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Der auf goldenem Boden kniet

Handwerker der auf goldenem Boden kniet
Fotos: be free, studiostoks/stock.adobe.com & Efstathios Efthimiadis

Lars Wandke blickt nach beinahe 20 Jahren in der Augenoptik nun von außen auf die Branche. Und zwar jeden Monat an dieser Stelle im FOCUS.

Hans Peter Wollseifer stört sich am Bürgergeld. Es ist ihm zu hoch, wie unter anderem auf Spiegel Online zu lesen war. Wollseifer ist Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks und offenbar ein Leidensgenosse von mir. Denn auch ich habe zuweilen mit Sozialneid zu kämpfen, wenn auch eher nach oben gerichtet als wie bei Wollseifer nach unten. Immer wenn ich große Autos sehe, einen Mercedes-AMG GLS oder einen Audi Q8, frage ich mich, wie der Besitzer ihn sich mit ehrlicher Arbeit nur leisten kann. Regelmäßig komme ich dann zu dem Schluss, dass dies unmöglich ist und es sich um einen Kriminellen handeln muss oder um jemanden, der von Kriminellen begünstigt wird, einen Schwippschwager von Arafat Abou-Chaker zum Beispiel oder einen FDP-Wähler. 

Ich lebe in einer Mietwohnung. Das wiederum stört mich nicht. Mir gefällt daran unter anderem, dass ich meine Hausverwaltung anrufen kann, wenn was an der Wohnung kaputt ist. So kam ich letztens spätabends nachhause und wurde von einer Riesenpfütze in der Küche empfangen. Ihre Quelle schien hinter der Küchenzeile zu liegen. Ich tastete die erreichbaren Ventile und Rohre ab, alles trocken. Ich drehte vorsichtshalber den Zufluss zur Spülmaschine ab, wischte die Pfütze auf und ging schlafen. Am nächsten Morgen war die Pfütze zurück.

Ich tastete wieder, weiterhin alles trocken. Ich rief die Hausverwaltung an, um zu fragen, ob sich das nicht vielleicht lieber mal ein Klempner angucken solle. „Denn wer weiß, wo das Problem liegt, vielleicht hinter der Wand“, gab ich fachmännisch zu bedenken.

„Ein Klempner nützt da nichts“, sagte der Mensch von der Hausverwaltung, „da muss ein Leckage-Orter kommen.“ 

Hui, dachte ich, was für coole Berufe es gibt. Ein Leckage-Orter. 

Drei Tage später war es soweit. Er stand leibhaftig in meiner Küche und machte Fotos. Mit einer Digitalkompaktkamera. Ob er kein Smartphone besaß oder was sonst der Grund für den Einsatz der Kompaktkamera sein mochte, traute ich mich nicht zu fragen. Während er aus allen Winkeln die Pfütze fotografierte, zückte ich mein iPhone und googelte. Kompaktkameras gibt es ab 100 €, das überraschte mich zugegebenermaßen – nicht der Preis, sondern der Umstand, dass ein Satz, der mit „Kompaktkameras gibt es“ beginnt, nicht erwartungsgemäß endet mit „nicht mehr“.

Dann fummelte der Leckage-Orter zwei Minuten an den Ventilen und Rohren herum und versuchte, die Spülmaschine von der Wand zu ziehen, was ihm aber nicht gelang. Also musste er tun, was Handwerker gemäß Gesetz eben mindestens einmal alle halbe Stunde tun müssen, nämlich „nochmal zum Wagen“. Acht Minuten später war er zurück mit einem Leckage-Such­gerät. In meinen Augen wurde er erst in diesem Moment zum professionellen Leckage-Orter; alles andere davor war entweder Mangelleistung oder sein Privatvergnügen, so oder so jedenfalls nichts, was auf der Rechnung auftauchen sollte. 

Die Endoskopkamera vom Leckage-Suchgerät schob er unter der Spülmaschine durch und bis zur Hinterwand des Geräts. Nach ca. einer halben Minute hatte er das Leck gefunden. Zumindest grob: „Es ist die Spülmaschine. Problem des Mieters.“ Dann packte er alles ein und ich fragte, ob ich was unterschreiben müsse. „Ja, ich komm gleich noch mal, ich geh erstmal zum Wagen.“ Natürlich. 

Er brachte seinen Kram weg und kam mit den Durchschlagformularen für den Arbeitsnachweis zurück. Er schrieb „30 min“ drauf und bat mich zu unterschreiben. Ich tat wie mir geheißen, dann entschwand er. Weitere drei Tage später rief die Hausverwaltung an und sagte, die Rechnung vom Leckage-Orter müsse ich bezahlen. Er habe ihnen geschrieben, es sei „Verschulden des Mieters“. Die Rechnung belaufe sich auf 460 €. 

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Er stand leibhaftig in meiner Küche und machte Fotos

Hier aus gegebenem Anlass nochmal die Eckdaten: Zehn Minuten als Privatperson in meiner Küche verbracht und Fotos ohne erkennbaren Nutzen gemacht, acht Minuten zum Wagen unterwegs gewesen, 30 Sekunden professionell eine Leckage geortet, acht Minuten zum Wagen unterwegs gewesen, 30 Sekunden den Arbeitsnachweis ausgefüllt und sich unterschreiben lassen. Materialeinsatz: null. Ergibt 460 €. Ein alleinstehender Bezieher des Bürgergelds hätte nun für den Monat noch 42 € übrig. Wollseifer ist das zu viel. 

Am nächsten Tag saß ich im Auto und wartete an einer roten Ampel. Ein mattschwarzer Mercedes-AMG GLS 63 SUV mit getönten Scheiben kreuzte die Straße und ich sagte zu meiner Beifahrerin: „Guck mal, ein Leckage-Orter.“

Ich bin von Haus aus Augenoptiker. Ich überlege ernsthaft, nach vielen Jahren der Betätigung abseits meines gelernten Berufs wieder als solcher zu arbeiten. Ich habe in der Zwischenzeit eine Menge gelernt und früher vieles falsch gemacht. Meine Augenglasbestimmung beispielsweise wird künftig so aussehen:

Zuerst bitte ich den Kunden, auf dem Refraktionsstuhl Platz zu nehmen, dann fotografiere ich ihn von allen Seiten mit meiner Kompaktkamera. Anschließend sage ich, ich muss zum Wagen, um die Probierbrille zu holen. Denn wer konnte damit rechnen, dass ich die bei einer Refraktion brauchen würde. Selbstverständlich gehe ich nicht zum Auto, sondern checke im Büro einfach die aktuellen Preise für schwarze AMG 23 Zoll Schmiedefelgen. Zurück im Refraktionsraum setze ich dem Kunden die Probierbrille auf und wieder ab und ihn dann einfach vor den Autorefraktometer. 

„Da haben wir auch schon das Problem, Sie haben eine Fehlsichtigkeit. Ich bringe eben die Probierbrille zum Wagen und mache Ihnen dann die Rechnung fertig.“ 

Ich schaue im Büro kurz nach den Kursen meiner Rüstungsaktien und veranlasse aus Spaß zwei, drei Eigenbedarfskündigungen in einer meiner vielen Mietimmobilien, bevor ich zurückkehre zum Kunden. „Die Messung kostet 460 €, Material- und Arbeitskosten für die Herstellung der Brille ­kämen dann natürlich noch oben drauf. Leider spinnt das Kartenlesegerät seit einigen Monaten. Es wäre also gut, wenn Sie Bares mitbringen.“

Während hinter ihm die Ladentür sanft ins Schloss schmatzt, betrachte ich den offiziellen roten rechteckigen Aufkleber mit weißer Schrift, der über der Klinke prangt: „Das Handwerk. Die Wirtschaftsmacht von nebenan.“

Das sagt man in Berlin vielleicht auch über den Abou-Chaker-Clan.

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