Anzeige
CooperVision (Banner)
| |

RIOA: Erste Deutsch-Chinesische Schule für Augenoptik

Bilder: RIOA

Schulleiter Fritz Paßmann im Interview

Mitten in China, in der 12-Millionen-Einwohner-Stadt Xi´An, steht die weltweit einzige Deutsch-Chinesische Schule für Augenoptiker. Entstanden ist sie aus einem fernen Traum dreier Menschen, die die Augenoptik schon vor Jahrzehnten zusammenschweißte. Ende 2023 wurde die Vision endlich Wirklichkeit. FOCUS hat mit dem Schul­leiter Fritz Paßmann über die Entstehung der Schule, die Chancen Deutsch-Chinesischer Zusammenarbeit und die Unterschiede in der augenoptischen Landschaft gesprochen. 

RIOA (Ratingen International Academy for Ophthalmic Optics and Optometry) ist der Name der Schule, an der 2023 der erste Kurs für Augenoptikinteressierte begann. Wobei das „O“ im Namen einen Landoltring symbolisiert. Heute ist die Einrichtung ein Lehrstück dafür, wie eine Deutsch-Chinesische Freundschaft innovative Projekte und die internationale Zusammenarbeit fördern kann. Aktuell zählt die RIOA rund 300 Schüler.

Einer der Gründer der Schule ist Fritz Paßmann. Der Augenoptikermeister war viele Jahre Fachbereichsleiter der Handwerkskammer Dortmund (Deutschland) und hat auch sonst sein Leben der Aus- und Weiterbildung von Augenoptikern verschrieben. Zudem ist er Mitentwickler der PASKAL 3D-Erlebnisrefraktion.

FOCUS: Herr Paßmann, in Deutschland sind Sie vielen als ­Dozent bekannt. Doch wie genau kam es zu Ihrem Engagement in China und der Motivation, dort eine Schule aufzubauen?

Paßmann: Das hat etwas mit dem ehemaligen FOCUS-Herausgeber Jörg Spangemacher zu tun, der damals mit dem Verlag des FOCUS in Ratingen ansässig war. Wir kennen uns seit über 20 Jahren. Für mich war er vom Denken her revolutionär, das fand ich gut, und er hat wohl meine Fachkompetenz geschätzt. Jörg wiederum war sehr oft in China. 

Er hat dort die Fachzeitschrift FOCUS China ins Leben gerufen, deren heutige Herausgeberin Jian Wang ist. Außerdem liebt er die asiatische Kultur – heute lebt er übrigens in Thailand.

Irgendwann damals wurde er angesprochen, dass eine bestimmte Universität in Shijiazhuang/China sich für unser deutsches Ausbildungssystem interessierte, welches ziemlich einmalig auf der Welt ist. So kam es zu meinem ersten Vortrag in China, der davon handelte, wie man in Deutschland Augenoptiker wird und wie die Lehre aussieht. Daraufhin fragte die dortige Schulleitung, ob wir bereit wären, ein mehrtägiges Seminar zu verschiedenen Fachthemen zu geben.

Wie man in Deutschland lernt und lehrt, war für die Studierenden aus China damals schon sehr außergewöhnlich. Dort war es eher üblich, durch stetige Wiederholung ein gewisses Fachwissen zu erlangen. Unser Fokus lag hingegen darauf, selbständig Verknüpfungen herzustellen und auch eigene Gedanken mit einzubringen.

Wir waren damals ein Dreiergespann: Jörg Spangemacher, Jian Wang  und ich. Jian Wang war für den Erfolg sehr wichtig, da sie sich tief in die Augenoptik eingearbeitet hat und über die Jahre ein sehr gutes augenoptisches Fachwissen angeeignet hat. Übrigens ist sie Mitglied der WVAO und besucht auch regelmäßig den Jahreskongress und die Opti. Als gelernte Reisekauffrau hat sie jahrelang deutsche Touristen durchs Land geführt und spricht daher sehr gut Deutsch. Schon damals hatten wir den Traum, irgendwann eine komplette Schule auf deutschem Niveau anzubieten – auch wenn dann noch viele Jahre vergingen, bis es tatsächlich so weit kam.

FOCUS: Wann wurde es konkret?

Paßmann: Nachdem ich jahrelang regelmäßig in China Vorträge und Seminare abhielt, war es dann im Jahr 2018 so weit. Wir begannen mit der Planung. Erstmal brauchten wir ein passendes Gebäude. Allerdings haben uns die Covid-19-Einschränkungen einen Strich durch die Rechnung gemacht, weil die Bauarbeiten stockten und nichts mehr weiterging. Erst als wieder Normalität einkehrte, wurde der Bau beendet und wir begannen mit der Ausarbeitung des Lehrplans.

Heute ist Jian Wang Geschäftsführerin und ich bin der Schulleiter, verantwortlich für den Lehrplan, den Einsatz der ­Dozenten und die pädagogisch-didaktische Umsetzung.

Das war ein Riesenprojekt, an dem wir mehr als zehn Jahre gearbeitet haben. Dass das nun wirklich läuft, ist einfach toll. Es macht sehr glücklich und ein wenig stolz, dass es so gut funktioniert.

FOCUS: Wie unterscheidet sich die augenoptische Lehre in China im Vergleich zu jener in Deutschland?

Paßmann: Sie ist sehr inhomogen und der Berufstitel ist nicht geschützt. Es gibt einzelne Augenoptiker oder auch Augenoptikketten, in denen quasi „on the Job“ gelernt wird, ohne klassische Ausbildung in dem Sinne. Dann gibt es eine Ausbildung an Schulen, in denen Grundlagen der Refraktion und Werkstatttätigkeiten gelehrt werden.

Andere Leute wiederum haben teilweise überhaupt kein umfassendes Wissen von Augenoptik, sind aber vielleicht dennoch in einem sehr kleinen Teilbereich äußerst gut. Beispielsweise weil sie ganz genau wissen, wie man ein modernes Screening-Gerät akkurat bedient.

Und dann wäre da noch die akademische Ausbildung. Hier liegt der Schwerpunkt sehr auf Optometrie. Ein Bachelorstudium dauert 4 bis 5 Jahre und der Master kann angeschlossen werden. Die Absolventen arbeiten dann aber in aller Regel im klinischen Bereich oder bei High-End-Augenoptikern.

Was ich im Alltag an unserer Schule merke, ist, dass die praktische Anwendung am Kunden und Zusammenhänge verstehen scheinbar wenig Priorität in der Lehre hat. Das worauf wir in Deutschland viel Wert legen. Genau das ist auch der Schwerpunkt unserer Ausbildung, dass wir von Anfang an versuchen, Wissen in Zusammenhängen zu erklären.

FOCUS: Welchen augenoptischen Bildungsgrad haben die Teilnehmer Ihrer Schule?

Paßmann: In unseren Kursen sind Augenärzte ebenso wie angelernte Augenoptiker oder studierte Optometristen. Im Vergleich zur üblichen Lehre in Europa ist das eine sehr inhomogene Gruppe.

Das ganze System ist auch anders. So haben beispielswiese viele Augenärzte mit Kliniken auch Augenoptiker eingestellt, die oft auf sehr hohem Niveau Screenings durchführen. Außerdem dürfen Augenärzte auch Brillen verkaufen. Die Trennung von Augenarzt und Augenoptiker ist also weniger strikt, als man es in Europa kennt. An unsere Schule kommen somit gänzlich unterschiedlich ausgebildete Teilnehmer.

Vom Niveau her ist es so angesiedelt, dass deutsche Augenoptikermeister an unserer Schule gut unterrichten können. Das Bildungs­niveau der deutschen Meister ist definitiv höher als jenes unserer Teilnehmer.

FOCUS: Wie sieht der Lehrplan aus? 

Paßmann: Ich habe einen Lehrplan geschrieben, der sich an der deutschen Meisterprüfungsordnung orientiert, wobei wir nicht das Ziel haben, das Meisterniveau in China 1:1 umzusetzen. Dazu sind die Grundvoraussetzungen zu unterschiedlich.

Der Lehrplan, den ich entwickelt habe, umfasst 800 Stunden. Diese sind in 10 Blöcke à zwei Wochen aufgeteilt. Die Teilnehmer sind dann drei- bis viermal im Jahr bei uns an der Schule. Innerhalb von zwei bis drei Jahren ist die Ausbildung beendet.

Unsere ersten Studierenden sind aktuell immer noch in der Ausbildung, da wir erst Ende 2023 eröffnet haben. Die Sollstärke der Kurse beträgt 24 Teilnehmer, diese sind seit Eröffnung immer voll ausgebucht.

Anzeige
EssilorLuxottica (Banner)

FOCUS: Rein rechnerisch wäre das eine 40-Stunden-Woche? Das klingt nach einem hohen Pensum.

Paßmann: Die Studierenden sind extrem motiviert. Es gibt sogar Augenoptiker, die quasi Einzelkämpfer sind, und ihren Betrieb für zwei Wochen schließen, um unseren Blockunterricht zu besuchen. Die Chinesen sind insgesamt sehr fleißig und sehr gewissenhaft.

FOCUS: Welchen Abschluss haben die Teilnehmer am Ende?

Paßmann: Hier müssen wir ehrlich sagen: überhaupt keinen offiziellen. Die Teilnehmer kommen, weil sie schlauer werden wollen, weil sie lernen wollen und weil sie unser System gut finden. Viele sind ein Fan der deutschen Lehre oder arbeiten schon mit der Refraktionssoftware PASKAL 3D. Sie mögen auch den ganzen Ablaufplan und die Struktur des Lehrplans.

Dass es keinen offiziellen Abschluss geben wird, liegt an den politischen Hürden – das ist nicht so einfach mit den staatlichen Institutionen. Aktuell sind wir jedoch in Gesprächen mit deutschen Einrichtungen, um zumindest am Ende, nach abgelegter Prüfung, ein Zertifikat herausgeben zu können. Das deutsche Know-how ist den Teilnehmern sehr wichtig – daher betonen wir die Deutsch-Chinesische Kooperation hier.

FOCUS: Kommen alle Dozenten aus Deutschland?

Paßmann: Ja, das ist auch für die Teilnehmer so vertraglich festgelegt und es ist ihnen sehr wichtig. Die deutsche Lehre genießt dort ein gewisses Ansehen und dafür wird auch bezahlt.

In China gibt es wenig Mittelstand aber durchaus viele Reiche. Durch eine Urkunde an der Wand, in der steht, dass die Ausbildung an einer Deutsch-Chinesischen Schule absolviert wurde, gewinnen unsere Teilnehmer ein bestimmtes Kundenklientel. Die Schule ist natürlich auch nicht ganz günstig. Das kann sich nur durch hochwertigeren Verkauf, mehr Kundenbindung und Neukundengewinnung rechnen. Dazu kommen Teilnehmer teilweise aus ganz China angereist.

FOCUS: Sie selbst leben in Deutschland. Wie funktioniert das System dann in der Praxis? 

Paßmann: Die offiziellen Blöcke leite ich federführend und fliege dazu regelmäßig nach China. Ich halte meinen Unterricht auf Deutsch und Jian Wang übersetzt alles simultan.

Aber die 800 Stunden können natürlich nicht ganz allein auf meinen Schultern lasten und ich kann auch nicht drei- oder viermal im Jahr nach China fliegen. Daher haben wir einen Pool aus Lehrenden in Deutschland, die gelegentlich als Dozenten mit nach China reisen. Hierzu gehört unter anderem Jian Wangs Sohn, Simon Song, der in Deutschland erst eine schulische Ausbildung absolviert hat, dann seinen Augenoptikermeister gemacht hat und bald seine Ausbildung zum Bachelor in Jena beginnen wird. Die Kurse werden insgesamt von wechselnden deutschen Dozenten abgedeckt.

Auch außerhalb der Blöcke ist Leben an der Schule. Denn diese ist gleichzeitig die Geschäftsstelle des FOCUS China. Es sind somit immer Mitarbeitende von FOCUS China vor Ort und Jian Wang gibt in dieser Zeit auch zusätzliche Seminare für Interessierte. Da geht es dann beispielsweise um die Refraktion, PASKAL 3D und andere optometrische Themen. 

FOCUS: Ist es dennoch denkbar, auch Chinesen als Dozenten zu gewinnen?

Paßmann: Da wir noch am Anfang stehen, möchten wir zunächst die ersten Kurse erfolgreich abschließen. Aber ja – als langfristigen Plan möchten wir auch vor Ort Personen als Dozenten weiterbilden. Das ist auf jeden Fall eine Zukunftsvision.

FOCUS: Bezogen auf die Bevölkerungszahl liegt der Pro-Kopf-Umsatz mit Brillen in China bei durchschnittlich 10,04 €. Im Vergleich hierzu ist es in den USA beispielsweise fast das Zehnfache. Es liegt also nahe, dass es in China einerseits eine Unterversorgung mit Brillen gibt und andererseits Menschen eher wenig Geld für Brillen ausgeben.

Paßmann: Ja, diese Situation kann ich zu 100% bestätigen. Das ist auch eine sehr wichtige Intention, warum die Teilnehmer zu unseren Kursen kommen. Sie möchten hochwertiger verkaufen. Sie möchten weg vom Standard und hin zu höherer Qualität und den Kunden ganz individuell auf Basis seiner Bedürfnisse beraten.

In China ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Sehtest auf zwei Meter Entfernung gemacht wird – ohne Spiegel. Oder dass kein zylindrischer Abgleich gemacht wird, sondern nur die Sphäre korrigiert wird. Auch Binokulartests sind noch kein Standard. Sogar das Thema Gleitsicht läuft in China gerade erst an. Ich würde schätzen, dass das Land mindestens 10 Jahre in der Entwicklung hinter Europa liegt, was die Brillenversorgung angeht. Wenn nicht sogar deutlich mehr.

Im Prinzip ist auch aufgrund dieser Situation und den Gedanken, die wir uns dazu gemacht haben, das ganze Konzept für die Schule erst entstanden. Dass die Bedarfsanalyse, eine Brillenanpassung oder auch der Mehrbrillenverkauf nicht trivial sind.

FOCUS: Was ziehen Sie für sich persönlich aus der internationalen Zusammenarbeit mit den Kollegen und Schülern aus China und Deutschland?

Paßmann: Ich habe die chinesische Kultur und ihre Menschen sehr schätzen gelernt. Westliche Überheblichkeit ist nicht angebracht und der Westen steht schon gar nicht über dem Osten. Manches mag befremdlich sein – an das Spucken auf offener Straße werde ich mich nie gewöhnen –, aber anders heißt eben nicht direkt schlechter.

Nur ein Beispiel: Das Essen hier ist ja nicht mit chinesischem Essen in Europa vergleichbar. Süß-saure Soße ist eher selten. Alles frisch, sehr viel Gemüse und Fisch und großartig angerichtet. Hühnerfüße, Rindersehnen und Seegurke muss man ja nicht bestellen. Chinesen sind dabei sehr gesellig. Grundsätzlich freut mich hier die Wertschätzung von Lehrern. Die mangelnde Wertschätzung von Ausbildern hat mich vor vier Jahren zum Rückzug aus der Ausbildung in Deutschland bewogen. 

FOCUS: Wie ist es für Sie, sich regelmäßig in einer Kultur zu bewegen, die sich sehr von Deutschland unterscheidet?

Paßmann: Das Leben in China ist anders als in Deutschland. Ich mag beispielsweise den Buddhismus oder dass es hier kaum Kriminalität auf der Straße gibt. Generell vermeide ich es aber, über Kultur oder Politik zu sprechen.

Es geht mir um Fachkompetenz. Ich sehe in meinen Teilnehmern beispielsweise einfach die Augenoptiker vor mir. Für mich ist es eine Lebensaufgabe, Wissen zu vermitteln. Das gilt in Deutschland und ebenso in China.

FOCUS: Vielen Dank für das Gespräch.

Ähnliche Beiträge

  • Spectaris: Wieder Kontaktlinsen-Workshops für den Nachwuchs

    Der Spectaris-Kontaktlinsen-Kreis hat an der Landesberufsschule für Augenoptiker in Lübeck-Travemünde seine vor der Pandemie gestartete Weiterbildungsinitiative „JETZT. LINSEN.“ wieder aufgenommen. Rund 85 Azubis waren beim ersten Workshop seit 2019 dabei.

  • ZVA: „Fachkräftebedarf in der Augenoptik im Fokus“

    Der Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen (ZVA) hat seinen aktuellen Berufsbildungsbericht veröffentlicht. Die Auswertung der zentralen Kennzahlen zur Aus- und Fortbildung mache deutlich: „Die Branche steht vor enormen Herausforderungen, aber auch vor großen Chancen.“

  • Hochschule Aalen: Traditioneller Besuch bei Zeiss

    In guter Tradition besuchten Studierende der Hochschule Aalen im Herbst das Unternehmen Zeiss. Im Werk in Aalen zur Rezeptfertigung basierend auf der Freiformtechnologie und in Oberkochen im Innovationszentrum der Zeiss Meditec gab es Einblicke aus erster Hand.

  • Zeiss: Ferienaktivitäten unterstützt

    Zeiss unterstützt in diesem Jahr mehrere Vereine und Organisationen, die in den Ferien Programme für Kinder und Jugendliche anbieten. Insgesamt spendete das Unternehmen fast 27.000 Euro.

  • Brillenmaterialien: Wunderbaum und Kaffeesatz

    Vor allem kleinere Brillenlabels versuchen mit auf den ersten Blick noch nicht allzu verbreiteten Materialien und einem gewissen Nachhaltigkeitsanspruch, potenzielle Kunden von ihren Ideen bei Brillen und Handelsware zu überzeugen. Im Diskurs um Ressourcenverbrauch und -nutzung müssen wir uns auch hiermit beschäftigen. Wir tun es.

  • Fielmann Kolloquium: Weiterbildung zu „digitalem Sehstress“

    Die intensive Nutzung von Smartphone, Tablet und Computer sorgt für Beschwerden, die unter Begriffen wie „Digital Eye Strain“ oder „Digitaler Sehstress“ zusammengefasst werden. Wie die optische und ergonomische Korrektion aussehen kann, thematisiert Ende September das 59. Fielmann Akademie Kolloquium.