wären, der irrt. Damals waren es Frischhaltedosen, heute sind es Beautyprodukte, Kochgeräte oder Brillen. Brillen? Ja, Brillen. Als mobiler Augenoptiker ist es ein Leichtes, Brillenpartys anzubieten und in geselliger Runde einen schönen Abend zu verbringen und Brillen an den Mann – zumeist wohl eher an die Frau – zu bringen. Das Konzept ist nicht neu, aber es geht auf, weil viele Damen bei der Fassungsberatung eher auf die Meinung der besten Freundinnen als auf die eines völlig Fremden setzen. Und unter Freunden entscheidet man sich natürlich viel leichter für ein Modell, da man das Feedback direkt erhält – ohne ­Bedenkzeit, ohne Video-Anrufe oder endlose Fotosessions, um das Modell ins beste Licht zu rücken. Man könnte sagen: Ja eine Brillenparty ist nichts für schwache Nerven, aber wenn man daran Spaß hat, dann erledigt sich die ­Beratungsarbeit fast von allein und man muss nur noch die Aufträge schreiben.

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Technik, die begeistert

Die Augenoptik ist smart geworden. Um den Arbeitsalltag so einfach wie möglich zu gestalten, gibt es mittlerweile so viele Apps für Tablet und Co., dass sich auch oder gerade der Alltag eines mobilen Augenoptikers drastisch vereinfacht hat. Die Unternehmen setzen auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung – also gibt es digitale Preislisten und papierlose Auftragserfassung am Tablet. Besser geht es gar nicht, denn wenn man alles auf dem Tablet hat, spart man sich das Schleppen. Auch das Refraktionieren hat in den vergangenen Jahren immer mehr Hightech-Unterstützung bekommen. Die Darbietung der Sehzeichen erledigt das iPad genauso wie die digitale Zentrierung der Brillen. Da kommt, entgegen allen Erwartungen, weder die Sehprobentafel noch die klassische Viktorin-Methode zum Einsatz. Die modernen technischen Möglichkeiten machen es leicht, überall einfach losrefraktionieren zu können. Klar, auf einen Mini-Phoropter muss man bisher (noch) verzichten – allerdings bietet die Messbrille speziell bei Hausbesuchen so viele Vorteile, dass ein Phoropter wahrscheinlich eher einstauben würde. Auch die mobilen Autorefraktometer sind mittlerweile so weit entwickelt, dass sie verlässliche Stärkenprognosen erstellen und man sich eine perfekte Ausgangssituation für die subjektive Refraktion schafft. Einen handlichen digitalen Scheitelbrechwertmesser findet man auch auf dem Markt und praktischerweise wird dieser gleich in einem Koffer geliefert, sodass der Transport direkt gesichert ist.

Die Auswahl

Wer das komplette Sortiment stets griffbereit haben muss, der hat natürlich keine Kapazitäten für überflüssigen Schnickschnack. Man braucht eine sinnvolle Auswahl verschiedenster Fassungen, die einen möglichst großen Kundenkreis begeistert. Es gibt also nur wenig Platz für Exoten und Modelle, die sich zu ähnlich sind. Man muss sich einschränken – oder einfach auf das Beste konzentrieren. Eine kleine Unterstützung für Unentschlossene könnten moderne Beratungstools bieten, die per 3D-Anprobe die vorhandenen Modelle in anderen Farben präsentieren. Doch wer ein gutes Gespür für seine Kunden hat, der hat auch immer das richtige Modell dabei.

Der Tagesablauf

In einem klassischen Augenoptikgeschäft ist der Tag nicht immer zu 100% vorhersehbar. Manche Geschäfte arbeiten mit Terminsystemen, da wissen alle zumeist, was kommt, – aber für die Mehrzahl ist wohl jeder Tag eine kleine Wundertüte. Das ist als mobiler Augenoptiker nicht so, denn man weiß ganz genau, wie der Tag aussehen wird. Je nach Art des Termins gibt es vier bis fünf Kundentermine pro Tag, dazu kommt die Fahrtzeit und dann ist auch schon wieder Feierabend. Wer es geschickt organisiert, kann sich nicht nur gedanklich perfekt auf den Tag einstimmen, sondern hat auch immer das passende Sortiment an Bord. Was es aber definitiv nicht gibt, ist das Warten bis endlich ein Kunde zur Tür hineinkommt.

Das Handwerk

Wo bleibt denn da das Handwerk? Sicher, der klassische Augenoptiker hat seine Werkstatt, schleift Gläser ein und führt ständig Reparaturen durch. Es ist sicher Überzeugungssache, ob man unbedingt eine eigene Werkstatt unterhalten möchte oder nicht. Allerdings ist diese bei guter Auslastung wohl eher ein Posten, für den man zum einen keine Zeit hat, der durch die Ausstattung oft hohe Kosten verursacht und zusätzlich ein unnötiges Bruchrisiko mit sich bringt. Also warum nicht mit einem Einschleifservice zusammenarbeiten und dabei Zeit und Geld sparen? Für Reparaturen reicht ein kleiner Serviceplatz, der bei Bedarf durchaus auch mobil eingesetzt werden kann. 

Die Räumlichkeiten

Räumlichkeiten? Ja doch, auch ein mobiler Augenoptiker braucht neben einem adäquaten Fahrzeug auch Geschäftsräume. Dies ist häufig eine Anordnung der jeweiligen Handwerkskammer. Denn als Augenoptiker betreibt man in erster Linie ein stehendes Gewerbe, also müssen Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, falls doch mal ein Kunde vorbeikommen möchte. Um die Vorgaben zu erfüllen, tut es aber auch ein kleines Büro, das aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso vorhanden ist, um den Papierkram zu erledigen oder das als Lieferadresse für Gläser und Fassungen herhält. Wer auf die eigene Werkstatt setzt, erfüllt diese Bedingung quasi automatisch.

Ehrlicherweise müsste man eigentlich zugeben, dass nur so der wirkliche Bedarf eines Kunden ermittelt werden kann.

Fazit

Hausbesuche in der Augenoptik haben heute wenig mit dem antiquiertes Bild eines Augenoptikers zu tun, der nur Alte und Kranke mit dem Nötigsten bedient. Außerdem werden Sehprobentafel und PD-Maßstab durch Hightech im Refraktionskoffer ersetzt. Dank dieser technischen Unterstützung ist das Arbeiten in ungewohnten Räumen viel einfacher und bequemer geworden, was sich vor allem für den Kunden zum Vorteil auswirkt. 

Man kann schlichtweg gar nicht näher am Kunden und seinen jeweiligen Sehaufgaben sein und so wirklich perfekte Brillen anfertigen. Bei guter Planung und mit sinnvollem Equipment im Gepäck ist ein mobiler Optiker  perfekt vorbereitet für den Tag und steht nicht ewig im Laden und wartet, dass die Tür aufgeht. Brillenpartys sind Geschmackssache und kein Muss aber eine verlässliche Einnahmequelle, die immer wieder Neukunden generiert. Und zu guter Letzt: Wer die Augen offen hält, findet Kundschaft, wo man sie nicht immer vermutet und kann so das Geschäft immer weiter ausbauen.

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