Low Vision bei Kindern
Worauf es wirklich ankommt
Wie gelingt eine Low-Vision-Versorgung, die Kinder nicht überfordert, sondern begeistert? Christoph Wagner, Augenoptikermeister und Inhaber Optik & Akustik Mudrack in Völklingen, erklärt im Interview, worauf es bei der Versorgung von Kindern ankommt. Außerdem berichtet er, welche Hilfsmittel im Schulalltag wirklich weiterhelfen und warum digitale Lösungen oft besonders beliebt sind.
FOCUS: Was macht die optische Versorgung von Kindern mit starker Sehbeeinträchtigung so besonders?
Wagner: Die Anforderungen sind im Vergleich zu Erwachsenen grundsätzlich ähnlich. Allerdings ist die Offenheit und Begeisterung für digitale Versorgungslösungen bei Kindern häufig deutlich größer. Kinder sind in dieser Hinsicht sehr lernfähig, neugierig und lassen sich meist gut auf neue Hilfsmittel ein. Bei älteren Menschen ist das manchmal etwas schwieriger.
FOCUS: Warum braucht die optische Versorgung von Kindern mit starker Sehbeeinträchtigung eine andere Herangehensweise als die von Erwachsenen?
Wagner: Der wesentliche Unterschied ist, dass die Kinder meist mit der Sehbeeinträchtigung geboren werden und es oft nicht anders kennen. Erwachsene haben meistens bereits Vorerfahrung im Sehen und erleben den Sehverlust ganz anders. Bei Kindern ist das Thema Low Vision daher noch sensibler, da wir Kindern die Möglichkeit geben wollen, am Leben teilzunehmen, mit Freunden zu kommunizieren und in sozialen Kontakt zu treten. Wir achten deshalb sehr darauf, dass die Kinder hier ein positives Erlebnis haben. Sie sollen die Möglichkeit haben, in WhatsApp-Gruppen der Schule teilzunehmen, im Internet aktiv zu sein und soziale Kontakte möglichst selbständig zu pflegen.
FOCUS: Wann reichen Brille oder Kontaktlinse nicht mehr aus?
Wagner: In der Regel werden die Kinder vom Augenarzt zu uns überwiesen und befinden sich bereits länger schon in augenärztlicher Behandlung. Meist wird also dort festgestellt, dass eine Brille oder Kontaktlinse allein nicht mehr ausreicht. Bis zum 14. Lebensjahr werden die Augen oftmals nicht beim Augenoptiker, sondern beim Augenarzt überprüft. Durch die U-Untersuchungen werden Sehprobleme heute glücklicherweise meist früh erkannt. Diese Untersuchungen sind deutlich besser geworden als noch vor 10 oder 20 Jahren. Dass eine starke Sehbeeinträchtigung erst bei uns auffällt, kommt daher äußerst selten vor.
FOCUS: Was ist die größte Herausforderung, wenn Kinder erstmals mit Low-Vision-Hilfsmitteln versorgt werden?
Wagner: Begeisterung für Low-Vision-Hilfsmittel zu wecken. Wenn diese Begeisterung einmal da ist, ist sie bei Kindern oft nahezu grenzenlos. Viele haben bereits einen gewissen Leidensweg hinter sich und sind deshalb offen für Lösungen, die ihnen im Alltag wirklich weiterhelfen. Auch bei den Angehörigen müssen wir Verständnis dafür schaffen, was für die Kinder noch möglich ist. Gleichzeitig ist es wichtig zu spüren, ob das Kind bereit ist, sich auf die Versorgung einzulassen. Wir konzentrieren uns voll und ganz auf das Kind, um Vertrauen aufzubauen. Die wichtigste Voraussetzung ist, dass die Kinder Spaß an den Hilfsmitteln haben. Manche sind anfangs misstrauisch – dann braucht es Zeit, Geduld und viel Einfühlungsvermögen.
FOCUS: Und welche Low-Vision-Lösungen helfen Kindern im Schulalltag wirklich weiter?
Wagner: Vor allem elektronische und digitale Hilfsmittel helfen, weil sie individuell eingestellt werden können und dadurch besonders viele Möglichkeiten bieten. Besucht ein Kind eine Regelschule, konzentrieren wir uns besonders auf die Optimierung des Nahsehens, um den Unterricht bestmöglich zu unterstützen.
FOCUS: Wie kann Akzeptanz für Low-Vision-Hilfsmittel geschaffen werden, ohne diese Kinder zu überfordern?
Wagner: Es ist immer ein schrittweises Herangehen. Im Alltag zeigt sich, dass sich die Hilfsmittel, mit denen die Kinder am meisten Spaß haben, für den Start am besten eignen. Digitale Geräte funktionieren hier oft besonders gut, weil bei vielen Kindern bereits eine Verbindung zu elektronischen Geräten vorhanden ist. Am Anfang sollte kein Druck entstehen. Im Vordergrund steht die Lust, das Hilfsmittel auszuprobieren und positive Erfahrungen damit zu machen.
FOCUS: Warum sind schnelle Erfolgserlebnisse wichtig?
Wagner: Kinder müssen immer direkt spüren, dass ihnen ein Hilfsmittel einen echten Mehrwert bietet. Sie sind in dem Punkt sehr ehrlich und sagen meist unmittelbar, ob sie es gut finden oder nicht. Das ist für mich sehr hilfreich, weil ich dadurch auch schnell erkenne, womit ich am besten weiterarbeiten kann.
FOCUS: Wie wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrkräften?
Wagner: Für sehende Eltern ist es manchmal schwierig nachzuvollziehen, welche Sehleistung ihr Kind tatsächlich hat und auch warum es mit bestimmten Hilfsmitteln einmal gut funktioniert und ein anderes Mal vielleicht nicht. Gleichzeitig gibt es zum Glück jedoch auch viele Eltern, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen und sehr engagiert sind. Sie melden sich zum Beispiel schon proaktiv, um Hilfsmittel wie Vorlesegeräte in den Schulalltag zu integrieren. Auch die enge Zusammenarbeit mit den Lehrkräften ist sehr hilfreich. Besonders wenn zusätzlich eine Legasthenie vorliegt, ist es wichtig, hier die geeignete Unterstützung zu schaffen, damit die betroffenen Kinder am Unterricht teilnehmen können. Gegenseitiges Verständnis ist dabei ganz entscheidend.
Auch in der Zusammenarbeit mit Krankenkassen kann die Schule eine wichtige Rolle spielen. Ein Schreiben der Schule hilft häufig dabei, die Notwendigkeit einer Versorgung nachvollziehbar zu machen.
FOCUS: Welche Aspekte werden in dieser Thematik noch übersehen?
Wagner: Grundsätzlich gibt es aus meiner Sicht keine einzelnen Aspekte, die regelmäßig übersehen werden. Ganz entscheidend ist, dass etwaige Sehbehinderungen früh erkannt werden und die Integration der Kinder gelingt. Das erfordert Aufmerksamkeit und eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten.
FOCUS: Was muss sich verbessern?
Wagner: Ein wichtiger Punkt ist, noch mehr Verständnis bei Augenärzten dafür zu schaffen, was mit modernen Low-Vision-Versorgungen heute bei Kindern alles möglich ist. Wir veranstalten dazu regelmäßig Infoabende.
Viele Augenärzte kennen nicht alle Versorgungsmöglichkeiten. Gleichzeitig profitieren auch wir vom Austausch, weil wir natürlich nicht alles über medizinische Behandlungen und Medikamente wissen können.
Auch bei den Krankenkassen fehlt häufig noch das nötige Verständnis. Es geht hier um Hilfsmittel, die Kindern überhaupt erst ermöglichen, ansatzweise am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Bei einer 95-jährigen Person bestehen beispielsweise andere Anforderungen als bei einem Kind, das besonders auf digitale und soziale Teilhabe angewiesen ist. Teilweise erleben wir dennoch, dass Krankenkassen mit uns verhandeln, als ginge es um einen Handel auf dem Basar.
FOCUS: Vielen Dank für das Gespräch! n





