Signalwirkung für Augenscreenings?
Skleo im Spannungsfeld der Vorsorge
Das Urteil steht noch aus, doch die mündliche Verhandlung vor dem Landgericht Karlsruhe hat bereits eine Richtung erkennen lassen: Im Streit um das von dm angebotene Augenscreening rückte weniger die formale Ausgestaltung als die Frage möglicher Gesundheitsrisiken in den Mittelpunkt. Für Skleo Health als Umsetzungspartner könnte die Entscheidung Signalwirkung für die Rolle von Screening-Angeboten in der Prävention haben. Im Interview mit FOCUS erläutert CEO Dr. Alex Hein, welche Folgen das Verfahren für die Vorsorge und die Zukunft augenoptischer Screenings haben könnte.
FOCUS: Ende November will das Landgericht Karlsruhe sein Urteil zum dm-Augenscreening verkünden. Welche Konsequenzen könnte die Entscheidung für Screenings durch fachfremde Unternehmen haben?
Hein: Im Kern geht es um die grundlegende Versorgungsaufgabe, wie wir Prävention angesichts des demografischen Wandels, steigender Systemkosten und zunehmender Engpässe in der fachärztlichen Versorgung mithilfe neuer technologischer Möglichkeiten gestalten wollen. Unsere Mission basiert auf der Überzeugung, dass niemand vermeidbar Sehkraft verlieren sollte, nur weil Vorsorge zu langsam, zu teuer oder weit weg ist. Blickt man auf die aktuelle Situation im Gesundheitssystem – worauf auch die Politik vermehrt hinweist –, wird deutlich: Wir benötigen digitale Ersteinschätzungen und systemische Lösungen, um Patienten gezielt zu steuern, Wartezeiten zu verkürzen und Fachärzte zu entlasten. Niedrigschwellige Angebote an Orten des täglichen Lebens spielen dabei eine entscheidende Rolle. Es ist daher zu begrüßen, dass hier rechtliche Klarheit geschaffen und der Grundsatz für moderne Vorsorge gelegt wird. Dass dabei höchster Patientenschutz und verlässliche Qualität an oberster Stelle stehen, ist für uns selbstverständlich. Unser operatives Geschäft und dessen Skalierung laufen wie geplant weiter.
FOCUS: Seit September übernimmt die mkk die Kosten für das Skleo-Augenscreening. Hintergrund sind Versorgungslücken bei Menschen mit Typ-2-Diabetes. Gibt es Verhandlungen mit weiteren Krankenkassen?
Hein: Damit Vorsorge nicht an finanziellen Hürden scheitert, sind Krankenkassen für uns ein wichtiger Partner, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Darüber hinaus leisten Kassen und Versicherungen im Gesundheitsbereich einen maßgeblichen Beitrag zur Aufklärung und damit zur Verhaltensänderung, was gerade in der Prävention entscheidend ist. Wir arbeiten kontinuierlich daran, unser Angebot weiter auszubauen. Wir befinden uns in Gesprächen, können aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts Konkretes verkünden. Unser Ziel bleibt es, den Zugang zur Vorsorge flächendeckend zu verbessern.
FOCUS: Welche medizinischen und wirtschaftlichen Argumente sind für eine Kostenübernahme entscheidend?
Hein: Rund 9,7 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Augenerkrankung. Erkrankungen wie die Altersbedingte Makuladegeneration (AMD), das Glaukom oder diabetische Augenerkrankungen verlaufen über lange Zeit völlig symptomlos. Wenn sie unentdeckt bleiben, führen sie nicht selten zum vollständigen Sehverlust – was mit großem Leidensdruck für die Betroffenen und erheblichen Kosten für das Gesundheitssystem (direkte Behandlungskosten sowie indirekte gesellschaftliche Kosten, z.B. anfallende Pflegekosten etc.) verbunden ist. Eine frühzeitige Erkennung bietet jedoch die Chance, die Versorgungspfade für Betroffene optimal zu gestalten.
Aus gesundheitsökonomischer Sicht bieten Screenings ein enormes Einsparpotenzial: Die Vermeidung teurer Spättherapien führt laut Modellrechnungen zu einem signifikanten Netto-Spareffekt. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das bei der diabetischen Retinopathie. Früherkennung ist daher sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich hochgradig sinnvoll.
FOCUS: Erreichen die Angebote wirklich bislang unterversorgte Menschen?
Hein: Über 70% unserer Nutzer waren seit mehr als zwei Jahren nicht beim Augenarzt. Das zeigt, dass wir mit niedrigschwelligen Angeboten tatsächlich jene Menschen erreichen, die sonst durch das Raster der Vorsorge fallen würden.
FOCUS: Welche Rolle spielen Augenoptiker und Optometristen im Screening-Konzept von Skleo?
Hein: Eine zentrale Rolle – der Großteil unserer Standorte entfällt auf Augenoptikbetriebe. Wir schätzen die Zusammenarbeit mit den Augenoptikern und Optometristen sehr und bauen gezielt auf diese Partnerschaft. Während sie die erforderlichen Daten und Messwerte vor Ort erheben, ergänzen wir im Hintergrund durch die strukturierte Auswertung und die direkte Anbindung an die medizinische Weiterversorgung bei auffälligen Ergebnissen. Die Augenoptiker und Optometristen übernehmen jedoch eine noch entscheidendere Rolle: Sie bringen ihr fundiertes Fachwissen, die individuelle Beratung und die persönliche Kundenbeziehung ein. Genau diese Vertrauensstellung ist für uns von unschätzbarem Wert, um die richtigen Personen direkt in ihrem Alltag zu erreichen und eine durchweg positive Kundenerfahrung zu schaffen. Vertrauen entsteht durch Qualität und gelebte Partnerschaft: Die Augenoptik hat für uns einen enorm hohen Stellenwert, und die enge strategische Partnerschaft mit Hoya zeigt, dass unser Weg auch von etablierten Branchengrößen getragen wird.
FOCUS: Wie entwickelt sich die Zusammenarbeit mit Augenoptikbetrieben nach einiger Kritik an der dm-Kooperation?
Hein: Dass es zu Beginn Kritik gab, lag auch an einer unzureichenden Kommunikation unsererseits – das haben wir bereits offen eingeräumt. Mittlerweile ist diese Debatte weitestgehend abgeflacht und spielt in den täglichen Gesprächen keine Rolle mehr. Die Zusammenarbeit mit den Betrieben entwickelt sich heute ausgesprochen positiv, da die enormen Chancen der Kooperation in der Branche zunehmend erkannt werden.
Unsere Partnerbetriebe profitieren dabei gleich in zweifacher Hinsicht: Zum einen leiten wir dm-Kunden, bei denen im Rahmen des Screenings festgestellt wird, dass eine Korrektion der Sehstärke notwendig ist, gezielt an unsere Partneroptiker weiter. Zum anderen erzeugt die Kooperation mit dm eine enorme gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema Augengesundheit. Von diesem Sensibilisierungseffekt profitiert die gesamte Branche, allen voran unsere Partner in der Augenoptik. So entsteht ein effektives Drive-to-Store-Konzept, das den Fachgeschäften ohne eigene Marketingausgaben völlig neue Kundengruppen zuführt.
FOCUS: Wie werden die Screening-Qualität und die augenärztliche Weiterbetreuung bei auffälligen Befunden sichergestellt?
Hein: Qualität entsteht bei uns durch doppelte Sicherheit: Künstliche Intelligenz unterstützt im ersten Schritt bei der hochpräzisen Voranalyse der Messdaten und Fundusaufnahmen. Da weder Technologie noch Mensch alleine unfehlbar sind, folgt direkt der entscheidende zweite Schritt: Jedes einzelne Screening wird bei Skleo immer und ausnahmslos durch Fachärzte für Augenheilkunde medizinisch validiert. Erst diese Kombination aus KI-Präzision und ärztlichem Urteil garantiert ein hohes Qualitätsniveau. Darauf basierend leiten wir zielgerichtet genau die Personen weiter, die eine medizinische Abklärung benötigen.
Sollte ein Ergebnis auffällig sein, sichern wir die Weiterbetreuung über unser Facharzt-Netzwerk ab: Skleo-Kunden erhalten auf Wunsch über ein eigenes Terminkontingent innerhalb von wenigen Tagen einen Termin in einer Partnerpraxis. Dabei machen wir keinerlei Unterschied zwischen gesetzlich und privat versicherten Patienten.
FOCUS: Vielen Dank für das Gespräch.




