Anzeige
Menicon (Banner)

Quacksalberei

Bild: DinaBelenko/stock.adobe.com

Als meine Tochter mir auf einem Spielplatz vor gut einem Jahrzehnt weinend in die Arme lief, weil der böse Jannik ihr eine Plastikschaufel auf den Kopf gehauen hatte, kam es gleich darauf noch viel schlimmer: Einige Mütter klappten synchron ihre mitgebrachten Taschenapotheken auf und boten mir und meiner Kleinen mitfühlend Rescue-Tropfen und allerlei anderen Unfug aus der Welt der Homöopathie und Bachblüten an. 

Nicht nur frischgebackene Mütter scheinen bereitwillige Opfer einer Industrie zu sein, die schamlos ihrer Klientel im Namen der alternativen Medizin in die Geldbörse greift. Auch in der Welt der Augenoptik und Augenheilkunde gibt es immer wieder Beispiele, die zeigen, wie schamlos mit der Gesundheit von Kunden und Patienten zugunsten des eigenen Profits oder des eigenen sehr großen Egos umgegangen wird. 

Bei einer Recherche zu einem (glauben Sie mir) ganz anderen Thema, kam ich auf die Website einer Augenärztin, die tatsächlich eine ist, aber den Titel nicht abgeben musste, als sie ihr Homöopathie-Diplom gemacht hat. Sie wirbt damit, Bindehautentzündungen aller Art, Gerstenkörner, Irisentzündungen, Hornhautverletzungen, Augentraumata und auch Makuladegeneration alternativ behandeln zu können, oder sagen wir besser: behandeln zu wollen. In mehreren Punkten zeigt sie, wie eine solche „Therapie“ aussehen könnte. 

Der Altersbedingten Makuladegeneration (AMD) mit Nahrungsergänzungsmitteln zu Leibe zu rücken, kennen wir ­Augenoptiker ja mitunter aus dem eigenen Betrieb und das könnte man sich ja gerade noch so gefallen lassen. Aber beim Punkt „Ohrakkupunktur“ wäre ich schon raus. Richtig skandalös ist jedoch ihr Ansatz, eine AMD mithilfe von hochpotenzierten Globulis heilen zu möchten. Hört hört, hochpotenziert! Klingt nach viel, aber selbstverständlich ist das Gegenteil der Fall. Hier heißt „hoch“ wenig, oder sagen wir besser nix. Auch eine Leberentgiftung und Darmsanierung stand dafür mit auf ihrer Angebotsliste … was einem halt so Spaß macht.

„Die Homöopathie wirkt überall da, wo Selbstheilungskräfte noch vorhanden sind“, heißt es auf ihrer Website. Ja, das hätte mich auch sonst gewundert. Denn nur so kommt die Heilung mit diesen Mitteln zustande, aber eben nicht durch sie. Dafür kann sich also der Patient selbst auf die Schulter klopfen und nicht der Heilpraktiker und auch nicht der Apotheker, der das Zeug ohne rot zu werden immer noch anbietet. 

Kritiker sagen an dieser Stelle immer: „Aber meinem Pferd/Dackel/Wellensittich hat das sehr gut geholfen und das Tier wusste ja schließlich nicht, was es bekommen hat!“ Das stimmt. Teilweise. Entweder wurde es gesund – oder es ist halt gestorben. Wie bei unserer Laufente vor einigen Jahren, die ein entzündetes Gelenk im Flügel plagte. Ein scheinbar vogelkundiger Tierarzt hatte ihr wochenlang für viel Geld eine Flüssigkeit gespritzt, die, wie er später zugab, homöopathisch war. Schließlich meinte er, sie werde wohl doch nicht gesund und man müsse sie bald einschläfern. In der Obhut unseres vertrauten konservativ arbeitenden Tierarztes hat sie ein Antibiotikum bekommen und war innerhalb weniger Tage wieder fit und ist es bis heute. 

Anzeige
Essilor (Banner)

Auch bei Kollegen aus der Augenoptik gibt es fragwürdige Methoden. Die einen schwören drauf und die anderen haben nie einen wissenschaftlichen Beweis für ihre Wirksamkeit gefunden und rollen trotzdem mit den Augen, aber aus einem anderen Grund. 

Sei es Augen-Yoga, Farbatmung, Palmieren, die Heilung von Astigmatismus mit dem Tibetischen Rad oder die Irisdiagnostik. Immerhin hatte sich der Berufsverband der Augenärzte vor einigen Jahren ganz klar davon distanziert.  

Nicht ganz so weit hergeholt (und sicher nicht auf einer Stufe mit den oben genannten Dingen), aber doch einen klaren wissenschaftlichen Beweis schuldig, ist der Einsatz von Blaulichtfiltern. Vor ein paar Jahren hieß es: Wer andauernd auf die Bildschirme von Smartphones oder Monitore starrt, hat einen schlechten Schlaf und schadet mit seinen Sehgewohnheiten seiner Augengesundheit. 

Ruckzuck kamen die ersten Blaulichtfilter auf den Markt, die vermeintlich schädliches blaues Licht herausfiltern. Da haben die Menschen plötzlich ihre superklaren, ästhetisch ansprechenden Brillengläser wieder gegen gelbliche Tönungen wie einst bei Opa getauscht. Diese kamen häufig mit Entspiegelungen daher, die mitunter einen derben blauen Restreflex hatten wie in den frühen 90ern. Ganz unwissenschaftlich kann ich jetzt schon sagen, dass mich der blaue Restreflex nervt, wo immer ich ihn sehe. Meist ist es bei einem Gegenüber, der unschuldig in ein Augenoptikgeschäft gegangen ist und von jemandem beraten wurde, der es nicht besser wusste oder dem es egal war. 

Heute wissen wir: Wer andauernd auf die Bildschirme von ­Smartphones oder Monitore starrt, hat einen schlechten Schlaf und schadet mit seinen Sehgewohnheiten seiner ­Augengesundheit. Doch das hat ganz andere Gründe. Da hilft auch kein Palmieren und ganz sicher auch kein Bachblüten-Elexier. 

Ähnliche Beiträge

  • Machtblind 

    In den USA läuft aktuell die große Entlassungswelle. Vor allem in den Tech-Unternehmen, in denen die Mitarbeiter sich scheinbar unangetastet sicher fühlen konnten, bricht sie herein.

  • Kinder verändern ­unsere Leben

    Es ist das Thema dieser Zeit: Nachhaltigkeit. Viele Augenoptiker haben sich in den vergangenen Jahren auf die Versorgung von fehlsichtigen Kindern spezialisiert. Dahinter steckt bereits ein gewisses nachhaltiges Denken. Denn junge Kunden werden einmal groß und, vor allem auch durch die starke Nutzung ihrer mobilen Handys und ­Tablets möglicherweise auch zu Kunden im Myopie-­Management.

  • Wegscheide

    Es gibt diese Momente, wo sich der Weg auftut, und zwei Optionen anbietet. Das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlägt. Die Opti Mitte Januar kann als solch ein (Groß-)Ereignis für die augenoptische Branche betrachtet werden. 

  • PFAS-Update

    Zu den PFAS gehören mehr als 10.000 chemische Verbindungen und mittlerweile gibt es ähnlich viele Beiträge und Artikel dazu in der Presse oder auf Verbraucherseiten. Besonders präsent war dies im vergangenen Frühjahr als das drohende Verbot gerade frisch von allen Redaktionen aufgegriffen wurde. Da wir – und mit uns unsere Kunden – in einem Bereich erheblich davon betroffen sind, ist es Zeit für ein Update.

  • Die neue Vorsorgefront

    Auf der vergangenen Opti 2026 war es ein sehr sichtbares Thema: Zwischen Früherkennung, Vorsorgelücke und neuen Akteuren ist ein (nicht ganz neues, aber dafür umso umfangreicheres) Angebot rund um das Augen­Screening entstanden. Galt es früher als eindeutige Domäne der Augenärzte, so hat sich die Realität in den vergangenen Jahren sehr verschoben.

  • Paris-Huttropstr.

    Was vom Klang und Schriftbild her heute so kosmopolitisch daherkommt wie England als Ortsname für einen beliebten Badeort an der Nordsee oder das niedersächsische Texas ist natürlich ein künstlich zusammengesetzter Begriff. Er beinhaltet im goldenen Herbst der Augenoptik zwei Etappen, die die Vielreiser unter uns an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden im September bereits für sich abgehakt haben.