EssilorLuxottica zu Smart Glasses
Marc Ortiz Ribas über Marktpotenzial, Design und Myopie – und die Frage, wann Smart Glasses den Massenmarkt erreichen
Am Rande der Switch-Veranstaltung Mitte April in Monaco sprach Marc Ortiz Ribas mit FOCUS über den aktuellen Stand des Smart-Glasses-Marktes, die wachsende Bedeutung von Ray-Ban Meta sowie die strategische Rolle von Design, Tragekomfort und Vertrieb. Der Globale Produkt- und Marketing-Chef für Wearables bei EssilorLuxottica erläutert, warum die Produktkategorie trotz starken Wachstums noch am Anfang steht, wie sich Nutzungs- und Kaufverhalten verändern und welche Rolle diese Produkte künftig bei der Myopie-Behandlung spielen könnten.

FOCUS: Smart Glasses sind inzwischen recht präsent. Haben Sie Schätzungen, wie viele Menschen in Europa bereits eine Ray-Ban Meta tragen oder zumindest am Kauf interessiert sind?
Ortiz Ribas: Konkrete Zahlen kann ich nicht nennen. Um Ihnen aber ein Gefühl für die Produktkategorie zu geben: Der Markt wächst. Die Resonanz der Verbraucher und die anhaltende Dynamik in diesem Segment stimmen uns sehr zuversichtlich. Die Nachfrage ist in allen Märkten hoch. Deshalb investieren wir weiter in das Produkterlebnis und den Ausbau unserer Produktionskapazitäten, um das Wachstum zu unterstützen. In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben wir intensiv an dem Produkt und unseren Produktionskapazitäten gearbeitet und beobachten eine starke Dynamik im Markt. Unser größter Markt sind derzeit die USA, wo neue Technologien häufig schneller angenommen werden. Aber wir sehen deutlich, dass Europa nachzieht. In den Märkten, in denen wir bereits gestartet sind – darunter befindet sich auch Deutschland –, ist die Dynamik groß.
FOCUS: Gibt es Unterschiede zwischen den Vertriebskanälen in den USA und in Europa?
Ortiz Ribas: Tatsächlich beobachten wir im Vertrieb sehr ähnliche Muster. Unsere eigenen Geschäfte entwickeln sich sehr gut, und auch der Onlinehandel ist ein wichtiger Vertriebskanal. Eine besonders positive Entwicklung ist der wachsende Beitrag unserer Augenoptikpartner. Er zeigt, dass Smart Glasses in der Augenoptik zunehmend angenommen werden. Diese Dynamik freut uns sehr.
FOCUS: Unsere Recherchen zeigen, dass etwa 80% der Ray-Ban Meta ohne Korrektionsgläser verkauft werden. Können Sie diese Zahl bestätigen?
Ortiz Ribas: Eine genaue Zahl möchte ich nicht nennen. Der Großteil unserer Verkäufe entfällt derzeit noch auf Sonnenbrillen, während der Anteil der Brillen mit Korrektion rasch wächst. Zu Beginn war dieser Anteil deutlich geringer; in den vergangenen Jahren hat er sich ungefähr verdoppelt. Wir beobachten zunehmend, dass Menschen ihre Brille den ganzen Tag tragen möchten. Genau deshalb haben wir Ray-Ban Meta Optical eingeführt: Wir wollen diesen Trend aktiv unterstützen. Uns geht es nicht nur darum, dass Menschen die Brille kaufen, sondern auch darum, dass sie sie möglichst häufig nutzen. Wer Korrektionsgläser trägt, nutzt seine Brille im Alltag naturgemäß häufiger. Deshalb konzentrieren wir uns gezielt darauf, Tragekomfort, Akkulaufzeit, Speicherfunktion und Alltagstauglichkeit zu verbessern. Bei den ersten Generationen war die Nutzungsdauer in manchen Arbeitssituationen noch eingeschränkt. Diese Hürden bauen wir Schritt für Schritt ab. Das verändert auch die Zahlen.
FOCUS: Bis zu welcher maximalen Korrektionsstärke sind Gläser für die Ray-Ban Meta Optical erhältlich?
Ortiz Ribas: Im optischen Bereich umfasst unser Sortiment alles von Einstärken- bis zu Gleitsichtgläsern. Damit können wir etwa 90% der Brillenträger versorgen. Je nach Glaskonfiguration sind Korrektionen bis etwa ±12 Dioptrien möglich.
FOCUS: Eine Studie des Vision Council aus dem vergangenen Jahr ergab, dass Smart Glasses häufig über Händler verkauft werden, die keine klassischen Augenoptiker sind. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ortiz Ribas: Das ist eine interessante Frage. Wir vertreiben das Produkt über unterschiedliche Kanäle, damit möglichst viele Verbraucher Zugang dazu haben und es kennenlernen können. Es ist wichtig, dass die Brille in verschiedenen Umgebungen sichtbar ist und Interessierte sie ausprobieren können. Viele Kunden interessieren sich für das Produkt, benötigen zunächst aber keine Korrektionsgläser. Gleichzeitig kann ein solcher Kauf später zusätzliches Geschäft für den Augenoptik-Fachhandel schaffen – beispielsweise wenn Korrektionsgläser oder weitere Dienstleistungen benötigt werden. Unser Ansatz ist deshalb, eine breite Sichtbarkeit sicherzustellen und zugleich Kunden zu unseren Augenoptikpartnern zu führen, insbesondere wenn es um die Sehkorrektion geht.
FOCUS: Wenn jemand die Brille außerhalb eines klassischen Augenoptikgeschäfts kauft – beispielsweise im Elektronikhandel –, kann dann jeder Augenoptiker später Korrektionsgläser einsetzen?
Ortiz Ribas: Wir gestalten die Versorgung mit Korrektionsgläsern zunehmend unkomplizierter. Verbraucher können die Brille über verschiedene Vertriebskanäle kaufen und sich anschließend für eine Versorgung mit Korrektionsgläsern an teilnehmende Augenoptikpartner wenden. Diese Verbindung zwischen intelligenten Brillen und augenoptischen Dienstleistungen weiter auszubauen, bleibt ein wichtiger Teil unserer Strategie.
FOCUS: Der Markt für Smart Glasses boomt gegenwärtig. Und das bedeutet natürlich auch, dass wir mehr Konkurrenzprodukte sehen werden, insbesondere auf Messen und Ausstellungen. Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Produkte von EssilorLuxottica relevant bleiben?
Ortiz Ribas: Wir freuen uns tatsächlich über Wettbewerb. Das sage ich nicht nur, weil es gut klingt (lacht), sondern weil Wettbewerb einem Markt hilft, schneller zu wachsen. Mehr Marken im Markt bedeuten mehr Aufmerksamkeit und treiben die gesamte Kategorie voran. Unsere Relevanz und Führungsposition sichern wir ab, indem wir uns auf das konzentrieren, was wir unserer Ansicht nach am besten können: gutes Design, hohen Tragekomfort und ein überzeugendes Produkterlebnis. Manche Wettbewerber machen beim Design Abstriche, andere beim Komfort. Wenn man aber einfach Technik in eine Brille packt und vergisst, dass sie bequem und attraktiv sein muss, wird es keine breite gesellschaftliche Akzeptanz geben. Unser Ansatz bleibt deshalb: Design, Komfort und eine reibungslose Zusammenarbeit mit unseren Partnern – insbesondere den augenoptischen Partnern.
FOCUS: Wann werden Smart Glasses Ihrer Meinung nach den Sprung in den Massenmarkt schaffen?
Ortiz Ribas: Meiner Ansicht nach stehen wir kurz davor. Wir beobachten aktuell eine starke Dynamik und glauben, dass Smart Glasses auf dem Weg zu einer breiteren Akzeptanz im Massenmarkt sind. Ich glaube, wir stehen auch an der Schwelle zu einer neuen Computerplattform. Zuerst gab es Desktop-Computer, dann Laptops, danach das Smartphone und später die Smartwatch. Keine dieser Plattformen hat die anderen vollständig ersetzt – aber jede hat unser Verhalten verändert. So sehen wir auch Smart Glasses. Sie werden das Smartphone nicht ersetzen; wer etwas anderes behauptet, ist meiner Meinung nach nicht realistisch genug. Aber in den kommenden Jahren werden sie unser Verhalten deutlich verändern. In drei Jahren werden Smart Glasses bereits ganz andere Dinge leisten können als heute. Entscheidend ist dabei die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Sobald die Nutzung wirklich nahtlos funktioniert und die Brille im Alltag durch Sprachbefehle, Assistenzfunktionen und das Verständnis des jeweiligen Kontexts spürbar hilft, wird das zur entscheidenden Anwendung – und dann werden wir den eigentlichen Durchbruch im Markt erleben.

FOCUS: Mich interessieren dennoch die Zahlen – einfach, um den Markt besser einschätzen zu können. Gibt es öffentlich zugängliche Zahlen oder Statistiken, die Sie nennen können?
Ortiz Ribas: Im Jahr 2025 lag das Marktvolumen bei ungefähr 1,1 Milliarden US-Dollar – und wir gehören zu den großen Akteuren in diesem Markt. EssilorLuxottica hat zudem veröffentlicht, dass allein 2025 mehr als sieben Millionen AI-Brillen verkauft wurden, darunter Ray-Ban Meta und Oakley Meta.
FOCUS: In den Informationen und Nachrichten der vergangenen Wochen ist uns noch eine Angabe zur Produktionskapazität in einer Größenordnung von 20 bis 30 Millionen aufgefallen.
Ortiz Ribas: Die Zahl von 7 Millionen haben wir öffentlich kommuniziert. Die Zahl von 20 bis 30 Millionen haben wir selbst nicht genannt. Dazu gibt es viele Gerüchte im Markt. Unsere Aussagen beziehen sich auf die erste Zahl. Klar ist aber: Wir bauen unsere Produktionskapazitäten aus. Schon diese Zahlen vermitteln einen guten Eindruck davon, wie groß der Markt heute ist. Gleichzeitig gibt es natürlich viele weitere Anbieter, deren Verkäufe darin nicht enthalten sind.
FOCUS: Welche Rolle spielen Smart Glasses heute und künftig im Myopie-Management?
Ortiz Ribas: Heute ist ihre Rolle noch nicht besonders groß, künftig könnte sie aber sehr wichtig werden. Je früher Menschen geeignete Brillengläser und Behandlungsansätze nutzen, desto besser lässt sich die Myopie-Progression kontrollieren. In Verbindung mit Smart Glasses könnte das einen entscheidenden Fortschritt bedeuten. Wir arbeiten als Unternehmen an Produkten, bei denen Smart Glasses künftig Erkenntnisse liefern könnten, die Augenoptikern und anderen Fachleuten helfen, die Einhaltung von Behandlungsplänen besser zu verstehen. Solche Daten könnten sie künftig dabei unterstützen, Therapien gezielter anzupassen. Kurz gesagt: Die Verbindung besteht heute bereits in Ansätzen, könnte langfristig aber gerade in diesem Bereich sehr bedeutsam werden.
FOCUS: Viele Menschen in Europa warten auf Smart Glasses mit Display. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs war die Meta Ray-Ban Display zunächst nur in den USA erhältlich. Welche Strategie verfolgen Sie bei der Einführung in weitere Märkte?
Ortiz Ribas: Wahrscheinlich haben Sie die Display-Produkte und Vorführungen bereits auf Veranstaltungen oder in Geschäften gesehen. Uns ist wichtig, die Innovationen zu zeigen, die wir gemeinsam mit Meta entwickeln. Gleichzeitig haben wir aus früheren Markteinführungen gelernt, dass es sinnvoll ist, zunächst in kleinem Rahmen zu starten. Deshalb sind wir anfangs nur in den USA und dort in einer begrenzten Zahl von Geschäften aktiv. Diese Produktkategorie ist zudem sehr komplex. Es geht nicht nur darum, das Produkt zu verkaufen, sondern den Menschen auch seine Nutzung näherzubringen. Dafür braucht es intensive Schulungen, Erklärungen und ein sorgfältig gestaltetes Kundenerlebnis. Genau das möchten wir zunächst erproben und optimieren, bevor wir weiter skalieren. Natürlich wollen wir das Produkt auch nach Europa und in andere Märkte bringen – vorerst lautet unsere Strategie aber: erst lernen, dann expandieren.
FOCUS: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was passiert, wenn der Akku verschlissen ist? Was macht man dann mit der smarten Brille?
Ortiz Ribas: Das ist eine gute Frage. Wir bewegen uns selbstverständlich vollständig im Rahmen der einschlägigen Vorschriften, insbesondere in der EU, und stehen dazu im laufenden Austausch mit politischen Entscheidungsträgern, Behörden und Regulierungsstellen. Wir überprüfen unsere Produkte kontinuierlich im Hinblick auf die sich weiterentwickelnden Vorschriften und die Erwartungen der Verbraucher. Selbstverständlich halten wir alle geltenden Anforderungen in den Märkten ein, in denen wir unsere Produkte verkaufen.
FOCUS: Das ist sicherlich ein wichtiges Thema, insbesondere bei Gleitsichtgläsern. Das ist schließlich eine erhebliche Investition. Und wenn der Akku altert, möchte man die Brille vielleicht noch etwas länger nutzen. Besonders bei niedrigen Temperaturen fällt das auf.
Ortiz Ribas: Kälte setzt Akkus generell zu – das gilt auch für Smartphones. Das soll keine Ausrede sein, aber in sehr kalter Umgebung verlieren viele Geräte deutlich schneller Energie. Die Produkte, die wir heute haben, sind allerdings wesentlich leistungsfähiger als die ersten beiden Generationen – selbst in sehr kalter Umgebung, etwa beim Skifahren. Das Nutzungserlebnis ist heute ein anderes als früher.
FOCUS: Herzlichen Dank für das Gespräch!



