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Kai Jaeger – Neuer ZVA-Präsident im Gespräch

Kai Jaeger. Bild: Peter Magner

„Nur geschlossen ­erreichen wir unsere Ziele“

Mit Kai Jaeger übernimmt ein erfahrener Berufs- und Verbandspolitiker die Präsidentschaft des Zentralverbands der Deutschen Augenoptiker und Optometristen. Im Interview mit FOCUS spricht der Kölner über seine politischen Leitlinien, die Bedeutung von Einheit im Berufsstand, die Sicherung fachlicher Kompetenzen und faire Wettbewerbsbedingungen. Zudem erklärt er, welche Rolle Nachwuchsförderung, Dialogbereitschaft und eine starke gesundheitspolitische Positionierung künftig für den ZVA spielen sollen – und welche strukturellen Weichen jetzt gestellt werden müssen.

FOCUS: Herr Jaeger, Sie stehen seit Kurzem an der Spitze des ZVA. Welche Schwerpunkte möchten Sie setzen, und woran sollen Mitglieder des Verbands Ihre Handschrift erkennen?

Jaeger: Mein zentraler Schwerpunkt ist es, den ZVA weiterhin als das starke, verlässliche Sprachrohr der deutschen Augenoptik und Optometrie zu festigen – klar, kompetent und ­lösungsorientiert gegenüber Politik, Kostenträgern, Partnern im Gesundheitswesen und Öffentlichkeit. Dazu gehört die kontinuierliche Weiterentwicklung unseres Berufs hin zu ­einem modernen Berufsbild mit starker Meisterpräsenz, aber auch die Weiterentwicklung optometrischer Qualifikationen, die Schaffung echter Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung ­sowie die Sicherung von Screening-Kompetenzen in qualifizierten Betrieben.

Unser Ziel als Präsidium – und somit unsere Handschrift – ist es, offen für den Dialog zu sein, Entscheidungen transparent zu machen und Verantwortung zu übernehmen – auch bei unbequemen Themen. Persönlich lege ich Wert darauf, dass der menschliche Umgang nicht zu kurz kommt: Verbandsarbeit lebt von Vertrauen, Verlässlichkeit und ­Respekt, gerade bei unterschiedlichen Meinungen; das ­Präsidium soll ansprechbar und erreichbar bleiben – stets und für jeden.

FOCUS: Der ZVA vertritt Betriebe sehr unterschiedlicher ­Größen und Strukturen. Wie wollen Sie diese Vielfalt unter einem gemeinsamen Dach zusammenführen?

Jaeger: Das ist eine unserer großen Stärken – der ZVA hat diese Vielfalt bisher bereits wirklich hervorragend unter ­einem Dach vereint, und genau das bleibt eine zentrale ­Anforderung für die Zukunft: diese Einheit nicht nur zu ­sichern, sondern noch weiter auszubauen.

Es ist uns wichtig, dass sich wirklich alle beim ZVA wiederfinden – vom kleinen inhabergeführten Geschäft über spezialisierte optometrische Betriebe, klassische Brillen­optiker oder Kontaktlinsenspezialisten bis hin zu großen Strukturen und Filialisten; Spaltungen im Berufsstand können wir uns schlicht nicht leisten. Wir wollen stattdessen konkret offene, kontroverse Diskussionen fördern.

Wichtig ist, dass wir als Präsidium und Vorstand die Wünsche und Belange der einzelnen Größen und Strukturen genau beobachten, mit allen in den Austausch gehen und ein Konstrukt schaffen, das diesen Bedürfnissen bestmöglich gerecht wird – das ist eine Herausforderung, und wie generell im Leben werden hier auch Kompromisse nötig sein, die wir nur durch offenes Miteinander und ständigen Austausch finden.

Als Verband fördern wir die Einheit in der Breite, während wir kontroverse Diskussionen im Detail ausdrücklich willkommen heißen – Diskussion ist Progression und macht uns langfristig stärker; nur gemeinsam und geschlossen wirken wir nach außen und erreichen als Team unsere Ziele.

FOCUS: Fachkräftemangel und Nachwuchsgewinnung beschäftigen die Branche seit Jahren. Welche Rolle kann und soll der ZVA hier künftig stärker einnehmen? Welche weiteren Themen sehen Sie kurzfristig als besonders dringlich an?

Jaeger: Der Fachkräftebedarf ist ein zentrales Thema, das uns alle betrifft – leider verlässt ­aktuell eine nicht unerhebliche Anzahl von Auszubildenden unseren Beruf schon während der Ausbildung oder kurz danach. Unser Beruf ist aber ­unglaublich abwechslungsreich und attraktiv: Handwerk, betriebswirtschaftliches Handeln, Umgang und Kommunikation mit Menschen, Beratung zu optimalem Sehen, Problemlösungen erarbeiten und anbieten, optometrische Tätigkeiten wie Screening, Kontaktlinsenanpassung inklusive Sonderlinsen, vergrößernde Sehhilfen bzw. Low-Vision-Versorgung oder Kinderoptometrie – wenige Berufe bieten ein solches Spektrum sowie die Chance, Menschen so umfassend zu helfen. Hinzu kommen verschiedene Karriereperspektiven wie etwa die Möglichkeit, sich selbständig zu machen und sich zu verwirklichen.

Wir müssen es schaffen, diese Attraktivität noch selbstbewusster nach außen zu kommunizieren – hier spielt der ZVA-Innovationskreis eine Schlüsselrolle: Dieses Netzwerk junger Augenoptik-Betriebsinhaber bringt über den Input der Jüngeren frische Impulse in die Verbandsarbeit und trägt dazu bei, die Ausbildung zu stärken und das Berufsbild zu modernisieren. Der Kreis soll junge Menschen für die Selbständigkeit begeistern, etwa durch Broschüren mit Gründer-Checklisten und Erfahrungsberichten. Unter Leitung von Manuel Kues, Geschäftsführer des Bayerischen Landesinnungsverbands, dient der Kreis als Brücke zwischen der jungen Generation und der Verbandspolitik. Wir versuchen, über Landesverbände und Innungen junge Talente zu gewinnen, ­Kolleginnen und Kollegen langfristig zu binden, für das Ehrenamt zu begeistern und die Selbständigkeit als sinnstiftende Perspektive mit echtem Mehrwert durch Verbandsarbeit zu pushen – und natürlich das Umfeld für eine positive Weiterentwicklung des Berufsbildes zu begleiten und zu fördern.

Kurzfristig sehe ich es als besonders dringlich, für faire Wettbewerbsbedingungen mit verlässlicher Meisterpräsenz zu sorgen. Wir brauchen insgesamt weniger unnötige Bürokratie wie bei der Präqualifizierung in ihrer jetzigen Form oder der Anbindung an die Telematikinfrastruktur, welche uns in der Zukunft begleiten wird – klare Qualitätsrichtlinien, die uns stärken statt bremsen, und sinnvolle Digitalisierung; dazu die Sicherung, dass Kompetenzen wie Screening in qualifizierten Betrieben bleiben.

FOCUS: Die gesundheitliche Bedeutung der Augenoptik wird politisch und gesellschaftlich unterschiedlich wahrgenommen. Wo sehen Sie Handlungsbedarf in der Interessenvertretung?

Jaeger: Wir müssen unsere fachliche Expertise bei Screening, Versorgung und Optometrie noch selbstbewusster positionieren, damit Politik, Krankenkassen und Gesellschaft die Augenoptik und Optometrie als unverzichtbaren Partner im Gesundheitssystem wahrnehmen.

Handlungsbedarf sehe ich vor allem darin, mit der Arbeits­gemeinschaft der Gesundheitshandwerke und damit gemeinsam mit den vier weiteren Gesundheitshandwerken unter dem Dach des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) verstärkt eine starke gemeinsame Stimme zu nutzen, um unseren Einfluss auf Krankenkassen und Politik besser geltend zu machen, Positionen zu schärfen und konsequent gegen Umgehungsversuche der Meisterpflicht vorzugehen – für Verbraucherschutz und Wettbewerbsgleichheit. Die Kompetenz ist in unseren qualifizierten Betrieben vorhanden, dies müssen wir nach außen tragen.

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Bisher können wir als Hilfsmittelerbringer nicht frühzeitig an der Gestaltung wichtiger Regelungen mitwirken, z.B. bei Heil- und Hilfsmittelrichtlinien: Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA), höchstes Entscheidungsgremium der GKV-Selbstverwaltung mit Vertretern von Kassenärzten, Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) und Patienten, beschließt diese in Plenum und Unterausschüssen nach evidenzbasierter Prüfung – Leistungserbringer wie wir haben keinen festen Sitz und können nur per Stellungnahme an einem späten Punkt reagieren. Es wäre entscheidend, frühzeitig Einfluss nehmen zu können, z.B. durch anlassbezogene Sitze im GBA, um Versorgung praxisnah zu gestalten und um Themen innerhalb des Ausschusses zu positionieren.

FOCUS: Welche Erwartungen haben Sie an die Zusammenarbeit mit Politik, Krankenkassen und anderen Akteuren im Gesundheitswesen, nun in dieser neuen Rolle?

Jaeger: Ich erwarte von der Politik einen frühen Austausch im Gesetzgebungsverfahren und mehr Chancen für aktive Mitgestaltung, damit die Praxis-Erfahrungen unserer Betriebe direkt einfließen können – nur so schaffen wir gut strukturierte Prozesse und reduzieren unnötige Bürokratie.

Bei den Krankenkassen wünsche ich mir einen persönlichen, konstruktiven Dialog, der für alle Beteiligten – uns als Leistungserbringer, die Kassen als Kostenträger und vor allem die Kunden – effiziente und zufriedenstellende Lösungen findet. Hier geht es um auskömmliche und faire Vergütungen, Abbau bürokratischer Hürden und eine Regulierung, die nur dort greift, wo sie Versorgungsqualität sichert, ohne in überbordende, oft unverständliche Vorgaben abzugleiten.

Bei anderen Akteuren im Gesundheitswesen, insbesondere den berufspolitischen Vertretungen der Augenärzte (BVA und DOG), hoffe ich auf einen guten Austausch auf Augenhöhe. Vor Ort funktioniert die Kommunikation zwischen ­Augenoptikern/Optometristen und Augenärzten meist ausgezeichnet, wir müssen es nun schaffen, dies auf die berufspolitische Ebene zu übertragen. Wir als ZVA sind jederzeit für Gespräche offen, stehen für diese zur Verfügung und haben sie auch schon mehrfach gesucht. Leider hat dies bisher nicht gefruchtet, aber wir blicken optimistisch in die Zukunft, denn trotz natürlich bestehender Differenzen gibt es auch viele Bereiche, in denen sich ein intensiver Dialog und die Schaffung und Nutzung von Synergien anbietet.

FOCUS: Mit Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre: Welche strukturellen Veränderungen kommen Ihrer Einschätzung nach auf die Augenoptik zu?

Jaeger: In den nächsten fünf bis zehn Jahren steht uns eventuell eine weitergehende Marktkonzentration bevor: Investoren und Filialisten werden Marktanteile bündeln, während digitale Angebote und neue Dienstleister mit Screenings den Wettbewerb verschärfen – das verändert die Branche strukturell und fordert Anpassung.

Besonders spannend werden die Themen Digitalisierung und KI: Sie bieten enorme Chancen, Prozesse zu optimieren – ­effizientere Abläufe, verbesserte Kundenansprache, smarte Terminplanung und präzisere Analysen bei Screenings oder Daten, vor allem in vernetzten Strukturen. Aber jeder Betrieb sollte prüfen, welche Tools wirklich zum Profil passen, denn nicht alles ist für jeden sinnvoll. Klar muss bleiben: moderne Technik ist ein Werkzeug zur Unterstützung, und das soll sie auch bleiben – die fundierte Ausbildung von Augenoptikermeistern und Optometristen kann sie nicht ersetzen, ihre Kompetenz für die richtige Einordnung von Ergebnissen, individuelle Beratung und Verantwortung im Gesamtkontext des Kunden bleibt unverzichtbar und hoch gefragt.

Um das zu meistern, brauchen wir die schon erwähnten ­stabilen Rahmenbedingungen: Faire Wettbewerbsregeln gegen Umgehungen der Meisterpflicht, eine Modernisierung des Berufsbildes mit voller Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Qualifikationen, weniger Bürokratie, stärkere Nachwuchsförderung und innere Einheit im Verband – nur so können wir unsere zentrale Rolle in der Versorgung festigen und weiter ausbauen.

FOCUS: Was wünschen Sie sich vom Dialog mit den Mitgliedsbetrieben – und wie möchten Sie diesen Austausch als Präsident konkret gestalten?

Jaeger: Ich wünsche mir vor allem einen offenen, ehrlichen Austausch direkt aus der Praxis – mit Erfahrungen, konkreten Ideen, aber auch kritischer Stimme, damit wir als Verband die wirklich relevanten Prioritäten setzen und nichts übersehen.

Konkret wünschen wir uns als Präsidium regelmäßige direkte Gespräche mit den Mitgliedern, z.B. auf Veranstaltungen wie der alljährlichen Opti in München, wo Präsidium und Vorstand im ZVA-Opti-Café zur Verfügung stehen – bei Kaffee und Poffertjes kann man sich ungezwungen mit ehrenamtlichen und hauptamtlichen Vertretern des ZVA und der ­Landesverbände austauschen. Wir freuen uns riesig, wenn dieses Angebot rege genutzt wird und laden herzlich dazu ein!

Prinzipiell müssen unsere Entscheidungsprozesse transparent sein und auch so kommuniziert werden – damit klar wird, wie Vorstand und Präsidium zu Ergebnissen kommen und welche Beweggründe es dafür gab. In diesen Prozessen ist eine enge Einbindung aller Ebenen – vom Präsidium über Vorstand und Delegierte bis zu den Landesverbänden – selbstverständlich.

Die innere und äußere Kommunikation wollen wir hierzu verstärkt nutzen: Der bewährte ZVA-Report als direkter Informationskanal für die einzelnen Innungsbetriebe liefert News und Infos und wir planen, die Präsenz in den Sozialen Medien sinnvoll auszubauen – aktuell arbeiten wir an Strukturen, um dies effizient umzusetzen. Das Präsidium soll dabei immer ansprechbar und erreichbar bleiben, nicht nur im Rahmen von Veranstaltungen, sondern im Allgemeinen; wir sind offen für den Dialog, machen Entscheidungen nachvollziehbar und übernehmen Verantwortung – auch bei unbequemen Themen – mit einem Fokus auf Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitigem Respekt, gerade wenn Meinungen auseinandergehen.

FOCUS: Vielen Dank für das Gespräch.

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