Anzeige
Menicon (Banner)

Brennpunkt: Myopie – Preis der Prävention

Bild: Maryna / Adobe Stock

Vor noch nicht allzu langer Zeit war der Befund „Myopie“ für Kinder wie ein festgeschriebenes Gesetz: Es wird stetig schlechter werden. Nach jedem Besuch des ­Augenarztes kommen weitere 0,25 bis 0,50 dpt hinzu. Wenn man Glück hat, wird mit der Volljährigkeit endlich das Maximum erreicht sein. Bei Pech vielleicht auch erst Mitte oder Ende der 20er. Bei starker Kurzsichtigkeit kam die Gewissheit hinzu, dass das Risiko für zusätzliche Augenerkrankungen im späteren Leben erhöht ist.

Seit einigen Jahren können wir zum ersten Mal in der Geschichte der Myopie-Entwicklung entgegenwirken. Wir setzen nicht einfach ein Brillenglas vor die Augen und schauen ansonsten dem Auge beim myopisieren zu. Nein, wir können etwas tun. Doch gleichzeitig sind viele Fragen noch unbeantwortet – auch was die Finanzierung angeht.

Und nur um fair zu bleiben – erwähnt wurde Atropin bereits im 19. Jahrhundert, mit Verweis auf Potenzial zur Behandlung der Kurzsichtigkeit. Und ja, es gibt seit Jahren Kontaktlinsen zur Myopie-Kontrolle, die ebenfalls eine spannende Option für Kinder sind. Aber diese Behandlungsmöglichkeiten waren (zu) lange einer sehr kleinen Gruppe auserwählter Kinder vorbehalten. Die Spezial-Brillengläser haben das Myopie-Management massentauglich gemacht.

Der Konzern EssilorLuxottica schätzt auf Basis eigener Daten, dass grob 30-40% aller Kinder in China schon einmal eine Form der Myopie-Management-Versorgung erhalten haben. Das ist keine Nische mehr! Gleichzeitig sind wir hierzulande von solchen Zahlen weit entfernt und liegen vermutlich eher im einstelligen Bereich. Unabhängige Daten dazu liegen nicht vor. Diese gravierenden Unterschiede haben einerseits damit zu tun, dass es hier deutlich weniger myope Kinder gibt, aber auch mit unterschiedlichen Strukturen und der Finanzierung.

Schließlich will die immense Forschung rund um Myopie und das Management auch finanziert werden. So wurde beispielsweise in diversen Studien die Wirkung eindeutig belegt, aber die genauen Wirkmechanismen sind bis heute nicht vollständig geklärt.
Ebenso offen ist die Frage, warum viele Behandlungs­optionen bei den meisten Kindern effektiv funktionieren aber bei wenigen kaum anschlagen. Und auch zum Einflussfaktor der Umweltfaktoren wie Tageslichtexposition, Bildschirmnutzung etc. gibt es Forschungsbedarf. Wie bei der Beantwortung solcher Forschungsfragen der „digitale Zwilling“, smarte Kinderbrillen oder auch Eye-Tracking helfen, das lesen sie übrigens in dieser Ausgabe.
Und wie wir alle bestens wissen, ist es auch mit dem reinen Verkauf nicht getan. Myopie-Management funktioniert nur dank engagierter Experten, die Eltern und Kinder intensiv und langfristig begleiten – das gibt es nicht zum Nulltarif.

Damit am Ende alle profitieren, braucht es daher dringend Gesundheitssysteme und Regierungen, die diesen Ansatz auch finanziell mittragen. Hierbei sollten die Folgekosten für Augenerkrankungen etc. mitbedacht werden. Ob Myopie-Management für alle myopen Kinder Standard werden sollte, da gehen auch Expertenmeinungen auseinander. Doch was in jedem Fall gilt: Jede Dioptrie weniger ist für den Einzelnen ein großer Mehrwert. Und jeder „Fast-Progressor“ weniger ist ein Riesengewinn, sowohl aus medizinischer Sicht als auch finanziell. Besonders bei ihnen gilt: Myopie-Management-Maßnahmen sind Therapien und keinesfalls ein „nice to have“. Und so sollten sie auch bezahlt werden.

Und ja, Myopie-Management ist nicht ausschließlich ein Thema von Produkten, sondern auch vom Lebensstil der Kinder. Wie viel sind sie draußen? Wie lange sitzen sie vor Bildschirmen oder Büchern? Doch Eltern, die nie intensiv mit Behandlungsmöglichkeiten in Kontakt kommen, weil die Kosten zu hoch sind, werden in der Folge auch weniger aufgeklärt sein und ein geringeres Problembewusstsein für die weiteren Aspekte des Myopie-Managements ausbilden.

Neben der Beantwortung offener Forschungsfragen sollten daher auch die Konzepte zur Finanzierung höchste Priorität haben, insbesondere für jene Kinder, die das größte Risiko bergen, eine hohe Myopie zu entwickeln. Denn nur so werden wir in 15 Jahren nicht alleine an der Dioptrienzahl erkennen können, ob sich eine Familie Myopie-Management leisten konnte oder nicht.

Ähnliche Beiträge

  • Präzisionsverschiebung 

    Die Augenoptik war immer ein Präzisionsberuf. Handwerk, Refraktion, Zentrierung, Materialkompetenz – aus diesen Säulen ist eine Branche gewachsen, die ihre Stärke aus technischer Exzellenz und zugleich aus Kundennähe bezieht. Doch seit einigen Jahren erleben wir eine bemerkenswerte Erweiterung des Berufsbildes: mehr Optometrie, mehr Eyecare, mehr Kontaktlinse, mehr Myopie-Management, mehr Dry Eye, mehr Wissen über den vorderen Augenabschnitt.

  • Läuft bei uns

    Nachdem mittlerweile jeder Radiergummi im Netz bestellt wird, ist auch ein Päckchen Monatskontaktlinsen schnell im digitalen Warenkorb.

  • Präsenzmesse 

    Es gibt im ganzen Land eine erste Erholung am Messestandort Deutschland. So sind für 2023 mindestens 340 Messen geplant. Knapp ein Viertel mehr als hier im Jahr 2022 möglich waren.

  • Wandel verlangt Umdenken

    Der neue FOCUS 6_2021 ist da! In der Juni-Ausgabe geht es im Brennpunkt „Wandel verlangt Umdenken“ um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den stationären Handel.

  • Myopie! Und nun? 

    Ohne große Erklärungen fertigten Augenoptiker Brillen für kurzsichtige Kinder. In der Folge kam das Kind alle paar Monate wieder – meistens mit einer Viertel- bis halben Dioptrie mehr auf dem Rezept. Augenoptiker nahmen dies bedenkenlos hin – was sollten sie auch sonst tun?

  • Quacksalberei

    Als meine Tochter mir auf einem Spielplatz vor gut einem Jahrzehnt weinend in die Arme lief, weil der böse Jannik ihr eine Plastikschaufel auf den Kopf gehauen hatte, kam es gleich darauf noch viel schlimmer: Einige Mütter klappten synchron ihre mitgebrachten Taschenapotheken auf und boten mir und meiner Kleinen mitfühlend Rescue-Tropfen und allerlei anderen Unfug aus der Welt der Homöopathie und Bachblüten an.