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Der verschwommene Morgenblick

Bild: antuanetto/stock.adobe

Refraktion am Morgen:
ein unterschätzter Einflussfaktor

Nach dem Aufwachen sehen viele Menschen kurzzeitig unscharf. Dahinter steckt eine anatomische Eigenart des Auges. Während der Nacht verändert sich die Hornhautstruktur messbar – mit spürbaren Folgen für die Sehleistung am Morgen. Das sollte bei Refraktionsterminen, die am frühen Morgen stattfinden, zumindest in Betracht gezogen werden.

Wenn nach dem Schlaf der Blick zunächst unscharf erscheint, liegt dies an der Flüssigkeitseinlagerung in der Hornhaut. Die geschlossene Lidstellung führt während der Nacht zu einer leichten Hypoxie des Hornhautgewebes. Dadurch verändert sich der Stoff­wechsel in Epithel und Stroma, was eine transiente Ödematisierung nach sich zieht.

So weit so bekannt. Der australische Optometrist und Kontaktlinsenforscher Nathan Efron hat diesen Effekt (neben anderen Forschern) genauer untersucht und Messungen durchgeführt. Diese zeigen, dass die zentrale Hornhautdicke in den ersten Stunden nach dem Erwachen um etwa 4 bis 6% höher liegt als am Tag. Der Flüssigkeitseinstrom erfolgt vor allem über das Stroma, während die Epithelschicht ihre Barri­erefunktion nur teilweise aufrechterhält. Infolge dieser minimalen Verdickung kommt es zu einer vorübergehenden Zunahme der Brechkraft um bis zu 0,25 bis 0,50 dpt – das Auge verhält sich also kurzfristig myoper.

Mit dem Öffnen der Augen und dem Einsetzen der Tränenfilmzirkulation wird Sauerstoff aus der Umgebungsluft wieder in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt. Innerhalb von 15 bis 30 Minuten normalisieren sich Hydratationsgrad, Ionenhaushalt und Hornhautdicke wieder.

Für eine möglichst reproduzierbare refraktive Bestimmung empfiehlt es sich daher, zwischen dem Aufstehen und der Messung einen ausreichenden zeitlichen Abstand einzuplanen. In der Praxis gilt eine Wartezeit von mindestens 30 Minuten, besser jedoch eine von bis zwei Stunden, als sinnvoll.

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Hornhaut-Ödem in Zahlen

  • Dicke der Hornhaut: ca. 0,55 mm (Durchschnitt) 
  • Wassergehalt: ca.78% (Stroma bis zu 80%)
  • Sauerstoffversorgung: offenes Auge 155 mmHG,
    geschlossen 55 mmHG, KL(Hydrogel) < 20 mmHG möglich
  • Flüssigkeitszunahme nach der Nacht bei geschlossenem Lid: 4–6%
  • Zeit bis zur Normalisierung: 15–30 Minuten 
  • Vollständige Rückbildung 60–90 Minuten
  • Veränderung der Brechkraft durch Nachtödem: etwa 0,25–0,50 dpt

Bei Kontaktlinsenträgern genau hinschauen

Besonders relevant ist dieser Effekt bei Kontaktlinsenträgern. Kontaktlinsen reduzieren die Sauerstoffversorgung der Hornhaut zusätzlich, insbesondere bei geschlossenem Auge. 

Hydrogellinsen mit niedriger Sauerstofftransmissibilität (niedrigem Dk/t-Wert) führen zu einer deutlich stärkeren stromalen Hydratationszunahme als moderne Silikonhydrogelmaterialien. Auch dickere Linsen, höhere Plusstärken und nicht optimal sitzende formstabile Linsen mit geringer Tränenaustauschrate können den Effekt verstärken. Bei therapeutischen Verbandlinsen oder verlängerten Tragezeiten kann die morgendliche Hornhautschwellung sogar über den physiologischen Bereich hinausgehen. Auch eine asymmetrische Schlafposition – etwa auf einem Auge liegend – kann dies monokular erhöhen.

Neben Kontaktlinsen können auch systemische und lokale Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Besonders relevant sind dabei Zustände mit reduzierter Sauerstoffversorgung, etwa bei Schlafapnoe, sowie Medikamente, die den Flüssigkeitshaushalt oder die Endothelfunktion beeinflussen. Hierzu gehören beispielsweise bestimmte Antiglaukomatosa, insbesondere Carboanhydrasehemmer, sowie Präparate, die den Elektrolythaushalt verändern.

Für die augenoptische Praxis bedeutet dies: Refraktive Messungen sollten möglichst unter stabilen physiologischen Bedingungen erfolgen. Eine Messung unmittelbar nach dem Aufstehen kann zu einer leichten Überkorrektion führen, insbesondere bei empfindlichen Kunden oder bei Kontaktlinsenträgern. Der „Morgenblick“ ist somit nicht nur ein subjektives Phänomen, sondern ein messbarer physiologischer Zustand mit direkter Relevanz für die Bestimmung der optimalen Korrektion.

Quellen: Efron N. Contact Lens Practice (Elsevier, 2023); Holden et al. Corneal swelling response to sleep, Investigative Ophthalmology & Visual Science (1984); McMonnies C.W. Morning blur: causes and clinical significance, Clinical and Experimental Optometry (2016).

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