Anzeige
Menicon (Banner)

Verschenken wir uns?

Bild: Insung Yoon/unsplash.com
Bild: Insung Yoon/unsplash.com

Wer von der Servicewüste Deutschland spricht, der war vermutlich schon länger nicht mehr in einem deutschen Augenoptikgeschäft. Wir passen an, wir feilen und kürzen, wechseln Pads, beraten bis zum Abwinken und natürlich versuchen wir mit Kaffee und Co. die kleinste Wartezeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Mal abgesehen davon, dass uns das sicher zu unfassbar netten Menschen macht – geben wir echt alles, damit sich unsere Kunden wohlfühlen. Und trotz des immensen Aufwandes stellen wir dafür in vielen Fällen noch nicht einmal eine Rechnung.

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir sofort mein Ausbilder der überbetrieblichen Ausbildung ein. Der fragte damals einfach einmal, was denn aktuell eine Refraktion in den jeweiligen Betrieben kostet und kommentierte die Antwort vieler Filialisten mit den Worten: „Was nichts kostet, ist nichts wert!“. Aber ist das wirklich so? Wenn wir ehrlich sind ganz und gar nicht – im Gegenteil. Wir sind hervorragend ausgebildet und haben oft eine technische Ausstattung, von der so manch ein Augenarzt nur träumen kann. Und mit all diesem Wissen und jeder erdenklichen technischen Finesse geben wir jeden Tag unser Bestes, damit unsere Kunden wieder gut sehen können. Und trotzdem bleibt der Sehtest oft kostenlos.

Man muss sich das mal in einer anderen Branche vorstellen. Macht irgendeine Kfz-Werkstatt überhaupt irgendetwas, ohne nicht wenigstens den üblichen Stundensatz des Werkstattmitarbeiters in Rechnung zu stellen? Wie sieht es bei Steuerberatern, Heizungsmonteuren, Immobilienmaklern oder anderen, wie auch immer gearteten, Handwerkern aus? Sogar Friseure haben Flatrates zum Ponyfransen schneiden eingeführt und ich würde mal behaupten, dass dieser Handgriff in etwa ganz genauso lange dauert wie das Austauschen von Nasenpads inklusive Ausrichten und Putzen einer Brille – wenn überhaupt. Warum schaffen wir es dann nicht, uns unsere Leistungen adäquat honorieren zu lassen?

Als ich vor einigen Jahren in einem Verkaufsseminar saß, stellte der Seminarleiter relativ schnell klar: „Augenoptiker, das sind die Menschen mit dem Blaulicht auf dem Kopf.“ Oder anders gesagt, die Menschen mit Helfersyndrom. Und helfen ist ja auch eine super Sache – es macht nur niemand gerne ein Preisschild dran. Diese Mentalität hat allerdings in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass wir unseren Kunden mehr oder weniger unbewusst die Erwartungshaltung anerzogen haben, dass es eben nichts kostet. Wer nun auf einmal Preise für Serviceleistungen einführt, dem wird vermutlich der ein oder andere Kunde abhandenkommen.

Anzeige
HECHT (Banner)

Der Gipfel des Wahnsinns besteht für mich darin, dass scheinbar sogar die aktuelle Kostenexplosion an unseren Kunden vorüberzieht. In einer Erhebung des ZVA kam heraus, dass die Preissteigerung in augenoptischen Fachbetrieben im selben Zeitraum gerade einmal 2% beträgt und das in Zeiten, in denen wir mit einer Inflation von geschmeidigen 10% zu kämpfen haben. Was zeigt uns das? Richtig, wir Augenoptiker sparen – mal wieder – an uns selbst. Vor uns machen die aktuellen Preissteigerungen leider keinen Halt und soweit ich weiß, gibt es auch für die Heizkosten keine Augenoptiker-Spezial-Tarife.

Also vielleicht sollten wir bei unseren Kosten noch einmal ganz genau hinschauen und so kalkulieren, dass wir am Ende des Tages auch etwas verdient haben. Gesundheitsvorsorge ist heute ein großes Thema, also müssen wir unsere Kunden darauf hinweisen, was wir alles zusätzlich leisten können. Und konsequenterweise müssen wir dann auch das Selbstbewusstsein haben, uns diese Leistungen auch angemessen vergüten zu lassen.

Ja, wir sind sehr nette und hilfsbereite Menschen, aber wir können nicht so nett sein, dass wir uns selbst verschenken.

Ähnliche Beiträge

  • Der Wettbewerb lebt 

    Das Jahr 2024 steht für Europa im Zeichen des Wettstreits. Sportlich geht es in den kommenden Monaten auch in Europas Messelandschaft innerhalb der Augenoptik zu. Opti und Mido sind wichtige Plattformen für die Branche. Beide haben dieses Jahr besonders gute Besucherergebnisse eingefahren und viele zufriedene Aussteller hinterlassen.

  • Das PFAS-Problem

    Da kommt was auf uns zu. Es handelt sich um den umfangreichsten Beschränkungsvorschlag dieser Art – und es sind viele verschiedene Bereiche betroffen. Zu den Branchen, die täglich mit PFAS arbeiten, gehört auch unsere. Denn PFAS werden sowohl in Brillenglasbeschichtungen als auch in formstabilen und teilweise in weichen Kontaktlinsen verwendet. 

  • Brennpunkt: Was Kompetenz wert ist

    Wer mich kennt, weiß, dass ich ein großer Fan unseres Berufes bin, den ich selbst viele Jahre ausgeübt habe. Die Augenoptik verbindet Handwerk, Technik, Beratung und immer stärker auch Gesundheitsdienstleistung auf eine Weise, die kaum ein anderer Beruf bietet. Refraktion, Kontaktlinse, Screening, Myopie-Management – die Möglichkeiten, sich fachlich zu entwickeln und eigene Stärken einzubringen, sind enorm. Umso mehr irritiert mich, dass es der Branche offenbar immer schwerer fällt, genau dafür genügend Menschen zu begeistern und sie dauerhaft zu halten.

  • Sehen. Daten. Gesundheit.

    Screening-Angebote, telemedizinische Modelle und KI-gestützte Auswertungen halten Einzug in den augenoptischen Alltag. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Betriebe, die stärker in gesundheitliche Fragestellungen eingebunden werden. Der neue Brennpunkt „Sehen. Daten. Gesundheit.“ beleuchtet, wie Augenoptiker ihre professionelle Eigenständigkeit in diesen neuen Strukturen behaupten können.

  • 40 Jahre

    FOCUS-Chefredakteurin Silke Sage schreibt im Brennpunkt der Jubiläumsausgabe des unabhängigen Fachmagazins für die Augenoptik über „40 Jahre“.

  • Haltung zeigen

    Was hat morgen noch Bestand von dem, was wir heute­­ tun, wie wir heute leben und arbeiten? Angesichts multipler globaler Krisen, sozialer Spannungen und ausgereizter ökologischer Grenzen gerät auch das herkömmliche, wachstumsgetriebene Wohlstandsmodell zunehmend ins Wanken. Wird es langfristig durch etwas Neues ersetzt?