Anzeige
CooperVision (Banner)

Zusammenhalt

16.08.2021

Was die Menschen in den vergangenen Wochen in der Flutkatastrophe erleben mussten, sprengt für viele die Vorstellungskraft. Betroffen sind auch zahlreiche Augenoptikgeschäfte. Am Vormittag schien es noch ein normaler, wenngleich regenreicher Tag zu werden. Am Nachmittag jedoch kündigten mancherorts unscheinbare Rinnsale, die über die Straßen liefen, die drohende Katastrophe an. Mancher schloss das Geschäft vorzeitig noch im guten Glauben, es werde schon nicht so schlimm werden. Was sich am nächsten Morgen jedoch darbot, war für viele kaum in Worte zu fassen. Binnen ­weniger Stunden wurden Straßen und Häuserzeilen in Trümmerfelder verwandelt. 

Die gewaltige Wucht des Wassers hat kaum Brauchbares zurückgelassen. Ich habe mir in Stolberg (Rhld.) ein Bild davon gemacht. Das Zentrum der 56.000-Einwohner-Stadt bei ­Aachen ist komplett zerstört. Von der historischen Altstadt unterhalb der mächtigen Burg bis ans Ende der Haupteinkaufsstraße blieb kein Geschäft verschont. Als sei eine gewaltige Abrissbirne durch die Hauptader der Stadt gefegt. Zwei Wochen nach der Katastrophe gaffen noch immer die leeren fensterlosen Geschäfte wie ausgenagte Skelette die wenigen Passanten an. Immer noch türmt sich Schutt. Der Straßenbelag gleicht dem Boden eines steinigen Flussbetts.

Auch die Augenoptiker in der Innenstadt und weiter flussaufwärts haben ihre Geschäfte verloren. Die Möbel wurden durch die Wassermassen durch die Geschäftsräume geschoben, Schlamm in die noch so kleinste Ritze gedrückt. Die Fensterscheiben geborsten durch umherwirbelnde Autos, Pflanzkübel und Trümmer. Die Industriewerke flussaufwärts verunreinigten das Wasser zusätzlich mit wer-weiß-was für Chemikalien und Industrieölen. 

Schon die Bestandsaufnahme gestaltet sich schwierig. In all dem Dreck und Chaos herauszufinden, was noch zu retten ist, wird zur Geduldsprobe. Die Schubladen in der Werkstatt derart aufgequollen, dass sie sich nur mit einem Brecheisen öffnen lassen, um darin ebenso Schlamm und Dreck zu finden. Das Brillenglaslager unbrauchbar durch vermatschte und verklebte Papiertüten und Schlammwasser, das auf den Kunststoffoberflächen klebt. Die Empfangstheke, die sich samt Kasseneinheit plötzlich im Refraktionsraum wiederfindet. Brillenständer, Geräte, PC, Keratograph durch den Raum geschleudert, die Refraktionseinheit zerstört.   

Anzeige
Essilor (Banner)

Baut man sein Geschäft wieder auf in einer Innenstadt, die praktische nicht mehr existiert? In einem Umfeld, das ­Monate, wenn nicht Jahre brauchen wird, um wieder annähernd so etwas wie städtisches Leben zu ermöglichen? Schon jetzt spricht sich herum: Viele Ladenbesitzer geben auf und werden ihr Geschäft nicht wieder eröffnen. Daran kann vermutlich auch nicht der eindringliche Appell des Bürgermeisters und der Besuch des NRW-Ministerpräsidenten und des Bundesfinanzministers zwei Wochen nach der Zerstörung etwas ändern.

In all der Verzweiflung gab es jedoch auch Lichtblicke. Die enorme Spendenbereitschaft hat viele Betroffene überwältigt. Auch in unserer Branche gab es zahlreiche Hilfsangebote. Zunächst von Augenoptikbetrieben aus benachbarten Ortschaften, die mehr Glück hatten. So wurde die Nutzung der Refraktionsräume oder gleich die gesamten Geschäftsräume zur Beratung der Kunden angeboten. Andere spendeten Geräte und Instrumente. Auch Kunden packten mit an, schaufelten Schlamm und Dreck und halfen in der ersten großen Not. 

In den Landesinnungen wurde rasch Hilfe gebündelt. Sie konnten als Ansprechpartner Hilfesuchende und Spenden unbürokratisch zusammenführen. Sie kanalisierten die ­Angebote und Hilfe, auch wenn es ohne funktionierende Telefonleitungen und aufgrund fehlender Stromversorgung insbesondere am Anfang nicht leicht war. Zahlreiche Firmen reagierten prompt mit Hilfe und Preisnachlässen für die ­Betroffenen (Seite 8).

In Stolberg geht es für einige der Augenoptikbetriebe ­weiter. In einem Fall wird das Geschäft außerhalb des Ortskerns provisorisch wieder binnen vier Wochen aufgebaut werden. In wenigen Tagen wurden Geschäftsräume, Einrichtung und Geräte organisiert. Die Motivation ist trotz allem groß – und die Kunden warten schon. So sieht Zusammenhalt aus!

Anzeige
CooperVision (Banner)

Ähnliche Beiträge

  • Weil es Liebe ist…

    Vielleicht ist es die einzigartige Mischung aus Handwerk, Verkauf und Gesundheitsleistungen, die unseren Beruf so unwiderstehlich macht.

  • Das Ende einer Ehe

    Alles hatte so gut angefangen. Da hing der Himmel noch voller Geigen. Die Beziehung war noch jung und man blickte in eine gemeinsame, strahlende und hoffnungsvolle Zukunft. Alles wollte man sich teilen. Einfach alles. Quasi Fifty-Fifty machen, mit einem Brillenangebot, das ­unwiderstehlich ist. So lief es über Jahre, doch das Feuer der ersten Liebe kühlte nach und nach ab.

  • Fach | mes | se, die

    Nun findet sie also statt – unsere große Fachmesse der Branche. Die Opti wird nicht ganz so groß ­werden, wie viele gehofft haben, nicht mit der gewohnten Selbstverständlichkeit, nicht mit der üblichen ­Ausstellerbesetzung und nicht zur gewohnten Zeit.

  • Haltung zeigen

    Was hat morgen noch Bestand von dem, was wir heute­­ tun, wie wir heute leben und arbeiten? Angesichts multipler globaler Krisen, sozialer Spannungen und ausgereizter ökologischer Grenzen gerät auch das herkömmliche, wachstumsgetriebene Wohlstandsmodell zunehmend ins Wanken. Wird es langfristig durch etwas Neues ersetzt?

  • Von der Brille zur Vorsorge

    Die Augenoptik steht an einem Wendepunkt. Jahrzehntelang war sie vor allem eines: die Versorgung mit Brillen. Doch die Anforderungen der Gesellschaft, die demografische Entwicklung und ganz besonders auch die technologischen Möglichkeiten verändern das Berufsbild mitunter grundlegend.

  • Geht nicht

    Das geht doch nicht! Das kann man doch nicht machen! Warum sind wir eigentlich ein Land geworden, in dem gleich wenn eine neue Idee aufkommt, immer erst sondiert wird, wie man etwas verhindern kann, anstatt sich einzulassen auf Neues?