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Brennpunkt: Trockene Wahrheit

Bild: redcharlie / unsplash

Manchmal braucht es nur eine kurze Begegnung oder einen einzigen Satz, um zu erkennen, wie weit wissenschaftlicher Fortschritt und medizinischer Alltag auseinanderliegen.

Vor einiger Zeit saß ich selbst als Patientin in einer augenärztlichen Sprechstunde. Der Grund war kein akuter Notfall. Ich wollte vielmehr wissen, wie meine Situation einzuschätzen ist. Bei einer Meibographie auf der Sicht.Kontakte-­Konferenz am Stand von Oculus war zuvor deutlich geworden, dass meine Meibom-Drüsen sehr stark zurückgebildet sind. Da wir hier ja unter uns sind, kann ich noch verraten: Gerade während der Allergiesaison machen sich trockene, brennende Augen bemerkbar. Meine Hoffnung war, mehr über die Ursache und mögliche Behandlungsansätze zu erfahren.

Doch dazu kam es gar nicht.

Noch bevor ich dem Augenarzt meine Frage vollständig formulieren konnte, wurde sie beantwortet: „Das behandeln wir nur symptomatisch. Sie bekommen Augentropfen.“ Damit war das Gespräch praktisch beendet.

Natürlich ist das eine persönliche Erfahrung. Sie steht ­weder stellvertretend für alle Augenärzte noch für die Qualität der augenmedizinischen Versorgung insgesamt. Viele Praxen bieten heute eine differenzierte Diagnostik und ­spezialisierte Trockene-Augen-Sprechstunden an. Trotzdem war ich sehr irritiert.

Denn nur kurz danach bin ich beruflich tief in den im vergangenen Jahr vorgestellten TFOS DEWS III-Report eingetaucht. Rund 80 Fachleute aus 18 Ländern haben darin den aktuellen Wissensstand zum Trockenen Auge zusammengetragen. Wer diesen Bericht liest, erkennt es sofort: Das Trockene Auge ist keine Befindlichkeitsstörung, die sich allein mit Tränenersatzmitteln behandeln lässt. Der Kontrast zu meinem wenige Sekunden dauernden Arztgespräch hätte kaum größer sein können.

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Der Report beschreibt ein komplexes Zusammenspiel aus Tränenfilm, Meibom-Drüsen, Entzündungsprozessen, ­Veränderungen der Augenoberfläche, der schützenden Zuckerschicht auf der Augenoberfläche („Glycocalyx“) und sogar neurosensorischen Einflüssen. Er zeigt außerdem, dass die Erkrankung individuell sehr unterschiedlich verläuft und deshalb auch eine individuelle Diagnostik und Therapie erfordert. 

Die einfache Einteilung in „zu wenig Tränenvolumen“ oder „zu schnelle Verdunstung“ ist zu kurz gegriffen. Vielmehr handelt es sich um ein Kontinuum, bei dem verschiedene Mechanismen gleichzeitig eine Rolle spielen können.

Genau hier stellt sich doch die Frage, ob dieser wissenschaftliche Erkenntnisgewinn bereits überall im Versorgungsalltag angekommen ist. Die Realität vieler Betroffener sieht häufig anders aus: Sie probieren über Jahre verschiedene Tropfen aus, ohne die eigentlichen Ursachen ihrer Beschwerden zu kennen. Dabei können Veränderungen der Meibom-Drüsen oder der Lidränder oft schon recht früh wichtige Hinweise liefern.

Auch für die Augenoptik eröffnet sich dadurch eine Chance, die wir nutzen sollten. Viele Betriebe beschäftigen sich schon intensiv mit der Beurteilung des Trockenen Auges, bieten Meibographie oder eine strukturierte Untersuchung der Lidkanten an und begleiten Betroffene langfristig. Sie ersetzen damit selbstverständlich nicht die augenärztliche Diagnose. Sie können jedoch dazu beitragen, Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen, Betroffene aufzuklären, Lidrandpflege zu erklären und eine gezielte Weiterleitung anzustoßen.

Vielleicht ist ja auch genau das die wichtigste Botschaft des neuen TFOS DEWS III-Reports: Nicht jede trockene Augenoberfläche braucht dieselbe Behandlung – und nicht jedes trockene Auge ist mit einem Fläschchen ­Augentropfen erledigt. Dahinter steckt weit mehr, als der Name vermuten lässt. Es ist Zeit, dass dieses Wissen nicht nur die Fachliteratur prägt, sondern auch den Weg in den Versorgungsalltag findet. Einen Ansatz dazu – mit aktuellen Einblicken in die Thematik – bieten wir Ihnen im Schwerpunkt dieser Ausgabe.

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