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Passt!: Augenoptik nach Maß

Bild: EvgeniyShkolenko / iStock

Individualität in der Augenoptik

Individualität beschreibt ein Grundbedürfnis: gesehen, verstanden und ernst genommen zu werden – mit den eigenen Anforderungen, Gewohnheiten und Lebensumständen. Gerade in einer Zeit, in der Produkte scheinbar überall verfügbar sind und Vergleiche nur einen Klick entfernt liegen, gewinnt die persönliche Anpassung an Bedeutung. Nicht das „eine Produkt für alle“, sondern die Lösung, die passt, entscheidet darüber,­ ob aus einem Kauf ein gutes Gefühl wird – oder nur ein weiterer Kompromiss.

Warum sind Verbraucher eher bereit, mehr Geld für personalisierte Produkte auszugeben? Individualität ist längst zu einem zentralen Wert unserer Gesellschaft geworden. Viele Menschen möchten sich nicht mit Standardlösungen zufriedengeben, sondern suchen nach Produkten, die zu ihren persönlichen Bedürfnissen, ihrem Stil und ihrem Alltag passen. Maßgeschneiderte Angebote versprechen genau das: Sie vermitteln das Gefühl, etwas Eigenes zu besitzen – und nicht nur eine beliebige Variante von der Stange.

Studien zeigen, dass solche personalisierten Produkte häufig als wertvoller wahrgenommen werden. Eine Untersuchung von Franke et al. (2010) kommt zu dem Ergebnis, dass Konsumenten individualisierte Lösungen nicht nur attraktiver finden, sondern ihnen auch einen höheren Nutzen zuschreiben. Gleichzeitig wächst die emotionale Bindung: Wer ein Produkt als „für mich gemacht“ empfindet, identifiziert sich stärker damit – und oft auch mit der Marke dahinter.

Hinzu kommt ein psychologischer Effekt, der über die reine Anpassung hinausgeht. Wenn Menschen das Gefühl haben, an der Entstehung oder Gestaltung beteiligt zu sein, steigt die Zufriedenheit mit dem Kauf deutlich. 

Gerade dort, wo Passgenauigkeit nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern der Präzision und des guten Sehens ist, bekommt Individualisierung eine besondere Bedeutung.

Bei Brillengläsern und Kontaktlinsen sind diese seit langem ein Thema. Durch das Zusammenspiel von neuster Messtechnik, modernster Fertigungstechnologie und dem Fachwissen des Augenoptikers entstehen so die neuen Maßanzüge für die Augen. 

Was ist individuell?

Der Begriff „individuell“ umfasst heute unterschiedliche technologische Ansätze. Einige Hersteller optimieren Gleitsichtgläser auf Basis großer Datenmengen aus Trage- und Nutzungsstudien. Andere setzen auf biometrische Präzisionsmessungen, bei denen zahlreiche anatomische Parameter des Auges in die Glasberechnung einfließen. Hinzu kommen klassische Individualfaktoren wie Fassungs- und Sitzparameter. Neuere Systeme erfassen das reale Seh- und Blickverhalten mittels VR- und Eye-Tracking-Technologie und erstellen daraus ein persönliches Sehprofil. Ergänzt wird dies durch anamnesebasierte Konzepte, bei denen Lebensstil und Sehgewohnheiten das Design beeinflussen.

Big-Data-basierte Individualisierung: Bei diesem Ansatz entstehen Gleitsichtgläser auf Basis umfangreicher Nutzer- und Tragedaten. Hunderttausende bis Millionen ausgewerteter Sehmuster fließen in die Designentwicklung ein. Das Ergebnis sind statistisch optimierte Gläser, die für möglichst viele Träger gut funktionieren, ohne das individuelle Sehverhalten einer einzelnen Person zu messen.

Biometrische Individualisierung: Hier stehen präzise Messdaten des einzelnen Auges im Fokus. Anatomische Parameter wie Augenlänge, Hornhautform oder Aberrationen werden hochauflösend erfasst und in die Glasberechnung integriert. Die Individualisierung bezieht sich auf die physiologischen Eigenschaften des Auges, nicht auf dessen tatsächliches Sehverhalten im Alltag.

Individualisierung über Trageparameter: Dieser Ansatz berücksichtigt die reale Position der Brille im Gesicht. Faktoren wie Scheibenwinkel, Vorneigung, Durchblickshöhe und Hornhautscheitelabstand beeinflussen die Berechnung der Gleitsichtgläser. Ziel ist es, die optische Wirkung optimal an die Fassung und deren Sitz anzupassen.

Verhaltensbasierte Individualisierung mittels VR und Eye-Tracking: Bei der verhaltensbasierten Individualisierung von Gleitsichtgläsern steht das tatsächliche Sehverhalten des Trägers im Mittelpunkt. Mithilfe einer VR-Brille mit integriertem Eye-Tracking wird der Kunde in eine virtuelle Sehumgebung versetzt, in der Blickbewegungen, Kopfhaltung und deren Zusammenspiel dynamisch erfasst werden. Die Analyse zeigt, wie intensiv einzelne Sehbereiche genutzt werden, wie häufig Entfernungswechsel stattfinden und wie sich Augen- und Kopfbewegungen verteilen.

Aus diesen dynamischen Daten entsteht ein individuelles Sehprofil, das direkt in das Glasdesign einfließt. Der Fokus liegt auf dem realen Sehverhalten statt auf statischen Messwerten. Der Ansatz unterscheidet sich grundlegend von klassischen Messverfahren, da er reale Nutzungsmuster abbildet und nicht allein auf statischen Messwerten oder statistischen Mittelwerten basiert.

Anamnesebasierte Individualisierung: Bei dieser Form der Anpassung spielen Sehgewohnheiten und Lebensstil eine zentrale Rolle. Angaben zu Leseverhalten, Bildschirmnutzung oder beruflichen Anforderungen bestimmen, welche Designvariante innerhalb einer Glasfamilie gewählt wird. Die Individualisierung erfolgt beratungs- statt nur messgetrieben.

Hierzu zählen Gleitsichtglasprofile, aus denen im Kundengespräch oder aufgrund des zugrundeliegenden Visus ausgewählt werden kann. Beispielweise: Wie empfindlich reagiert ein Kunde auf Aberrationen höherer Ordnung? Oder welches Gleitsichtglasprofil ergibt sich aufgrund der Lebensumstände?

Kategorie

Datenquelle

Individualität entsteht durch

Big Data

Große Anzahl von Nutzern

Statistik

Biometrie

Einzelnes Auge/Augenpaar

Anatomie

Trageparameter

Brille im Gesicht

Geometrie

VR / Eye-Tracking

Reales Sehverhalten

Bewegungsanalysen

Anamnese

Gespräch und Nutzung

Lebensstil

Individualisieren heißt Entscheiden

So vielfältig die Ansätze zur Individualisierung von Brillengläsern heute sind, so klar ist auch: Kein Augenoptiker kann – und muss – alle verfügbaren Kategorien gleichzeitig abbilden. In der Praxis entsteht Individualisierung stets aus einer bewussten Auswahl der Werkzeuge und Konzepte, die zum jeweiligen Geschäftsmodell, zur technischen Ausstattung und zur Zusammenarbeit mit bestimmten Herstellern passen.

Vor- und Nachteile individueller Sehprodukte

Vorteile:

  • Kompetenzzuwachs des Augenoptikers durch opti­male Versorgung der Kunden
  • Kommunikation von Produktvorteilen
  • sehr genaue Korrektionen
  • möglich hohe Spontanverträglichkeit von Gleitsichtgläsern und Kontaktlinsen
  • kurze Eingewöhnungsphase
  • größere nutzbare Sehbereiche und schärfere Sicht
  • besserer Verkauf von Produkten in höheren Preislagen
  • kontrastreicheres Sehen
  • präzise Fertigung mit geringen Toleranzen
  • besseres Farbsehen
  • schlanke Brillengläser, bzw. optimierte Randdicken

Nachteile:

  • Investitionskosten für den Augenoptiker in neue Messtechnik
  • zeitintensivere Beratung für den Kunden

Die wichtigsten klassischen Parameter bei Brillengläsern

  • Form und Größe der Fassung
  • Augenabstand für jedes Auge
  • monokulare PD
  • Durchblickshöhe des Auges durch das Brillenglas
  • Inset
  • Abstand zum Brillenglas (HSA)
  • Fassungsvorneigung
  • Durchbiegung der Brillenfassung
  • Glasstärken
  • Addition
  • Lesedistanz
  • Arbeitsabstand

In der Realität lassen sich diese Kategorien zudem nicht beliebig kombinieren. Nicht jedes Mess- oder Beratungssystem ist mit jedem Berechnungsansatz kompatibel, und nicht jede Technologie ergänzt sich sinnvoll mit einer anderen. Ein Betrieb, der stark auf VR-gestützte Beratung setzt, wird diese nicht zwangsläufig mit Big-Data-Modellen verknüpfen können. Ebenso ist es möglich, dass individuelle Trageparameter zwar erfasst werden, andere datenbasierte Ansätze jedoch bewusst außen vor bleiben – sei es aus technischen, wirtschaftlichen oder strategischen Gründen.

Individualisierung in der Augenoptik ist daher weniger eine Frage der maximalen technischen Ausstattung als vielmehr eine Frage der Gewichtung. Entscheidend ist nicht, wie viele Kategorien eingesetzt werden, sondern wie konsistent und verständlich sie in das Beratungskonzept eingebettet sind. Am Ende entsteht eine gute Glasempfehlung dort, wo Technologie und handwerkliche Kompetenz sinnvoll zusammengeführt werden – und wo der Augenoptiker die eingesetzten Instrumente sicher beherrscht und für den Kunden nachvollziehbar einsetzt.

Gute Menschenkenntnis und Beratung sind gefragt

Die zunehmende Differenzierung in Kategorien wie Big Data, Biometrie, Trageparameter, VR oder Eye-Tracking vermittelt auf den ersten Blick ein hohes Maß an technischer Präzision. Gleichzeitig birgt sie jedoch die Gefahr, Individualisierung vor allem als Summe von Technologien zu verstehen. In der Praxis zeigt sich, dass mehr Messdaten nicht immer automatisch zu besseren Sehergebnissen führen – insbesondere dann nicht, wenn sie außerhalb eines schlüssigen Beratungskonzepts stehen oder vom Kunden nicht nachvollzogen werden können.

Hinzu kommt: Je komplexer die technischen Möglichkeiten werden, desto größer wird auch die Abhängigkeit von herstellerspezifischen Systemen und Denkmodellen. Die Wahl bestimmter Kategorien ist damit häufig weniger eine freie Entscheidung als vielmehr eine Folge strategischer Partnerschaften und technischer Ökosysteme. Der Augenoptiker bewegt sich zunehmend innerhalb vorgegebener Strukturen – mit allen Chancen, aber auch mit klaren Grenzen.

Damit rückt eine alte Erkenntnis erneut in den Mittelpunkt: Technologie kann die Beratung unterstützen, sie aber nicht komplett ersetzen. Die entscheidende Instanz bleibt der Augenoptiker, der Messwerte einordnet, Prioritäten setzt und bestimmte Instrumente einsetzt. Individualisierung entsteht nicht allein durch maximale Datentiefe, sondern durch die Fähigkeit, aus vielen Möglichkeiten die richtige Auswahl zu treffen – für den jeweiligen Betrieb ebenso wie für den einzelnen Kunden. So wird am Ende ein glücklicher Kunde bereit sein, den Mehraufwand der Individualisierung auch finanziell zu honorieren, um dadruch ein für sich perfektes Seherlebnis zu erhalten.

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