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Achtung, mineralisches Glas!

Foto: Frank Sonnenberg

Es kann hin und wieder vorkommen, dass ein Kunde ein Mineralglas in seiner alten Brille ersetzt bekommen möchte. Sei es, weil eines zerbrochen ist oder sich die Stärken verändert haben. Beim Umgang mit mineralischem Glas ist jedenfalls Vorsicht angesagt.

Nimmt man eine fremde Kundenbrille zur Hand – gleich ob Kunststoffgläser oder Mineralgläser eingearbeitet sind – sollte man sich diese erst einmal ganz genau anschauen. Fehlen Schrauben oder sind sie locker, sind irgendwelche Brillenteile verbogen, ist ein Riss im Material oder sind beschädigte Fassungsteile zu sehen? Diese Prozedur wird natürlich vor den Augen des Kunden durchgeführt und weist ihn direkt auf mögliche Beschädigungen hin. 

Der Spannungsprüfer

Nach dem oberflächigen Check geht es jetzt weiter. Bei einer Metallbrille, an der die Fassungsränder, wenn auch nur leicht, verbogen sind, können die eingebauten mineralischen Gläser leicht ausplatzen. Besonders an den Scharnieren oder an Ecken entstehen bei einer beschädigten Brille häufig punktuelle Druckspannungen am Fassungsrand. Diese lasten auf dem Brillenglas. 

Spannungsprüfer (Foto: Breitfeld und Schliekert)

Der Spannungsprüfer ist in diesem Fall „Azubis best friend“, denn er macht die Spannungen sichtbar. Und das „Pitch“ – also das Geräusch, wenn Glas springt – hört niemand wirklich gerne. 

Wie arbeitet ein Spannungsprüfer?

Bestandteil dieses Werkstatt-Gerätes sind zwei speziell zueinander eingebaute Polfilter. Bekanntlich kann natürliches Licht in die unterschiedlichsten Richtungen schwingen. Polfilter lassen es aber nur in eine bestimmte Richtung durch. Licht, das in andere Richtungen schwingt, wird einfach absorbiert.

Die beiden Polfilter, auch Polarisatoren genannt, lassen nur Licht in senkrecht aufeinander stehenden Schwingungsebenen durch. Die Schwingungsebene des ersten Polarisators steht dabei senkrecht – also 90° gekreuzt – zur Schwingungsrichtung des zweiten.

Schaut man durch die beiden Filterscheiben hindurch, sieht man eine gleichmäßig dunkel gefärbte Fläche. Dies ist auch der Fall, wenn man eine Brillenfassung mit einem spannungsfrei eingepassten Brillenglas zwischen die ­Filterfolien hält.

Anders sieht die Sache aus, wenn die Gläser nicht optimal in die Fassung eingearbeitet worden sind oder eine Fassung verbogen ist. Ein unter Spannung stehendes Brillenglas weist eine sogenannte Doppelbrechung auf. Das auftreffende ­natürliche Licht verlässt dadurch dieses Glas polarisiert, was erst unter den zwei Polfiltern sichtbar wird. Spannungen werden vor dem dunklen Hintergrund als Aufhellungen sichtbar. 

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Je größer die Spannung ist, desto größer ist auch der Effekt an der jeweiligen Stelle im Glas.

Gefährdete Gläser

Gefährdet sind aber nicht nur mineralische Brillengläser, sondern auch dünne Brillengläser aus Kunststoff wie z.B. am Außenrand von Gläsern mit Pluswerten. Anders als bei dicken Brillengläsern müssen ihre Facetten mehr Druck auf geringerer Fläche aufnehmen. Dickere Brillengläser sollten jedoch keinesfalls sorgloser behandelt werden.

Vorsicht in der Werkstatt

Doch zurück zu den mineralischen Brillengläsern. Bei ihnen ist das Risiko von Glasbruch in der Werkstatt bei unsachgemäßer Behandlung einfach sehr groß. 

Werden sie im Schleifautomaten auf Form geschliffen, sollten keine kleinen Adapter, sondern möglichst größere, dafür geeignete genommen werden. Um Druck vom Glas wegzunehmen, empfiehlt es sich zudem, auf der Rückseite des Brillenglases ein zusätzliches Klebepad anzubringen. 

Außerdem sollte der Druck beim Einspannen im Automaten nicht höher als nötig sein. Moderne Maschinen sind auf ­Mineralgläser abgestimmt. Ist das Brillenglas geschliffen, muss es nur noch sauber abgekantet werden. Moderne Schleifmaschinen erledigen das automatisch; geschieht es manuell, muss auch hier sehr sauber gearbeitet werden.

Der Anteil der verkauften Brillengläser aus Kunststoffmaterialien liegt mittlerweile bei rund 90%, Mineralgläser führen hingegen mit ca. 10% Marktanteil nur noch ein Nischendasein. Was spricht eigentlich heute noch für Mineralgläser, wo es doch ein sehr breites Sortiment an Kunststoffgläsern gibt, die eigentlich jeden Wunsch abdecken und einfacher zu verglasen sind?

Die folgende Übersicht gibt einen Überblick über Vor- und Nachteile von mineralischen Brillengläsern.

Kratzfestigkeit: Die Oberfläche von Mineralglas ist hart. Beim Putzen entstehen deshalb keine Kratzer, auch wenn sich etwas Staub auf den Gläsern und damit unter dem Putztuch befindet. Eine spezielle Hartschicht als Oberflächenversiegelung ist nicht nötig. Sie eignen sich damit gut für Brillen, die in einem staubintensiven Umfeld getragen werden. 

Großer Brechzahlbereich: Mineralgläser werden mit einer Brechzahl von n = 1,5 bis n = 1,9 angeboten. Durch die ­hohen Brechzahlen gelingt es, auch bei starken Fehlsichtigkeiten dünne Brillengläser für sehr hohe Korrektionswerte zu fertigen.

Weniger Farbsäume: Bei gleicher Brechzahl werden teilweise weniger Farbsäume produziert. Das liegt an der geringen Dispersion der mineralischen Materialien, selbst bei hoher Brechzahl.

Ästhetischere Mehrstärkengläser: Bei Bifokal- und Trifokalgläsern gibt es keine spürbare und störende Kante auf der Glasoberfläche.

Spezialanfertigungen: Es können sogenannte Überfanggläser (gleichmäßige phototrope Schicht auf einem Basisglas) gefertigt oder Nahteile aufgekittet werden. Diese verwendet man beispielsweise, wenn unterschiedliche prismatische Wirkungen in Ferne und Nähe zur Korrektur eingesetzt werden.

Umweltverträglichkeit: Die in der Produktion entstandenen Abfälle können aufgrund ihrer Eigenschaften umweltfreundlicher entsorgt werden.

Das Gewicht: Mineralische Gläser sind in der Regel ein paar Gramm schwerer als vergleichbare Kunststoffgläser. Aber: Jedes Gramm auf der Nase zählt!

Bruch- und Splittergefahr: Brillengläser aus Glas können brechen. Dadurch steigt für den Träger auch die Verletzungsgefahr durch Splitter. Die Gläser sind deshalb absolut ungeeignet für Sport- und Kinderbrillen.

Tönung ungleichmäßig: Da mineralische Brillengläser in der Regel in Masse gefärbt sind, besitzen sie immer eine ­dickenabhängige und ungleichmäßige Tönung. Dickere Glasbereiche erscheinen dadurch dunkler, dünnere heller. Ausnahme: Überfanggläser mit einer Extra-Schicht über dem eigentlichen Glas.

Oberflächenhärte kein Alleinstellungsmerkmal: Neue Hartversiegelungen machen Oberflächen von Kunststoffgläsern ebenso hart und unempfindlich wie die von Mineralgläsern. 

Gefahr bei Funkenflug: Beim Schweißen oder Schleifen fliegen manchmal kleine Funken in Richtung Brillenglas. Treffen sie auf mineralische Glasoberflächen, entstehen kleine Beschädigungen auf dem Brillenglas. Anders bei Kunststoffgläsern. Die Oberfläche bleibt aufgrund ihrer Elastizität von Einschüssen verschont.

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