Das neue Älter
Die Zielgruppe altert – ihr Altersbild nicht!
50, 60 oder 70 Jahre: Was früher relativ klare Vorstellungen über Lebensphase, Aktivitätsradius und vielleicht sogar angemessene Mode hervorrief, ist heute weit weniger eindeutig. Menschen in der zweiten Lebenshälfte arbeiten länger, treiben häufiger Sport, reisen, nutzen digitale Medien und entwickeln sehr unterschiedliche Lebensentwürfe. Nur eine Instanz zeigt sich vom gesellschaftlichen Wandel unbeeindruckt: das Auge.
Wann ist man eigentlich alt? Mit 50? Mit 60? Oder doch erst mit 70 oder darüber hinaus? Eine eindeutige Antwort darauf fällt heute schwerer als noch vor einigen Jahrzehnten. Dabei sind die Zahlen dieselben geblieben. 60 Jahre sind 60 Jahre. Was sich verändert hat, ist das Leben dahinter.
Wer heute die Kundengruppe 50plus betrachtet, blickt auf Menschen, deren Alltag und Selbstverständnis sich zum Teil deutlich von dem gleichaltriger Generationen vor 20 oder 30 Jahren unterscheiden. Das lässt sich nicht nur an subjektiven Eindrücken festmachen. Der Deutsche Alterssurvey (DEAS) des Deutschen Zentrums für Altersfragen begleitet den Wandel der Lebenssituationen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte seit 1996. Die bundesweit repräsentative Langzeitstudie untersucht Menschen ab 40 Jahren und erfasst unter anderem Erwerbstätigkeit, Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe, Freizeit, soziale Beziehungen und subjektives Wohlbefinden. Damit erlaubt sie genau jenen Blick über mehrere Jahrzehnte, der zeigt: Gleiches chronologisches Alter bedeutet nicht automatisch gleiche Lebenswirklichkeit.

Mehr Jahre – aber vor allem mehr Möglichkeiten
Ein sehr anschauliches Beispiel liefert die sportliche Aktivität. Bereits die DEAS-Auswertung aus dem Jahr 2014 zeigte, dass Menschen zwischen 40 und 85 Jahren häufiger Sport trieben als noch 1996. Besonders deutlich war die Entwicklung bei den Älteren. Unter den 78- bis 83-Jährigen waren zwischen 1996 und 2008 lediglich 11 bis 14% mehrmals pro Woche sportlich aktiv. 2014 waren es bereits 24%. Der Wandel war bei den über 60-Jährigen besonders ausgeprägt.
Auch das Erwerbsleben reicht heute weiter in höhere Altersgruppen hinein. Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren 2025 rund 68% der 60- bis 64-Jährigen erwerbstätig. Zehn Jahre zuvor waren es erst 53%. Selbst bei den 65- bis 69-Jährigen stieg der Anteil der Erwerbstätigen in diesem Zeitraum von 14 auf 23%.
Damit verändert sich zugleich auch der visuelle Alltag. Menschen jenseits der 60 verbringen möglicherweise weiterhin viele Stunden am Arbeitsplatz, wechseln zwischen Bildschirm, Smartphone, Besprechungsraum und Straßenverkehr. Andere genießen ihren Ruhestand, reisen, fahren Fahrrad, betreuen Enkel, engagieren sich ehrenamtlich oder widmen sich intensiv ihren Hobbys. Alter allein beschreibt deshalb immer schlechter, welche Sehentfernungen und welche Sehsituationen im Alltag tatsächlich relevant sind.
Der Neunte Altersbericht der Bundesregierung unterstreicht diese Heterogenität. Rund 18,7 Millionen Menschen ab 65 Jahren leben derzeit in Deutschland – eine Bevölkerungsgruppe mit sehr unterschiedlichen Lebenssituationen, Ressourcen, Möglichkeiten und Teilhabechancen. Von „den Älteren“ als einheitlicher Gruppe zu sprechen, passt daher nicht.
Digitales Zeitalter
Vielleicht zeigt sich der Wandel nirgendwo so deutlich wie in der Digitalisierung. Von den 65- bis 74-Jährigen hatten 2025 bereits 90% das Internet zumindest einmal genutzt. Auch soziale Medien sind längst nicht mehr ausschließlich Sache der Jungen. Zwar bestehen deutliche Altersunterschiede, doch gerade bei den Älteren nimmt die Nutzung zu. Unter den 65- bis 74-Jährigen stieg der Anteil der aktiven Social-Media-Nutzer von 15% im Jahr 2021 auf 25% im Jahr 2025. Bei den 55- bis 64-Jährigen erhöhte er sich im gleichen Zeitraum von 29 auf 42%.
Für die Modebranche – und damit auch für die Brillenmode – ist das nicht nebensächlich. Wer Inspiration über Webseiten, soziale Netzwerke, Onlineshops oder digitale Medien erhält, begegnet permanent neuen Looks, Farben und Formen.
Das klassische Bild gerät damit ins Wanken. Eine 65-jährige Frau muss heute weder ähnlich leben noch ähnlich aussehen wollen wie eine andere 65-Jährige. Und schon gar nicht wie eine 65-Jährige im Jahr 1996.

Mode kennt kein Geburtsdatum …
Genau hier liegt eine große Chance für die Augenoptik. Denn Brillen gehören zu den wenigen medizinisch notwendigen Produkten, die zugleich unmittelbar Mode und Persönlichkeit transportieren. Eine Fassung sitzt mitten im Gesicht. Sie kann zurücktreten oder zum Statement werden, jünger wirken, strenger, extravaganter oder intellektueller. Wer Mode nicht mehr entlang starrer Altersgrenzen denkt, wird auch bei der Brille weniger bereit sein, eine vermeintlich „vernünftige“ Lösung allein deshalb zu akzeptieren, weil das Geburtsdatum eine bestimmte Zahl zeigt.
Die Generationen 50 plus, 60 plus und zunehmend auch 70 plus treffen damit auf eine Brillenmode, die ihnen eine enorme gestalterische Vielfalt anbietet. Kleine, geometrische Formen stehen neben üppigen Acetatfassungen, Pantobrillen neben filigranen Metallmodellen, transparente Töne neben kräftigen Farben. Was getragen werden darf, entscheidet immer weniger das Alter.
Nun ja – fast immer weniger.
Denn während sich gesellschaftliche Vorstellungen von Alter innerhalb weniger Jahrzehnte verändern können, folgt die Biologie einem deutlich beharrlicheren Zeitplan.
… aber die Augenlinse kennt keinen Lifestyle
Man kann mit 60 beruflich durchstarten, mit 70 um die Welt reisen oder mit 75 das Rennrad besteigen. Die Augenlinse beeindruckt das wenig.
Mit zunehmendem Alter verändert sich unser Sehen – die Presbyopie betrifft dabei früher oder später fast jeden. Im Zentrum steht die mit zunehmendem Alter veränderte Biomechanik der Augenlinse. Neuere Forschung zeigt zugleich, dass die Akkommodation komplexer ist als die lange vereinfachte Vorstellung einer schlicht „starr gewordenen Linse“. Auch geometrische Veränderungen im Zusammenspiel von Linse, Zonulafasern, Ziliarmuskel und umgebenden Strukturen spielen eine Rolle. Interessanterweise scheint der Ziliarmuskel seine grundsätzliche Kontraktionsfähigkeit weitgehend zu behalten; eingeschränkt wird vielmehr die Beweglichkeit des Gesamtsystems.
Damit entsteht ein leider sehr bemerkenswerter Gegensatz: Das gesellschaftliche Alter hat sich verändert – das biologische Auge hält sich weiterhin an seine eigenen Regeln.
Und hier wird aus dem Thema über Altersbilder ein augenoptisches Thema.

Brillenmode und Gleitsicht
Für viele Brillenträger ist das Gleitsichtglas dafür meist der Goldstandard und die zuverlässigste Alltagslösung.
Doch ein progressives Brillenglas benötigt Raum. Fernbereich, Progressionszone und Nahbereich müssen innerhalb der verfügbaren Scheibenhöhe sinnvoll angeordnet werden. Fassungsform, Einschleifhöhe, Pupillendistanz, Vorneigung, Hornhautscheitelabstand und Fassungsscheibenwinkel gehören damit nicht nur zur Zentriertechnik, sondern können unmittelbar beeinflussen, wie gut eine modisch gewünschte Fassung mit dem ausgewählten Glasdesign harmoniert.
Natürlich bedeutet es nicht, dass sich kleine Fassungen und Gleitsicht grundsätzlich ausschließen. Wer sich an die 90er Jahre erinnert: Es wurde in die schmalsten Fassungen ein Gleitsichtgas mit ultrakurzer Progression reingequetscht. So mancher Augenoptiker hat dabei selbst in die Trickkiste des technisch Machbaren gegriffen. Auch heute bieten moderne Glasdesigns, unterschiedliche Progressionslängen, Short-Corridor-Varianten und individuell berechnete Flächen Spielraum bei modischen Extravaganzen. Dennoch lässt sich die Physik nicht vollständig überlisten: Je weniger vertikaler Raum zur Verfügung steht, desto anspruchsvoller wird es, ausreichend große und komfortabel nutzbare Sehbereiche für die Ferne, Zwischenentfernung und Nähe unterzubringen.
Aus der scheinbar einfachen Modeentscheidung wird deshalb eine Beratungsfrage. Nicht: „Für Ihr Alter ist diese Fassung ungeeignet.“ Sondern: „Welche Sehansprüche haben Sie – und lässt sich diese Fassung mit dem dafür optimalen Glas sinnvoll kombinieren?“
Das ist ein wesentlicher Unterschied. Denn die erste Aussage orientiert sich am Geburtsdatum, die zweite am Menschen.
Die passende Brille für den tatsächlichen Alltag
Gerade für moderne Presbyope wird deshalb die Bedarfsanalyse wichtiger. Welche Rolle spielt der Computer? Wie häufig wird das Smartphone genutzt? Wird viel Auto gefahren? Gibt es lange Arbeitstage, sportliche Aktivitäten oder besondere Hobbys? Welche Sehentfernung ist entscheidend – und wann wird die Brille möglicherweise sogar als störend empfunden?
Ein Mensch kann im gleichen Alter völlig unterschiedliche Anforderungen haben. Der eine benötigt vor allem große Zwischenbereiche für zwei Monitore, die andere möchte beim Golfen oder Radfahren möglichst uneingeschränkt in die Ferne sehen. Wieder jemand anderes liest stundenlang, arbeitet handwerklich oder wechselt permanent zwischen Gesprächspartner, Tablet und Raum.
Und es muss nicht immer die Gleitsichtbrille sein
Auch Kontaktlinsen gehören in diese Überlegung. Multifokale Kontaktlinsen, sogar Monovision oder unterschiedliche Kombinationen aus Kontaktlinse und zusätzlicher Brille können Presbyopen je nach Sehanspruch Alternativen oder Ergänzungen zur Gleitsichtbrille bieten.
Gerade hier passt die Entwicklung der Lebenswelten zu einer Beratung, die nicht (mehr) in Kategorien denkt. Ein Kunde kann seine Gleitsichtbrille im Arbeitsalltag bevorzugen und beim Sport Kontaktlinsen tragen. Eine Kundin möchte vielleicht eine besonders kleine Sonnenbrille oder eine modische Fassung nutzen, die sich mit ihrer bevorzugten Gleitsichtlösung nur schwierig kombinieren lässt. Eine multifokale Kontaktlinse kann dann Teil eines Versorgungskonzepts sein – ohne dass daraus zwingend ein Entweder-Oder wird.
Im Idealfall gleiten langjährige Kontaktlinsenträger nahtlos von der Einstärkenlinse in ein Multifokalsystem und durchlaufen dabei einen harmonischen Anpassungsprozess von niedrigen bis zu höheren Additionen.
Ob die heutigen 50- oder 60-Jährigen grundsätzlich experimentierfreudiger mit Kontaktlinsen sind als frühere Generationen, lässt sich daraus nicht automatisch ableiten. Wohl aber, dass ein vielfältigerer Alltag auch vielfältigere Korrektionsoptionen attraktiv macht. Und nicht zuletzt hat sich das Angebot bei den multifokalen Kontaktlinsen enorm vergrößert.
Nicht altersgerecht, sondern lebensgerecht
So liegt möglicherweise genau darin eine der größten Veränderungen im Umgang mit Presbyopie: Nicht nur eine Sehhilfe muss sämtliche Anforderungen erfüllen, sondern eine Reihe von Angeboten.
Für die Augenoptik ergibt sich daraus ein interessantes Paradox. Auf der einen Seite verlieren klassische Altersbilder an Bedeutung. Menschen bleiben länger beruflich, gesellschaftlich und digital aktiv. Mode wird heute weniger entlang einer Grenze zwischen „jung“ und „alt“ gedacht. Auf der anderen Seite bleibt die Presbyopie ein nahezu unausweichlicher Begleiter des Älterwerdens.
Vielleicht ist deshalb gerade diese Zielgruppe ein gutes Beispiel dafür, warum moderne Augenoptik mehr leisten muss als die Korrektion eines Refraktionsfehlers.
Denn 50, 60 oder 70 sind am Ende zunächst nur Zahlen. Die Presbyopie mag sich daran orientieren. Gute Beratung sollte es nicht.
50-60-70plus in Zahlen
68% der 60- bis 64-Jährigen waren 2025 erwerbstätig. Zehn Jahre zuvor waren es erst 53%. Selbst bei den 65- bis 69-Jährigen stieg die Erwerbstätigenquote von 14 auf 23%.
Quelle: Statistisches Bundesamt, 2026
24% der 78- bis 83-Jährigen trieben 2014 mehrmals pro Woche Sport. In den Jahren 1996 bis 2008 lag der Anteil in dieser Altersgruppe lediglich zwischen 11 und 14%.
Quelle: Deutscher Alterssurvey, DZA
68% der 65- bis 74-Jährigen hatten schon einmal Waren oder Dienstleistungen online gekauft. 65% informierten sich im Netz über Produkte und Dienstleistungen.
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis): Erwerbstätigkeit älterer Menschen, 2026 (Datenstand 2025)
42% der 55- bis 64-Jährigen nutzten 2025 soziale Medien. 2021 waren es erst 29%. Bei den 65- bis 74-Jährigen stieg der Anteil im selben Zeitraum von 15 auf 25%.
Quelle: Statistisches Bundesamt, 2026
18,7 Millionen Menschen ab 65 Jahren leben in Deutschland.
Quelle: Neunter Altersbericht der Bundesregierung, 2025
Quellen: Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA): Deutscher Alterssurvey (DEAS), Erhebungswellen 1996–2023. Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA): Deutscher Alterssurvey 2014 – zentrale Befunde / sportliche Aktivität im höheren Lebensalter. Statistisches Bundesamt (Destatis): Erwerbstätigkeit älterer Menschen, Datenstand 2025/2026. Statistisches Bundesamt (Destatis): Internetnutzung und Onlinekäufe nach Altersgruppen, Datenstand 2025. Statistisches Bundesamt (Destatis): Nutzung sozialer Medien nach Altersgruppen, 2021–2025. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Neunter Altersbericht der Bundesregierung – Alt werden in Deutschland, 2025. Wolffsohn, J. S.; Davies, L. N.; Sheppard, A. L.: New insights in presbyopia: impact of correction strategies, wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Presbyopie und ihren Korrektionsmöglichkeiten. Aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Biomechanik der Akkommodation und Presbyopie, insbesondere zu Linse, Ziliarmuskel und Zonulafasern. Wissenschaftliche Fachliteratur zu Progressivgläsern, Progressionszonen und Mindestanpasshöhen sowie zu Short-Corridor-Designs. Wissenschaftliche Fachliteratur zu multifokalen Kontaktlinsen, Monovision und kombinierten Korrektionsstrategien bei Presbyopie.


