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Fifteen minutes of f(r)ame

Lars Wandke blickt nach beinahe 20 Jahren in der Augenoptik nun von außen auf die Branche. Und zwar jeden Monat an dieser Stelle im FOCUS.

Meryl Streep. Sie kennen sie aus Filmen wie „Die ­Brücken am Fluss“, „Der Teufel trägt Prada“ oder „Mamma ­Miracoli!“. Sie ist zweifellos eine der bedeutendsten Schauspielerinnen unserer Zeit. Dreimal gewann sie den Oscar, achtmal den Golden Globe, einzig der Super Bowl blieb ihr bisher verwehrt. Sie kann praktisch alles spielen, ist so wandelbar wie hierzulande vielleicht nur ihr Kollege Markus Söder. Hollywood-Insider sagen über die Schauspielerin, sie wäre selbst dann noch die beste Wahl für eine Rolle, wenn es sich dabei um Batman handelt (Cameron Tucker in „Modern Family“, Staffel 1, Folge 2). 

Es gibt allerdings auch Zweifler. Stimmen, die meinen, es sei gar nicht so weit her mit ihrem Talent. Stimmen, die sagen, was Meryl Streep bis zur Perfektion beherrsche, sei nicht das Mimenspiel, nicht der Mummenschanz, sondern vor allem ein Requisit: ihre Brille. 

„Half of Meryl Streep’s acting is ‚glasses business‘“, so urteilte vor einigen Wochen die New York Times. Übersetzt heißt das: Ohne ihr Brillengefuchtel wäre sie nur eine halb so gute Schauspielerin. Für alle, die vielleicht nicht vertraut sind mit ihrer Arbeit: Eine halbe Meryl Streep entspricht ungefähr einer doppelten Uschi Glas. Oder: A quarter of Meryl Streep’s acting is Glases business, sozusagen. Aber wir kommen vom Thema ab.

Das Urteil der New York Times erscheint zunächst hart, dennoch ist was dran an der Beobachtung. Schauen Sie sich beispielsweise „Der Teufel trägt Prada“ an: Meryl Streeps Brille bewegt sich allein während der 109 Minuten mehr als Keanu Reeves Gesicht zwischen 1999 und 2019. In einer Szene geht das Gewese mit der Sehhilfe so weit, dass sich die Schauspielerin mit einem der Bügel minutenlang unter dem Kinn streichelt; es grenzt an ein Wunder, dass er nicht einklappt. Selten in der Geschichte des Films kam dem Reibungswiderstand eines Scharniers eine vergleichbar dramaturgische Bedeutung zu. Dem Zufall dürfte hier indes nichts überlassen worden sein, wir sind in Hollywood. 

So müssen wir davon ausgehen, dass sich am Set ein in Deutschland ausgebildeter Elite-Augenoptiker befand, erprobt in Krisenregionen wie dem verkaufsoffenen Sonntag und bewaffnet mit Schlitzklingen von 1,0 bis 2,3 mm, um der Streep bei Bedarf die Schrauben nachzuziehen. Auch die ­Vorauswahl der Fassung wird ein Experte vorgenommen ­haben. Ein Federscharnier hätte die Szene komplett ruiniert. 

Die New York Times listet viele weitere Filme und Szenen auf, in denen die Schauspielerin exzessiv mit ihrer Brille hantiert. Leider versäumte es das Blatt oder traute sich nicht, sie zu befragen, woher sie die Inspiration für ihr virtuoses Brillenspiel nahm. Dazu verliert der Artikel kein Wort. 

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Ich habe also selbst eingehend recherchiert, wobei unter „eingehend“ zu verstehen ist, dass ich geschaut habe, was meine Erinnerung spontan so hergibt und ob sich das Ergebnis mit der Google-Bildersuche deckt. Und siehe da: Meryl Streeps Kunstgriff könnte durchaus deutsche TV-Eltern ­haben. Tatsächlich wusste schon Richterin Barbara Salesch ihre Brille szenisch gekonnt durch Auf- und Absetzen einzusetzen. Und dem „Talk im Turm“-Fragensteller Erich Böhme wiederum baumelte die seine gar die kompletten 90er aus dem Mundwinkel wie ein Pfeifenersatz. Leider lieferten weder meine Erinnerung noch Google für die Zeit vor Böhme belastbare Ergebnisse, doch mir dünkt, in den 70er und 80ern sahen die Zuschauer nicht weniger zweckentfremdete Brillen vor den Nasen der Talk-Gäste herum mäandern. 

Warum ist das nicht mehr so? Man mag sich gar nicht ausmalen, was dieser Tage die richtige Fassung in den Händen von Eurer Eindringlichkeit, Markus Lanz, anrichten würde. Ihre Bügel würden seine Gäste vermutlich bis in den Schlaf verfolgen. 

Hält die Augenoptikerschaft ihm und dem Rest der Bevölkerung somit nicht etwas vor, wenn sie nicht auch dahingehend berät, wie sich Brillen theatralisch nutzen lassen? Sicher, die wenigsten von uns kommen im Leben auch nur annähernd auf ihre fifteen minutes of fame, – aber es gibt Elternabende, Mitarbeitergespräche, Museumsbesuche. Gelegenheiten genug also, dramatisch mit den Bügelenden auf irgendwas oder irgendwen zu zeigen. Und ist nicht der Gestus auch Teil des Stils? 

Autofahrerbrille, Bildschirmbrille, Sportbrille, alles olles Zeug. Was wir brauchen, um weiter zu wachsen, ist die Gestikulierbrille. Samt entsprechend fortgebildeter Stilberater. Denn hier ist quasi-ärztliches Einfühlungsvermögen gefragt, Anamnese an der Grenze zur Observation. Der Elite-Optiker, der die Fassung für „Der Teufel trägt Prada“ auswählte, konnte sich ebenfalls nicht nur mit dem Drehbuch befassen, er musste dies auch eingehend mit Meryl Streep tun. Man muss ran an den Klienten, ihn studieren. Welche Qualifikation sollten die Kollegen vor diesem Hintergrund aufweisen? Genügt hier ein „Stilberater (HWK)“? Eher nicht. Um der höheren Verantwortung gerecht zu werden, verfügen sie besser über einen Universitäts- oder Hochschulabschluss in Ostentation. 

Bis die entsprechenden Studiengänge in­stalliert und akkreditiert sind, braucht es natürlich noch etwas. Dann aber verspricht eine höher positionierte Stilberatung vermutlich Einnahmen, die selbst Keanu Reeves in Verzücken versetzen würden. 

Auch wenn er natürlich Schwierigkeiten hätte, es zu zeigen.

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