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Mythos Nachtmyopie: Aktuelle Forschung räumt auf

Bild: Jack Dong

Ein Interview mit Dr. Philipp Hessler

Lange Zeit galt die Nachtmyopie als Hauptursache für schlechtes Sehen in der Dämmerung und bei Nacht. Dabei ist die Studienlage, auf der diese Annahme beruht, höchst fragil. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen überraschende Erkenntnisse, was physiologisch tatsächlich im Auge passiert, wenn es dunkel wird – und vor allem auch, was nicht passiert. FOCUS hat dazu mit Dr. Philipp Hessler gesprochen.

Die größte Forschungsaktivität zum Sehen bei Dunkelheit fand in den 1950er‑ bis 1980er‑Jahren statt. Daher stammen die meisten Studien dazu auch aus einer Zeit, in der die damalige Messtechnik aus heutiger Sicht  längst überholt ist. Aus den letzten 40 Jahren hingegen gibt es nur sehr vereinzelt Veröffentlichungen zum nächtlichen Sehen.

Einer, der sich diesem verwaisten Thema annimmt, ist Dr. Philipp Hessler, Professor für Optometrie und Sehhilfentechnik an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Weiterhin arbeitet er als Optometrist bei Optik Hessler in Klingenberg a. Main. 

Hessler befasste sich bereits in seiner Dissertation 2021 mit dem Sehen in Dunkelheit. Er forschte weiter und klärt seitdem regelmäßig in Fachvorträgen und Publikationen zum Thema auf. Zu vielen Fragen fand der Experte bereits überraschende Antworten, stieß dabei jedoch auch auf neue, spannende Fragestellungen, deren Erforschung sich lohnen würde.

FOCUS: Auf welche Ursachen wird laut der gängigen Fach­literatur schlechtes Sehen in der Dämmerung und bei Nacht zurückgeführt?

Hessler: Früher hat man diese Refraktionsänderung – die „Nachtmyopie“ – auf drei Faktoren zurückgeführt.

Das ist zum einen das Eintreten der Akkommodationsruhelage in Sehsituationen ohne jegliche Fixations- und Akkommodationsreize – man geht hier aber von völliger Dunkelheit aus! Laut Literatur liegt diese bei circa 2 bis 3 Dioptrien.

Der zweite Faktor ist die sphärische Aberration, die man häufig messen kann, wenn die Pupille aufgeht. Die Randstrahlen werden bei positiver sphärischer Aberration stärker gebrochen als die zentralen Strahlen. Wenn die Pupille aufgeht, wirken diese Randstrahlen entsprechend stärker und es kommt aufgrund dessen zu einer Myopisierung.

Der dritte Faktor ist die sogenannte Purkinje-Verschiebung, also die Verschiebung der maximalen spektralen Hellempfindlichkeit, die bei Tag bei einer Wellenlänge von etwa 555 Nanometern liegt. In der Nacht verschiebt diese sich auf etwa 505 Nanometer. Diese Verschiebung der Hellempfindlichkeit in Richtung Blau sorgt dafür, dass relativ gesehen eine Kurzsichtigkeit entsteht, je nach Studienlage von 0,2 bis 0,5 Dioptrien. Dies ist über die chromatische Aberration begründbar.

Es wurde daher lange angenommen, dass diese drei Aspekte – die Akkommodationsruhelage, die sphärische Aberration und die Purkinje-Verschiebung – verantwortlich dafür sind, dass eine Nachtmyopie entsteht.

FOCUS: Bestätigen Ihre Studienergebnisse die Theorie, dass die Nachtmyopie der Hauptgrund für schlechtes Sehen bei Dunkelheit ist?

Hessler: Die Ergebnisse bestätigen das nicht, sondern es handelt sich wohl um Einzelfälle. In unserer Studie waren etwa 10 bis 15% von einer Nachtmyopie – oder besser Dämmerungsmyopie – von -0,25 bis -0,5 Dioptrien betroffen. Alle anderen zeigten keine Refraktionsänderung.

Zur Prävalenz in der Gesamtbevölkerung kann man aufgrund der kleinen Stichprobe aber wenig sagen, es war ja keine epidemiologische Studie. Aber heute wissen wir, dass diese Nachtmyopie für den Alltag – Einzelfälle ausgenommen – kaum eine Rolle spielt.

FOCUS: Sie differenzieren auch zwischen Dämmerungs- und Nachtmyopie. Weshalb ist diese Unterscheidung so wichtig?

Hessler: Ein wichtiger Punkt. Die Nachtmyopie im eigentlichen Sinne geht von skotopischen Bedingungen aus, das wäre die völlige Dunkelheit. In diesem Fall hätten wir keine Fixationsanreize, keine Akkomodationsreize und keine Farben.

Solche Bedingungen haben wir im Alltag aber eigentlich nie, außer vielleicht, wenn wir nachts in einem stockfinsteren Raum aufstehen, um auf Toilette zu gehen.

Im Gegensatz dazu haben wir beispielsweise im Straßenverkehr heute überall Lichter, seien es Laternen oder Scheinwerfer der Autos. Selbst die Innenbeleuchtung im eigenen Auto sorgt schon dafür, dass wir mesopische Bedingungen haben und keine skotopischen.

Und wir haben beim Autofahren Farbanreize. Wir sehen Ampelfarben, Straßenschilder, Verkehrszeichen der Autos und vieles mehr. Diese Situation unterscheidet sich maßgeblich vom Sehen in völliger Dunkelheit ohne jegliche Fixations- und Akkomodationsanreize. Denken wir nun an die vorher genannten Faktoren, wie beispielsweise die Akkomodationsruhelage, so ist es ganz logisch, dass die Dämmerungsmyopie deutlich schwächer ausfällt und die Nachtmyopie in völliger Dunkelheit keine Relevanz für den Alltag hat.

FOCUS: Welche Faktoren sind stattdessen verantwortlich für das schlechtere Sehen in der Dämmerung und bei Nacht?

Hessler: Zuerst sollte man hier an die ganz banalen Dinge denken. Also Punkt eins sollte sein, sich die Brille genau anzuschauen. Ist der Korrektionsstatus der Brille überhaupt richtig? Der zweite Punkt klingt noch banaler – aber wie viele Menschen haben ihre Brille oder die Autoscheibe wirklich perfekt geputzt? Und der dritte „Klassiker“: Sind die Brillengläser verkratzt? Solche Faktoren haben großen Einfluss.

Ein weiterer wesentlicher Faktor für das schlechte Sehen bei Dämmerung und Nacht ist die physiologische Visusreduktion, also dass der Visus mit abnehmender Leuchtdichte geringer wird. Pro Zehnerpotenz Leuchtdichte wird der Visus um ein bis zwei Stufen schlechter. In einem dunklen Raum „nur“ einen Visus von 0,6 oder 0,8 zu messen, ist somit erwartbar. Den einen stört das weniger, den anderen mehr, denn die Menschen sind beim Thema Sehen unterschiedlich sensibel.

Eine weitere Ursache kann das Auge selbst sein – vom Tränenfilm bis zur Netzhaut kann strukturell im Auge alles betroffen sein. Ein schlechter Tränenfilm beeinflusst Visus und Kontrast erheblich. Hier wäre ein einfacher Tipp, vor dem nächtlichen Autofahren Augenbenetzungstropfen zu geben.

Aber prinzipiell kann jede Struktur im Auge das Sehen in Dämmerung verschlechtern. Hornhautunregelmäßigkeiten können die Sicht stark beeinflussen, insbesondere wenn die Pupille groß wird. Eine Linsentrübung kann viel ausmachen, aber auch das Pupillenspiel, ein getrübter Glaskörper, bis hin zu retinalen Pathologien.

Außerdem lohnt sich die Frage nach der Häufigkeit nächtlicher Autofahrten, denn wenn jemand nur einmal in zwei Wochen nachts fährt, fühlt die Person sich unsicherer als ein Berufskraftfahrer oder Außendienstler, der nahezu täglich im Dunkeln unterwegs ist.

FOCUS: Wirkt sich auch das Alter auf das Sehen bei Dämmerung und in der Nacht aus?

Hessler: Mit steigendem Alter finden wir häufiger oben genannte Ursachen wie trockenere Augen oder Medientrübungen, zudem ist die Kontrastempfindlichkeit meist reduziert und die ganze Adaption kann langsamer ablaufen.

FOCUS: Wie sieht ein sinnvoller Untersuchungsablauf aus, um die Gründe für schlechteres Sehen bei Dämmerung und in der Nacht eindeutig zu evaluieren?

Hessler: Man muss auf Ursachensuche gehen. Wir starten mit der Tränenfilmanalyse, die ganz entscheidend ist für das Sehen beim nächtlichen Autofahren. Dann haben wir mit der Aberrometrie eine objektive Möglichkeit, bei unterschiedlichen Pupillendurchmessern Refraktionen zu prüfen und auch Fehler höherer Ordnung zu messen. Die Spaltlampenuntersuchung gehört unbedingt dazu, um den vorderen Augenabschnitt anzuschauen und die Medientransparenz. Die Hornhaut-Topographie deckt Irregularitäten auf und am Ende wäre auch die Netzhautuntersuchung noch sinnvoll, um retinale Auffälligkeiten zu erkennen.

Dann haben wir noch die Prüfung auf die Nachtmyopie selbst. Prüfen sollten wir dies trotz der Studienerkenntnisse, da es Einzelfälle gibt, die hiervon betroffen sind. Hier empfiehlt sich eine normale Refraktionsbestimmung unter mesopischen Bedingungen, das heißt, der Raum wird komplett abgedunkelt. Am besten wird mit Sehprobentafel geprüft und es ist wichtig, dass hier kein Display genutzt wird, das eventuell so überstrahlt, dass photopische Bedingungen entstehen.

Jetzt in den Wintermonaten kann man auch gut rausgehen und sich dort ein Fixationsobjekt suchen und einen Reality-Sehtest in der Natur machen.

Kurz erklärt

Purkinje-Verschiebung

Die Purkinje-Verschiebung beschreibt die Änderung der spektralen Hellempfindlichkeit des Auges beim Übergang vom photopischen Tagsehen zum skotopischen Nachtsehen. Beim photopischen Sehen liegt das Maximum der Hellempfindlichkeit bei circa 555 nm (grün-gelb). Bei skotopischem Sehen verschiebt es sich auf circa 505 nm (blau-grün). Dadurch erscheinen bei geringer Beleuchtung kurzwellige Farben (bläulich) heller als langwellige (rötlich), obwohl sie bei Tageslicht ähnlich hell wirken.

Kohlrauschknick

Die retinale Adaptation bezeichnet den Übergang vom Zapfensehen auf das Stäbchensehen. In der Literatur beschreibt der Begriff Kohlrauschknick den Punkt, an dem diesem Umschalten erfolgt. Man geht hierbei von einem Zeitpunkt zwischen 5 und 10 Minuten nach Eintritt der Dunkelheit aus.

FOCUS: Gibt es neue Technologien oder Materialien, die das Sehen bei schlechten Lichtverhältnissen verbessern könnten? Beispielsweise spezielle Brillengläser mit gelber Tönung oder Ähnliches?

Hessler: Mir persönlich sind keine publizierten Studien bekannt, die einen klinischen Beweis erbringen, dass diese Methoden eine objektive oder zumindest subjektive Verbesserung bringen. Ich würde daher davon abraten, solche Dinge pauschal anzubieten, da häufig andere Ursachen für das schlechtere Sehen verantwortlich sind. Andererseits habe ich Einzelfälle, bei denen helfen spezielle Filter oder gelbe Tönungen wunderbar, ich würde sie daher auch keinesfalls verteufeln. Wenn man Filter anbieten möchte oder auch spezielle Entspiegelungen, dann rate ich dazu, mit Kunden im Dunkeln rauszugehen, und die Filter o.ä. vorzuhalten und zu fragen, ob dies tatsächlich eine Verbesserung ist.

FOCUS: Was war für Sie persönlich die spannendste Erkenntnis in Ihren Studien zum Thema Sehen in der Dämmerung und bei Nacht?

Hessler: Sehr spannend fand ich, dass alle Ursachen, die in der Literatur als Grund für schlechteres Sehen bei Nacht genannt wurden, hauptsächlich auf Annahmen basieren, aber nicht auf empirischen Untersuchungen. Und dass klassische Faktoren wie sie überall in der Literatur stehen, beispielsweise die Purkinje-Verschiebung, keine Relevanz für das nächtliche Autofahren haben, weil diese nur unter skotopischen Bedingungen eintritt. Ähnliches gilt für den Kohlrausch-Knick, den Knick in der Dunkeladaptionskurve, der beim Übergang von Zapfensehen zum Stäbchensehen entsteht. Auch dieser hat für die Nachtsicht keine Relevanz.

FOCUS: Welche zukünftigen Forschungsfragen lassen sich aus den bisherigen Studienergebnissen ableiten?

Hessler: Man könnte eine multifaktorielle Studie machen und alle denkbaren Punkte einbetten, um die Hauptursache zu finden, warum die meisten Menschen in Dämmerung und bei Nacht schlecht sehen. Dann wüssten wir, ist es wirklich die physiologische Visusreduktion oder vielleicht doch der Tränenfilm etc. Aber auch in epidemiologischen Studien herauszufinden, wie viel Prozent der Bevölkerung betroffen sind, wäre spannend.

Eine recht spezielle, aber auch interessante Fragestellung wäre zudem jene nach der Bedeutung der Blauzapfenempfindlichkeit auf die Verschiebung der gesamten spektralen Empfindlichkeit. Insgesamt gibt es noch einige unbeantwortete Fragen, sodass weitere Forschung in diesem Bereich absolut Sinn macht.

FOCUS: Vielen Dank für das Gespräch.

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