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Brillenmaterialien: Wunderbaum und Kaffeesatz

Brillenmaterialien
Fotos: Frank Sonnenberg

Bio- und Recyclingmaterialien für Brillen und Etuis

Nachhaltige und recycelte Brillenmaterialien sind weiterhin Nische statt Mainstream in der Augenoptikbranche. Wie die vergangene internationale Fachmesse Silmo in Paris zeigte, versuchen vor allem kleinere Brillenlabels mit auf den ersten Blick noch nicht allzu verbreiteten Materialien und eine gewissen Nachhaltigkeitsanspruch, potenzielle Kunden von ihren Ideen bei Brillen und Handelsware zu überzeugen.

Es ist Zeit, den Transformationsprozess zu begreifen, der da gerade läuft. Dazu gehört auch die Diskussion um Ressourcenverbrauch und -nutzung, denn sie ist bereits in vollem Gange. Wenn die ersten Kunden nachfragen, was es denn so alles im Sortiment eines Augenoptikers an nachhaltigen Brillenmaterialen gibt, ist diese Diskussion auch vor Ort im Geschäft angekommen.

Auf der letzten großen Fachmesse in diesem Jahr waren es vor allem kleine Labels, die mit ihren Produkten aus reinen Bio-Materialen auffielen. Nicht immer neu, aber neu aufgelegt und jetzt auf jeden Fall zeitgemäß. 

Brillen und Etuis aus Kaffeesatz

Das kleine Label Ochis, ursprünglich aus der Ukraine kommend, demonstrierte beispielsweise, wie man Kaffeeprött anders nutzen kann. Nicht als Bio-Kompost, sondern als Basis für eine Brillenkollektion und den dazugehörigen Brillenetuis. Verwendet wurde anfangs der nicht mehr nutzbare Kaffeesatz aus verschiedenen Kiewer Kaffeehäusern, heute ist es eine Kaffeerösterei, die ihren Kaffesatz spendet. Zusammen mit natürlichen Ölen, Kräutern und anderen Zutaten, wird das Material zu Platten gepresst. So entsteht ein nachhaltiges Material. Durch den Fertigungsprozess wird es robust und wasserbeständig. Dann werden die Fassungsteile aus der Platte gefräst, von Hand poliert und zu Brillenfassungen weiterverarbeitet. Ein schwacher Kaffeegeruch ist in den ersten Monaten inklusive. 

Mit der Serie Ochis Tsvit (Blüte) ist eine Kollektion entstanden, die eine Hommage an die ukrainische Natur ist. Mit der Kombination von gebrauchtem Kaffeesatz und einheimischen ukrainischen Blumen möchte das Unternehmen die Schönheit des Landes Ukraine bewahren und darstellen. „Sonnenblumen stehen für unseren Willen (volya), Ringelblumen für unsere Stärke (syla) und Kornblumen symbolisieren unsere Schönheit (krasa). Mit Ochis Tsvit können Sie Ihre Blüte überall hin mitnehmen und ein Stück Ukraine in die Welt tragen“, heißt es vom Hersteller. 

3D-Druck mit Bohnen des Wunderbaumes

Nach den Resten der Kaffeebohne, jetzt zu den Früchten des Wunderbaumes oder auch bekannt als Rizinuspflanze. Eine erneute Nominierung für den Silmo D´Or kam von der Firma Rolf aus Österreich. Eine im 3D-Druck hergestellte Kinderbrille, ganz ohne Metallscharniere und Schrauben. Ausgangsmaterial ist ein Naturmaterial aus den Bohnen Wunderbaumes. Er kommt ursprünglich aus Nordost-Afrika und dem Nahen Osten, ist mittlerweile auch in Indien, Portugal und Spanien etabliert.

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Das Besondere: Der Wunderbaum wächst extrem schnell – bis zu sechs Meter in vier Monaten. Aus seinen Früchten wird ein Öl gewonnen, das zu einem Pulver weiterverarbeitet wird. Und das ist der Rohstoff für die Brillenfassungen. Das Material bringt verschiedene nachhaltige und funktionale Eigenschaften mit, die es den Herstellern ermöglichen, innovative Brillen auf Pflanzenbasis herzustellen. Auch andere Hersteller setzen auf das Material. So verwendet es unter anderem auch Neubau Eyewear für verschiedene Brillenmodelle. 

Holzkohlelook als Fashion Statement

Die Idee ist nicht ganz neu, bekommt jetzt aber in der Architektur in Sachen nachhaltiges Bauen gerade neuen Aufwind: geflammte Holzoberflächen. Die Firma Optik for Good zeigte ein paar Fassungen aus einer Kollektion, die bereits vor einigen Jahren schon einmal gezeigt wurde. Ist die Zeit jetzt auch in der Augenoptik reif dafür? 

Die Technik wird in Japan bereits seit Jahrhunderten eingesetzt. Man verbrennt die oberste Schicht des Holzes, wodurch die Oberfläche einen schwarzen Schimmer erhält. Durch den Einsatz von Feuer wird die Oberfläche witterungsbeständig.  

Plastik aus Meeresmüll

Hier wird Recycling vorgelebt: Plastik aus dem Meer wird gesammelt und wieder zu Brillen verarbeitet. Beispielsweise Teile von Fischernetzen, die später zu Granulat geschreddert und weiter verarbeitet werden. Es ist zwar nur ein winziger Teil der Kunststoffe, der sich in unseren Flüssen und Weltmeeren findet, aber das Sammeln schafft Arbeitsplätze und ein besseres Umweltbewusstsein vor Ort, wo der Abfall gesammelt wird. Gleich mehrere Firmen in unserer Branche haben das Meer und recycelte Materialen für sich entdeckt, so der Vorreiter in diesem Bereich Sea2see oder das Label O´Neill.

Material neu definiert: Muscheln, Stein, Kork & Co.

Gerade die Luxusgüterindustrie (z.B. Uhren) steht derzeit vor vielen Herausforderungen, darunter u.a. die Reduzierung des  Rohstoffverbrauchs und der Umweltbelastung. Neben Verfahren, die auf  herkömmlichen Industriematerialien (Metall, Keramik etc.) basieren, wird an biobasierten Materialien (Holz, Pflanzen etc.) und umweltschonenden Herstellungsverfahren geforscht. Das französische Unternehmen Sintermat zeigte auf der Silmo Paris Materialproben aus Austernschalen, Kork, Stein, Messingspänen – das Ganze kombiniert u.a. mit Acetat. Mit Blick in die Zukunft werden wir uns auf interessante Materialien in Brillen freuen können. 

Carbon und Co. Verbundstoffe – Hightech-Abfall 

Die Zukunft ist nicht nur Bio. Es darf auch ein wenig Hightech in Form von Verbundstoffen dabei sein. Wie in diesem Fall. Ist es natürlich? Eher Fehlanzeige. Nachhaltig? Schon eher. Dem Weiterverwerten von Hightech-Materialien hat sich unter anderem die Firma Lavoisier verschrieben. Vor allem ein Mix aus Kohlefaser-Abfällen und anderen Werkstoffen (Glas, Quarze, Carbon-Fasern) hat es dem französischen Unternehmen angetan. Aus Abfall, aus der Fertigung von Flugzeugen oder Windkraftanlagen, entstehen geschreddert oder nur formbearbeitet neue Produkte und Designs. Die Materialien sind jedenfalls Hingucker. Sie leuchten sogar unter UV-Licht. Wann geht wohl dem ersten Brillenhersteller ein Licht auf?

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