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IXI: Autofokus für die Augenoptik

On/off: das elektronische Brillenglas von IXI. Bilder: Silke Sage

Ein Interview mit Niko Eiden und Eric Plat

Gleitsicht völlig neu gedacht: Das finnische Start-up IXI arbeitet an einer elektronisch gesteuerten Brille, die Nah-, Zwischen- und Fernbereiche dynamisch zuschaltet – ohne äußerlich sichtbare Mechanik und ohne Kameras. Gemeinsam mit einer großen französischen Augenoptikergruppe soll der Markteintritt vorbereitet werden. FOCUS sprach mit IXI-Mitgründer Niko Eiden und Eric Plat, dem CEO von Atol les Opticiens, auf der Fachkonferenz MAFO in Mailand über Positionierung, Pilotphase und das „Wow“-Erlebnis für den Kunden.

Die klassischen Gleitsichtbrillengläser haben sich über Jahrzehnte kontinuierlich durch optimierte Progressionszonen, individualisierte Berechnungen, Big-Data-Modelle und biometrische Parameter weiterentwickelt. Doch das Grundprinzip ist gleichgeblieben – eine statische Flächengeometrie verteilt mehrere Sehzonen auf einem Brillenglas. 

IXI verfolgt einen ganz anderen Ansatz. Statt mehrere feste Sehbereiche in eine Fläche zu integrieren, wird die optische Wirkung elektronisch gesteuert. Das ist zunächst im Ansatz nicht neu, denn es gibt auch andere Anbieter, die in diesem Bereich erste Brillen produzieren bzw. kurz vor Markteintritt sind. Bei IXI erscheint das Glas völlig klar, erst nachdem Zuschalten lässt sich die elektronisch geänderte optisch wirksame Fläche erkennen. Der Clou dabei: Ein integriertes, energieeffizientes Eye-Tracking-System erkennt die Blickrichtung des Trägers. Je nachdem, ob der Blick in die Ferne, in den Zwischenbereich oder in die Nähe gerichtet ist, aktiviert sich ein entsprechender optischer Effekt.

Damit entsteht ein hybrides System: klassische Fernkorrektion kombiniert mit dynamisch zuschaltbaren Bereichen. Ziel ist nichts Geringeres als eine neue Generation progressiver Brillen – und eine potenzielle Verschiebung im Beratungs- und Geschäftsmodell der Augenoptik. Wie diese Brillen in der Zukunft ihre Träger finden, ob im augenoptischen Bereich oder eher über einen anderen Vertriebskanal, dazu hatten Niko Eiden und Eric Plat ein klares Statement.

FOCUS: Sie haben gerade eine Absichtserklärung für eine Zusammenarbeit mit Atol und Vizio in Frankreich unterzeichnet. Damit erreichen sie locker um die 3.000 Augenoptiker im französischen Markt. Warum erfolgt dieser Schritt gerade jetzt?

Eiden: Für uns ist es entscheidend, Kooperationen deutlich vor der finalen Produktfertigstellung aufzubauen. Denn wir müssen früh wissen, wie das Produkt distribuiert, präsentiert und verkauft wird. Diese Vereinbarung ist eine logische Fortsetzung unserer bisherigen Arbeit – und zugleich unsere erste öffentliche Partnerschaft in Frankreich. Dass wir dabei mit einem so starken Partner starten, ist für uns ein wichtiges Signal.

FOCUS: Also auch ein Signal an den Markt?

Eiden: Ja, definitiv. Wir treten in eine Phase ein, in der wir nicht mehr nur entwickeln, sondern konkret vorbereiten, wie wir in den Markt gehen.

Plat: Unser Ansatz ist es, unsere Marktkenntnis in Frankreich und Europa mit der technologischen Innovation von IXI zu verbinden. Wir wollen ein wirtschaftliches und produktionstechnisches Modell entwickeln, das wirklich zur Augenoptik passt. Im Mittelpunkt steht das Kundenerlebnis im Geschäft – aber auch die Frage, wie der Augenoptiker mit einem Produkt arbeitet, das mehr ist als eine Fassung mit zwei Gläsern. Wir sprechen hier über ein komplettes Seh-System.

FOCUS: Wie wird das Produkt im Markt positioniert? Parallel zur klassischen Gleitsicht und klar im Premiumsegment?

Eiden: Zum Start eindeutig im Premiumbereich. Wir haben deutlich mehr Komponenten als bei einer klassischen Brille: Elektronik, Sensorik, Energieversorgung, Software. Auch das Brillenglas selbst ist komplexer aufgebaut. Trotzdem haben wir intensiv daran gearbeitet, die Preispositionierung realistisch zu halten. Wir bewegen uns also preislich auf dem Niveau hochwertiger Premium-Gleitsichtgläser – obwohl das Produkt technologisch wesentlich anspruchsvoller ist.

FOCUS: Wird es trotzdem unterschiedliche Preisstufen geben, etwa je nach Stärken oder bestimmter Beschichtungen?

Eiden: Wir wollen es bewusst einfach halten. Geplant ist zunächst eine Hauptkategorie. Komplexe Staffelungen oder viele Ausstattungsvarianten sind zunächst nicht vorgesehen. Zusätzliche Parameter wie beispielsweise bei torischen Brillengläsern verursachen in unserer Fertigung keine signifi­kanten Mehrkosten.

FOCUS: Wie sieht der Ablauf im Augenoptikbetrieb aus? Wie lange wartet der Kunde auf sein persönliches Modell?

Eiden: Genau deshalb ist die Kooperation wichtig. Wir arbeiten mit einem zentralen, renommierten unabhängigen Glashersteller in Europa zusammen (Fa. Optiswiss; Anm. der Redaktion). Unser Ziel sind branchenübliche Lieferzeiten. Intern kalkulieren wir rund fünf Tage von Bestellung bis Auslieferung – also vergleichbar mit hochwertigen Individualgläsern.

Plat: Für uns ist das entscheidend. Innovation darf nicht bedeuten, dass Prozesse im Betrieb aus dem Takt geraten. Wenn wir ein neues Produkt einführen, muss es in die bestehende Infrastruktur integrierbar sein.

FOCUS: Sie sprechen von Co-Development. Entwickeln Sie gemeinsam weiter?

Eiden: Absolut. Wir bringen unsere Ideen ein, diskutieren sie intensiv mit Eric und seinem Team und erhalten Feedback aus realen Geschäften. Danach testen wir in Pilotbetrieben mit echten Kunden. Das ist extrem wertvoll, weil wir nicht im Labor optimieren, sondern im Markt.

Plat: Unsere Gruppe umfasst mehr als 3.000 unabhängige Augenoptikbetriebe. Wir investieren seit über 20 Jahren in Innovation, testen neue Glasgenerationen und unterstützen selbst auch Start-ups. Innovation gehört zu unserer DNA. Die Gleitsicht ist nicht am Ende – aber das klassische Konzept stößt an Grenzen. Deshalb sind wir offen für neue Ansätze.

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FOCUS: Was erlebt der Kunde beim ersten Aufsetzen?

Eiden: Der entscheidende Moment ist der Übergang – wenn eine optische Wirkung erscheint und wieder verschwindet. Es fühlt sich fast magisch an, weil es ohne bewusste Bewegung passiert.

Im Geschäft lässt sich das sehr anschaulich demonstrieren. Mit einem Tablet kann erkannt werden, ob der Kunde auf das Display blickt oder nicht. So lässt sich der Wechsel zwischen Fern- und Nahfunktion intuitiv zeigen. Es ist zwar noch nicht die individuelle Endversion, aber es verdeutlicht sehr klar das Prinzip.

FOCUS: Sie nutzen das Eye-Tracking ohne Kameras. Warum?

Eiden: Kamerabasierte Eye-Tracker erzeugen enorme Datenmengen – Millionen Pixel bei hoher Bildrate. Das erfordert viel Rechenleistung, Speicher und Batteriekapazität. Für eine alltagstaugliche Brillenform wäre das nicht realistisch.

Deshalb nutzen wir eine energiearme Technologie mit LEDs und Photodioden rund um das Auge. Die Entwicklung hat Jahre gedauert – inklusive thermischer Herausforderungen im Nasenbereich. Heute verfügen wir über ein System, das in eine normal aussehende Fassung passt.

FOCUS: Menschen, die Lesebrillen brauchen, haben oft bestimmte anatomische Eigenheiten. Spielt die Pupillengröße eine Rolle?

Eiden: Nein, denn unser System stützt sich nicht nur auf die Pupille – der Eye-Tracking-Algorithmus verarbeitet die Eingaben mehrerer Sensoren pro Auge und unterscheidet zuverlässig die Pupille von umgebenden Merkmalen wie Sklera, Haut und Wimpern. Diese Elemente beeinträchtigen die Tracking-Genauigkeit nicht.

Die Pupille allein ist also nicht entscheidend. Im aktuellen Prototyp arbeiten wir mit sechs Sensoren pro Auge. Blinzeln ist klar erkennbar, sogar getrennt links und rechts. Zusätzlich integrieren wir einen Beschleunigungssensor, der Kopfhaltung und Bewegungsmuster erfasst – etwa eine typische „Text-Neck“-Position.

FOCUS: Wie sieht es mit der Sicherheit im Straßenverkehr aus?

Eiden: Ein wichtiger Punkt! Die Fernkorrektion ist statisch und bleibt unter allen Umständen erhalten – selbst bei leerem Akku. Die dynamischen Funktionen betreffen primär Nähe und Zwischenbereich. Zusätzlich wird es einen Modus geben, der alle dynamischen Funktionen deaktiviert.

FOCUS: Wo stehen Sie aktuell regulatorisch?

Eiden: Der zentrale Meilenstein in diesem Jahr ist die CE-Kennzeichnung. Dafür benötigen wir einen „Product Freeze“.­ Das bedeutet, das Design ist so festgelegt und es werden keine Veränderungen vorgenommen. Erst danach starten die formalen Verfahren. Ohne CE keine Kommerzialisierung.

FOCUS: Wie wird die Pilotphase ausgerollt?

Plat: Wir wollen die Vielfalt unserer Gruppe nutzen: Innenstadtlagen, Einkaufszentren, unterschiedliche Umsatzgrößen. Ob 30, 50 oder 100 Betriebe – das definieren wir gemeinsam. Ziel ist es, das ideale Profil eines teilnehmenden Betriebs zu identifizieren.

FOCUS: Blicken wir fünf Jahre nach vorn: Was muss passieren, damit dies tatsächlich die größte Veränderung im Augenoptikhandel seit Jahrzehnten wird?

Eiden: Die erste Generation muss überzeugen. Sie muss einen klar spürbaren Mehrwert gegenüber heutigen Gleitsichtgläsern bieten. Wenn das gelingt, können wir auf der integrierten Technologie aufbauen – Eye-Tracking, Brillenglas, Fassung – als Einheit.

Die progressive Versorgung ist nur der erste Anwendungsfall. Perspektivisch sind weitere Einsatzbereiche denkbar, dazu haben wir bereits Ideen. Davon werden Sie sicher in der Zukunft noch hören. Aber wir gehen nun erst einmal Schritt für Schritt weiter voran.

FOCUS: Vielen Dank für das Gespräch.

Niko Eiden (rechts) ist Mitgründer und CEO des Vision-Tech-Unternehmens IXI, das eine Autofokus-Brille für Presbyope entwickelt. Der finnische Unternehmer ist zudem Mitgründer des VR-Technologie-Unternehmens Varjo und verfügt über langjährige Erfahrung in der Entwicklung tragbarer Hochtechnologie-Systeme. Sein Fokus liegt auf der Übertragung fortschrittlicher Optik- und Sensoriktechnologien in ophthalmischen Anwendungen.

Eric Plat (links) ist Präsident und CEO der französischen Augenoptiker-Genossenschaft Atol les Opticiens und steht seit 2010 an deren Spitze. Der ausgebildete Augenoptiker begann seine Karriere als selbständiger Atol-Mitgliedsbetrieb und wechselte später in die Führung der Organisation. Unter seiner Leitung entwickelte sich Atol zu einem der wichtigsten Innovations- und Vertriebsnetzwerke der französischen Augenoptik.

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