Der Refraktionsraum als Zukunftsraum
Wie moderne Screening-Systeme den Betrieb erweitern
Präzision ist in der Augenoptik längst mehr als Refraktion. Moderne Geräte erfassen heute Vorder- und Hinterabschnitt des Auges, liefern hochauflösende Bilddaten und schaffen die Grundlage für Screening-Angebote, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schienen. Parallel entstehen neue Software- und Plattformlösungen, die Auffälligkeiten per KI voranalysieren oder in Kooperation mit Augenärzten bewerten. Auf der Opti 2026 zeigte sich: Das Messen wird tiefer, vernetzter und strategisch immer relevanter.
Bon Optic: ICare Illume + Connect
ICare Illume ist ein Netzhaut-Screening-System, das die Schnittstelle zwischen Augenoptik und augenärztlicher Weiterleitung strukturiert. Grundlage ist eine KI-basierte Analyse retinaler Bilddaten, die Auffälligkeiten identifizieren und auf mögliche Frühzeichen von altersabhängiger Makuladegeneration, Glaukom oder diabetischer Retinopathie hinweisen kann. Ergänzt wird das System durch das Modul Connect, über das Berichte datenschutzkonform an kooperierende Augenärzte übermittelt werden können. Dort erfolgen die fachliche Einordnung sowie die Entscheidung über Dringlichkeit und Zeitpunkt einer weiterführenden Untersuchung. Der Austausch erfolgt in beide Richtungen zwischen Betrieb und Praxis und schafft einen klar definierten Ablauf für Screening, Befundkommunikation und mögliche Überweisung. Dies ist ein Ansatz, der Früherkennung stärker in bestehende Versorgungswege integriert.
DAO: Bildgebung modular gedacht
Mit dem OCTavius HOCT-1F von Huvitz steht ein bildgebendes System im Fokus, das optische Kohärenztomographie und Funduskamera in einem Gerät zusammenführt. Damit adressiert die Lösung Anwendungen in Screening, Dokumentation und erweiterter Vorsorge innerhalb der Augenoptik. Über optionale Module für Topographie, Biometrie und Angiographie lässt sich das System je nach betrieblichem Schwerpunkt erweitern und für unterschiedliche Analyseanforderungen anpassen. Der modulare Aufbau unterstützt damit einen ganzheitlicheren Blick auf vorderen und hinteren Augenabschnitt. Kennzeichnend sind die kompakte Bauweise sowie automatisierte Aufnahmeprozesse, die bei einfacher Bedienung hochauflösende Bilder und reproduzierbare Ergebnisse ermöglichen.
Eyetec: Screening als vernetztes System
Eyetec zeigt, wie stark sich moderne Screening-Konzepte aus Hardware, Bildgebung und KI-gestützter Auswertung verzahnen. Im Mittelpunkt steht die REVO-OCT-Familie, die optische Kohärenztomographie und Fundusfotografie in einem kompakten System bündelt. Durch hohe Messgeschwindigkeit, hochauflösende Scans und integriertes Eyetracking eignet sich die Plattform für standardisierte Screening- und Dokumentationsprozesse im augenoptischen Alltag. Ergänzt wird das Portfolio durch Ultraweitwinkel-Technologie, die mit wenigen Aufnahmen große Netzhautareale erfassen kann und damit den Blick auf periphere Auffälligkeiten erweitert. Hinzu kommt die Anbindung an KI-gestützte OCT-Analysen: Als Vertriebspartner von Altris AI integriert Eyetec eine Softwarelösung, die Biomarker und pathologische Veränderungen strukturiert auswertet, farbcodiert darstellt und Verlaufsdaten vergleichbar macht. Damit entsteht ein Systemansatz, bei dem Geräteplattform, Bildqualität und softwaregestützte Interpretation zunehmend zusammenwachsen – ein Entwicklungsschritt, der Screening in der Augenoptik weiter professionalisiert.
Oculus: Vom Tränenfilm bis zur Netzhaut
Oculus zeigte auf der Opti 2026, wie breit Screening heute in der Augenoptik aufgestellt sein kann – vom Trockenen Auge bis zur Netzhautaufnahme. Im Vordergrund steht der Keratograph 5M, der sich seit Jahren als zentrale Plattform für die Analyse des Tränenfilms etabliert hat. Neu hinzu kommt eine KI-gestützte Meibographie-Auswertung (Meibo AI), die strukturelle Veränderungen der Meibom-Drüsen standardisierter klassifizieren und damit die Beurteilung bei Dry-Eye-Patienten konsistenter machen soll. Nach DEWS III zählt die Meibographie heute zu den zentralen Verfahren der MGD-Beurteilung. Ergänzt wird dies durch den JENVIS Dry-Eye-Report, der Verlaufskontrollen und die Kommunikation im Beratungsprozess unterstützt.
Für das Netzhaut-Screening setzt Oculus auf das Nidek Retina Scan Duo 2, das Funduskamera und OCT in einem kompakten System vereint.
Die Verbindung aus Vorderabschnittsdiagnostik, Dry-Eye-Analyse und OCT-basierter Netzhautbildgebung zeigt exemplarisch, wie ganzheitlich moderne Mess- und Screeningkonzepte inzwischen im augenoptischen Betrieb gedacht werden.
Topcon: Strukturierte Dry-Eye-Analyse
Mit TERA stellt Topcon ein System vor, das moderne Placidoring-basierte Hornhaut-Topografie mit einer Dry Eye Suite vereint. Für Augenoptiker besonders relevant sind die intelligente Automatisierung mit automatischer One-Touch-Ausrichtung, -Fokussierung und -Aufnahme, die hochauflösende, reflexionsfreie Bildgebung sowie die Unterstützung eines nicht-invasiven Screenings der Augenoberfläche. Ergänzt wird dies durch Verfahren zur standardisierten Beurteilung und Dokumentation, darunter NIBUT, TMH, Lidschlaganalyse, Beurteilung der Lipidschicht, Meibografie sowie Fluorescein-Bildgebung. Darüber hinaus bietet TERA standardisierte Bewertungsskalen sowie flexible Berichts- und Review-Funktionen. Für den augenoptischen Einsatz ist insbesondere der Nutzen für Screening, strukturierte Befunderfassung und Verlaufskontrolle relevant.
Visionix: Präzision bis zur fertigen Brille
Messen endet nicht beim Auge – sondern reicht bis ins fertige Produkt: Mit dem VX 40 Pro rückt Visionix die messtechnische Qualitätssicherung der fertigen Brille in den Fokus. Das vollautomatische Wellenfront-Analysegerät ist für die abschließende Kontrolle optischer Parameter ausgelegt und prüft per Knopfdruck Werte wie Sphäre, Zylinder, Achse, Prisma sowie die Lage der optischen Mitte. Besonders relevant für den augenoptischen Alltag ist die 1:1-Darstellung der Messwerte, die eine direkte visuelle Zuordnung zu Glasbereichen ermöglicht. Auf Basis der Wellenfront-Technologie lassen sich auch progressive Gläser detailliert analysieren und ihre Wirkbereiche transparent nachvollziehen. Nach jedem Messvorgang erstellt das System automatisch einen Konformitätsbericht, der die dokumentierte Qualitätskontrolle unterstützt. Damit erweitert sich der Blick auf moderne Messtechnik um einen entscheidenden Aspekt: Nicht nur Screening und Diagnostik gewinnen an Präzision, sondern auch die objektive Prüfung der finalen Versorgung.
Vom Bild zur Interpretation
Mit der Aufnahme hochauflösender Daten endet modernes Screening längst nicht mehr. Zunehmend entscheidend ist die Frage, wie Bild- und Messdaten weiterverarbeitet, bewertet und in bestehende Versorgungswege eingebunden werden. Genau hier setzen Anbieter wie Ocumeda, Skleo, Epitop, Retinalyze und Mirantus an – mit unterschiedlichen Ansätzen zwischen KI-basierter Voranalyse, telemedizinischer Einbindung und strukturierter ärztlicher Kooperation. Für diese Übersicht hat FOCUS bei den Unternehmen gezielt nachgefragt, wie ihre Modelle aufgebaut sind, welche Rolle Geräteoffenheit spielt und wie die Rückmeldung in den augenoptischen Alltag integriert wird. Die folgenden Kurzporträts ordnen die Konzepte in komprimierter Form ein und schaffen einen Marktüberblick.
Epitop: Vernetzte Versorgung statt Einzeltool
Epitop positioniert sich weniger als klassischer KI-Screening-Anbieter denn als gestuftes Versorgungssystem. Der Ansatz reicht von KI-gestützten Beratungs- und Ersteinschätzungsmodulen bis hin zur vollständigen telemedizinischen Befundung durch Augenärzte. Ergänzt wird dies durch regionale Kooperationsstrukturen, die den direkten Austausch zwischen Augenoptik und Augenheilkunde unterstützen. Damit rückt weniger das Einzeltool als der gesamte Versorgungspfad in den Mittelpunkt.
Ansatz: Hybridmodell aus KI-Unterstützung, telemedizinischer ärztlicher Befundung und regionalem Ärztenetzwerk
Geräteanbindung: bewusst geräteoffen; Integration von Fundus, OCT, Vorderabschnitt und weiteren Messwerten
Auswertung: KI nur unterstützend, medizinische Bewertung ausschließlich ärztlich
Rückmeldung: eigenes Facharztnetzwerk, meist innerhalb von 8 bis 36 Stunden
Besonderheit: starker Fokus auf skalierbare Versorgungsstrukturen für Einzelbetriebe und Ketten. Offen, strategische Partnerschaft u.a. mit Rodenstock.
Mirantus: Teleophthalmologie als Qualitätsmodell
Mirantus positioniert sein Screening-Angebot klar als teleophthalmologische Expertenlösung. Im Mittelpunkt steht nicht die Analyse einzelner Netzhautbilder, sondern die fachärztliche Auswertung der Gesamtschau aller erhobenen Messdaten – von Visus und Refraktion über Augeninnendruck bis zu Fundus- und Spaltlampenaufnahmen. Damit grenzt sich das Unternehmen bewusst von KI-basierten oder auf wenige Pathologien fokussierten Modellen ab. Wichtig: Es ist kein reines Netzhautscreening, kein Fokus auf nur drei Veränderungen und keine „Validierung“ einer KI-Analyse
Ansatz: rein telemedizinische fachärztliche Auswertung, keine KI-Vorprüfung
Geräteanbindung: geräteoffen, breite Kompatibilität mit Funduskameras und nahtlosen Workflow-Schnittstellen
Auswertung: eigenes spezialisiertes Facharzt-Netzwerk mit definierten Qualitätsstandards
Rückmeldung: in der Regel innerhalb von 24 bis 48 Stunden
Besonderheit: Gesamtschau aller Messdaten inklusive Dringlichkeitsempfehlung für die Weiterleitung und starker Versorgungsanbindung bis in GKV-Strukturen. Offen, strategische Partnerschaft u.a. mit EssilorLuxottica und Apollo.
Ocumeda: Ärztliche Befundung ohne KI
Ocumeda verfolgt einen konsequent ärztlich geprägten Ansatz. Die Plattform setzt bewusst nicht auf KI, sondern auf die Auswertung aller Augen-Check-ups durch zugelassene Fachärzte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ergänzt wird dies durch ein strukturiertes Care Network, das die lokale Weiterleitung in die augenärztliche Versorgung unterstützt und bestehende Kooperationen von Augenoptikbetrieben einbindet. Da die Befundung somit eine ärztliche Leistung ist, kann sie z.B. in Deutschland nach der Gebührenordnung für Ärzte (GoÄ) abgerechnet werden. Nach Kenntnisstand des Anbieters sei dies in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal.
Ansatz: rein fachärztliche Befundung, kein KI-Einsatz
Geräteanbindung: technologieoffen und herstellerunabhängig, Unterstützung gängiger Funduskameras und Tonometer
Auswertung: Netzwerk aus über 30 zugelassenen Fachärzten nach definierten Screening-Standards
Rückmeldung: Ergebnisbericht in der Regel am nächsten Tag, mit Handlungsempfehlung
Besonderheit: starkes Care Network zur lokalen Weiterleitung und bereits breite Marktdurchdringung. Offen, strategische Partnerschaft u.a. mit Fielmann, Zeiss Vision Care hat 2025 10% Marktanteile erworben.
Retinalyze: Software-first und geräteoffen
Retinalyze steht in diesem Marktvergleich für einen klar softwarezentrierten Hybridansatz. Die Plattform kombiniert KI-basierte Screening-Algorithmen für Fundusbilder und OCT-Scans mit optionaler telemedizinischer Unterstützung durch Augenärzte. Damit verbindet das Modell automatisierte Voranalyse mit menschlicher Rückversicherung, ohne den Betrieben einen festen Versorgungsweg vorzugeben. Gerade die konsequente Geräteoffenheit macht den Ansatz für unterschiedlich aufgestellte Augenoptikbetriebe interessant.
Ansatz: Hybridmodell aus KI-Screening und optionalem augenärztlichem Backup
Geräteanbindung: offen; auf mehr als 60 Fundus- und OCT-Systeme kalibriert
Auswertung: KI-basiert, augenärztliche Rückversicherung über Partnernetzwerk oder lokale Fachärzte optional
Rückmeldung: augenärztliches Backup innerhalb von maximal 24 Stunden
Besonderheit: stark softwaregetriebenes, flexibel in bestehende lokale Arztkooperationen integrierbares Modell. Offen, verschiedene strategische Partnerschaften.
Skleo Health: Neutralität als Marktposition
Skleo Health stellt das Thema Unabhängigkeit ins Zentrum seines Screening-Modells. Das Unternehmen positioniert sich bewusst als neutrale Alternative zu den sich verdichtenden Industrie- und Filialisten-Ökosystemen. Technologisch setzt Skleo auf ein Hybridmodell aus CE-zertifizierter KI und verpflichtender augenärztlicher Validierung. Die breite Hardwarekompatibilität – von Funduskameras über OCT bis zu 6-in-1-Systemen – unterstreicht den strikt geräteoffenen Ansatz.
Ansatz: Hybridmodell aus KI-Voranalyse und verpflichtender fachärztlicher Validierung
Geräteanbindung: strikt geräteoffen, breite Kompatibilität mit gängigen Fundus- und OCT-Systemen
Auswertung: jeder Fall zusätzlich durch approbierte Fachärzte validiert
Rückmeldung: vertraglich innerhalb von 24 Stunden, aktuell im Schnitt etwa 4 Stunden
Besonderheit: klare Marktpositionierung über Neutralität, Compliance und offene Partnerstruktur. Offen, unabhängig, strategische Partnerschaft u.a. mit Hoya, seit Januar 2026.
Screening: Mehr als nur KI!
Telemedizin in der Augenoptik ist längst mehr als der digitale Versand eines Netzhautbildes, das belegt die Übersicht sehr deutlich. Der Markt zeigt, wie stark sich die Modelle ausdifferenzieren: Einige Anbieter setzen konsequent auf die rein fachärztliche Auswertung, andere auf KI-gestützte Voranalysen, viele wiederum auf hybride Systeme, die beide Ebenen je nach Betrieb, Workflow und Kundensituation kombinieren. Entscheidend ist dabei weniger die Frage „KI oder Arzt?“, sondern wie intelligent die Technologie in Beratung, Weiterleitung und Versorgung eingebettet wird.
Auffällig ist zudem, dass Screening-Angebote zunehmend über das klassische augenoptische Umfeld hinauswachsen. Kooperationen mit Filialisten, Krankenkassen oder fachfremden Partnern wie Drogeriemärkten zeigen, dass sich der erste Zugang zur Augenvorsorge strategisch verschiebt. Während Ocumeda die teleophthalmologische Befundung als GOÄ-fähige ärztliche Einzelleistung positioniert, zeigt Mirantus mit dem TK-Selektivvertrag, dass Telemedizin inzwischen auch in regulierte GKV-Versorgungsmodelle hineinwächst.
Für Augenoptiker wird damit nicht nur die technische Auswahl relevant, sondern auch die Frage, welche Rolle sie in diesen Versorgungsnetzwerken einnehmen wollen.











