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Brennpunkt: Mangelware

Bild: eyepress

Die sogenannte Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit bewertet jährlich rund 1.200 Berufe anhand von sechs statistischen Indikatoren, darunter die ­Vakanzzeit (die Dauer, bis eine Stelle besetzt wird), die berufsspezifische Arbeitslosenquote und die Entgeltentwicklung. Ein Beruf wird als Engpassberuf eingestuft, wenn der Punktwert dieser Indikatoren 2,0 oder höher beträgt. 

In der jüngsten Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit rangiert die Augenoptik mit einem Wert von 2,7 weit oben – allerdings nicht etwa wegen überbordender Beliebtheit, sondern wegen akuten Fachkräftemangels. Unsere Branche gehört schon seit Jahren zu jenen Berufsfeldern in Deutschland, die sich offensichtlich schwertun, offene Stellen zu besetzen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Branche hat ein Problem. Und es ist hausgemacht.

Denn während die Augenoptik hohe Qualifikationen erwartet – von präzisem handwerklichem Können über medizinisches Grundwissen bis hin zu Beratungskompetenz und Technikaffinität – bleibt die Bezahlung weit hinter diesen Anforderungen zurück. Es wundert nicht wirklich, dass in einem Beruf, der so viel verlangt, aber so wenig finanzielle Anreize bietet, es immer schwerer wird, Nachwuchs zu finden. 

Im Jahr 2024 wurden laut neuem Branchenbericht vom ZVA (mehr darüber erfahren Sie ab Seite 14) bundesweit 2.328 neue Ausbildungsverträge gemeldet. Das entspricht einem Rückgang von gut 10% im Vergleich zu 2023. Doch die junge Generation ist nicht faul, sondern schlicht nicht bereit, sich unter Wert zu verkaufen. Wer ein paar Euros mehr verdienen will, sprint dann zur nächsten Weiterbildungsstufe und wird Meister oder studiert. 

Ein weiterer Engpass wird erwartet, weil es aktuell mit 35% zu einem Spitzenwert bei den vorläufigen Vertragsauflösungen von Ausbildungen kam. Der Geselle ist bereits jetzt ein seltenes Exemplar geworden und diese Entwicklungen werden den Mangel weiter verstärken. Das zeigt auch die massive Suche danach. Diese liegt laut Branchenbericht bei rund 89%. 

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Viele Betriebe in unserer Branche leben heute noch immer von ihrem Selbstbild „halb Gesundheitswesen, halb Lifestyle“ – das mag nach außen wirken, aber innen fehlt es an Substanz: ­Anreize, Entwicklungsperspektiven, echte Wertschätzung. Wer heute junge Menschen für sich gewinnen will, braucht ein realistisches Entwicklungspotenzial in einem Arbeits­umfeld mit fairer Bezahlung und klarer Perspektive.

Es gibt jedoch Betriebe, die wir im FOCUS schon häufiger ­vorgestellt haben, und die es auch tatsächlich schaffen, ihre Mitarbeiter zu halten und bei denen sogar Initiativbewerbungen (kein Witz!) in regelmäßigen Abständen hereinflattern. In solchen Betrieben rangieren ein starker Teamgeist, ein Entgegenkommen bei flexibler Arbeitszeit, Weiterbildungsangebote, Extra-Urlaubstage oder Provisionen weit oben. 

Das müsste doch auch bei dem ein oder anderen zusätzlichen Augenoptikbetrieb noch drin sein, oder? Denn (aller)spätestens jetzt, wäre es doch einmal Zeit, sich hier zu hinterfragen.Was ist besser: Mit verkrusteten Strukturen weiter in Gefahr  zu geraten, es sich auch noch mit dem verbliebenen Mitarbeiterstamm zu verscherzen? Oder mit der Zeit zu gehen und den sich ändernden Anforderungen der Bewerber. 

Ein Betrieb aus dem oberbayerischen Weilheim ist gar einen ganz neuen Weg gegangen. Dort hat man solch eine heute eher selten gewordene Initiativbewerbung bekommen – ­allerdings nicht aus Bayern, sondern aus einem kleinen ­Wüstenort in Marokko. Eine junge, gut ausgebildete Augenoptikerin bewarb sich hier auf eine Stelle. Bis es zu einer Teilanerkennung ihres Studiums der Feinoptik und Optometrie kam, war ein sehr großes Maß an Willen und Durchhaltekraft erforderlich. Nach einem schier endlos-langen Hindernisparcours durch die deutsche Bürokratie. 

Ohne den Beistand und die Hartnäckigkeit ihrer Arbeitgeber wäre das kaum möglich gewesen. Wie die Augenoptikerin als Pionierin doch noch eine volle Anerkennung ihres Studiums erreichen konnte, lesen Sie hier.

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